{"id":103829,"date":"2016-03-30T15:34:28","date_gmt":"2016-03-30T13:34:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=103829"},"modified":"2016-03-30T22:45:21","modified_gmt":"2016-03-30T20:45:21","slug":"kurz-reisen-bis-ans-ende-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/kurz-reisen-bis-ans-ende-der-welt\/","title":{"rendered":"Kurz reisen bis ans Ende der Welt"},"content":{"rendered":"<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2016\/03\/640px-Der_Trabi.jpg\" alt=\"640px-Der_Trabi\" width=\"640\" height=\"426\" class=\"alignnone size-full wp-image-103830\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2016\/03\/640px-Der_Trabi.jpg 640w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2016\/03\/640px-Der_Trabi-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2016\/03\/640px-Der_Trabi-600x399.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p><br \/>\n<small>(Foto: <a href=\"https:\/\/it.wikipedia.org\/wiki\/Trabant#\/media\/File:Der_Trabi.jpg\">Paul Stainthorp<\/a> \u2022 CC BY-SA 2.0)<\/small><\/p>\n<p>210 Kilometer. So weit war es damals mit dem Auto nach Mecklenburg, in das klitzekleine Dorf, in dem mein Vater gro\u00df wurde und meine Oma auf ihrem Hof lebte. Wir fuhren 2-4 Mal im Jahr mit dem Auto dort hin &#8211; manchmal auch \u00f6fter. Heute f\u00e4hrt man das in 90 Minuten weg, mit dem Trabbi meines Vaters allerdings planten wir damals immer drei Stunden Wegstrecke. Mindestens. Jede dieser Fahrten wurde zelebriert, als w\u00fcrde man ans Ende der Welt fahren. \u00dcberhaupt wurden alle unserer Urlaubsfahrten, die mit dem Auto unternommen wurden, so gestaltet: ans Ende der Welt fahren. So ganz falsch war das auch gar nicht, schlie\u00dflich endete unsere doch recht kleine Welt an der Mauer. So waren unsere kurzen Reisen so gut wie immer etwas ganz Gro\u00dfes.<\/p>\n<p>Den Abend davor wurden f\u00fcr die Fahrt Buletten oder Schnitzel in Senfteig gebraten und Kartoffelsalat angesetzt. Morgens wurde vor der Abfahrt, die immer sehr fr\u00fch stattfand &#8211; schlie\u00dflich galt es noch vor dem Mittag, das Oma kochte, das Ende der Welt zu erreichen &#8211; Kaffee f\u00fcr die Thermoskanne gekocht und es wurden Brote geschmiert. Was man halt f\u00fcr 210 Kilometer so brauchte damals. Wenn es mal in den S\u00fcden ging, war das Reiseproviant gerne noch etwas umfangreicher. Das Ende der Welt wollte niemand mit leerem Magen erreichen.<\/p>\n<p>Auf den Fahrten wurde dann neben den von uns Kindern erzwungenen Pinkelpausen mindestens eine Essenpause eingelegt. An den Autobahnparkpl\u00e4tzen gab es damals fast \u00fcberall noch so Sitzecken mit Tischen, die man wunderbar f\u00fcr ein Picknick nutzen konnte. Rastst\u00e4tten an Tankstellen, die heute fast die Gr\u00f6\u00dfe des Flughafens Leipzig\/Halle haben, gab es eher selten. Wenn es sie gab, gab es f\u00fcr uns eine Grilletta auf die Hand. Wenn nicht wurde das ganze vorbereitete Essen auf den Tisch gepackt und weggeputzt. Und zwar langsam, man hatte es fast nie sonderlich eilig. \u201eReisen statt rasen\u201c war ein Leitspruch meines Vaters, den er bis zu seinem Tode treu blieb, auch wenn die Autos da schon sehr viel schneller und die Wege sehr viel k\u00fcrzer waren. Das Ende der Welt hatte sich verschoben, f\u00fcr 210 Kilometer brauchte kein Mensch mehr drei Stunden. <\/p>\n<p>Wenn wir so mit dem alten Trabbi \u00fcber die Transitautobahn richtig Schwerin fuhren besch\u00e4ftigten wir Kinder uns damit, Automarken zu z\u00e4hlen. Auf jeder Reise kategorisierten wir jedes an uns vorbeifahrende Auto und f\u00fchrten Strichlisten \u00fcber die Marken und Modelle. VW, Audi, Opel, Mercedes, BMW. Golf, 100er,  Ascona, 190er, 3er und so weiter. In drei Stunden kam da so einiges zusammen und ich bin mir ziemlich sicher, das statistische Bundesamt w\u00e4re damals ziemlich stolz auf uns gewesen. Au\u00dferdem h\u00e4tten sie einen guten \u00dcberblick dar\u00fcber bekommen k\u00f6nnen, wie viele Bundesb\u00fcrger mit welchen Autos auf den Autobahnen der DDR unterwegs waren. Sie haben nie danach gefragt.<\/p>\n<p>Wenn uns das nicht auslastete, f\u00fchrten wir \u00e4hnliche Strichlisten mit den Anfangsbuchstaben auf Nummernschildern. Die meisten hatten immer ein \u201eI\u201c, das damals alle als Berliner erkennbar machte. Wenn wir mal einen Buchstaben nicht zuordnen konnten, sahen wir auf den letzten Seiten des DDR-Stra\u00dfenatlas\u2019 nach, wo die alle f\u00fcr den Osten der Republik gelistet waren. Dieser lag immer ordentlich im Kofferraum des kleinen, leuchtgr\u00fcnen Kombis. <\/p>\n<p>Den Rest der Zeit, von der dann gar nicht mehr all zu viel \u00fcbrig blieb, stritten wir Br\u00fcder uns gerne und leidenschaftlich. Zum Leidwesen unserer Eltern, die wohl auch deshalb gerne eine Pause zu viel als zu wenig einlegten. <\/p>\n<p>Jede dieser Reisen, war gemessen an dem, was mitunter heute im Auto an Strecke zur\u00fcckgelegt wird, ein Klacks. F\u00fcr uns waren es immer kurze Reisen bis ans Ende der Welt und somit &#8211; na klar &#8211; gro\u00dfe Abenteuer. <\/p>\n<p>Heute fahren wir 600 Kilometer in gut unter f\u00fcnf Stunden. Ballern, wenn das Auto es zul\u00e4sst,  mit 160+ \u00fcber die Autobahnen und halten, wenn es sich einrichten l\u00e4sst, am liebsten gar nicht mehr an. Gegessen wird vorher und\/oder hinterher. Wir haben doch keine Zeit! \u201eReisen statt rasen\u201c z\u00e4hlt nur noch selten.  Fahren als Mittel zum Zweck, schnell von A nach B zu kommen. Und nicht mehr als gro\u00dfes Abenteuer, das es damals noch jedes Mal zu zelebrieren galt.<\/p>\n<p>Die Kinder besch\u00e4ftigen sich nicht mehr mit Strichlisten. Sie haben irgendwelches Elektronikspielzeug, Kopfh\u00f6rer und auf dem iPad mindestens zwei Filme, die f\u00fcr solche Fahrten extra ausgeliehen werden. F\u00fcr uns Eltern ein Segen. Sie streiten nichtmal mehr richtig, weil sie eh die ganze Zeit unter ihren Kopfh\u00f6rern stecken, wo sie, jeder f\u00fcr sich, Musik h\u00f6ren k\u00f6nnen, die nur sie h\u00f6ren wollen. Wir Eltern h\u00f6ren derweil gleichzeitig unsere Spotify\/Apple\/Tidal\/Whatever-Playlisten, die wir per Kabel ins Autoradio kriegen, wobei wir gleichzeitig unsere Smartphones laden. Die Musik, die unsere Eltern damals aus ihrem Autoradio ohne Kassettendeck holten, grenzte mitunter an akustische Folter und w\u00fcrde heute wahrscheinlich das Jugendamt auf den Plan rufen. <\/p>\n<p>Das kurze Reisen hat sich ver\u00e4ndert. Irgendwie traurig: irgendwann blieb das Abenteuer sprichw\u00f6rtlich auf der Strecke. Irgendwie geil: zack, zack, von hier nach da. Schnell hin und wieder weg. Gegessen wird sp\u00e4ter. Es gibt viel zu sehen, keine Zeit, alles zu sehen &#8211; versuchen wir so viel wie m\u00f6glich. Nebenbei sitzt man auf dem Beifahrersitz eines Bullis und schreibt Texte ins Internet. So wie ich gerade. Kurz vor der Ostsee, die das heute zu erreichende kleine Ende der Welt f\u00fcr uns sein soll. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Foto: Paul Stainthorp \u2022 CC BY-SA 2.0) 210 Kilometer. 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