{"id":1089,"date":"2007-07-09T13:44:52","date_gmt":"2007-07-09T11:44:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1089"},"modified":"2007-07-09T13:51:04","modified_gmt":"2007-07-09T11:51:04","slug":"samstagmorgen-400-uhr-potsdam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/samstagmorgen-400-uhr-potsdam\/","title":{"rendered":"Samstagmorgen, 4:00  Uhr, Potsdam"},"content":{"rendered":"<p>Babelsberg. Ich muss nach Bornstedt. Irgendwie. Denkbar schlechte Vorraussetzungen um den n\u00e4chtlichen Heimweg in weniger als zwei Stunden hinter sich zu bringen. Aber es muss ja. Erstmal zum Lutherplatz. Da f\u00e4hrt allerhand, zumindest tags\u00fcber. K\u00f6nnte man Gl\u00fcck haben. Aus dem Liniennetzplan werde ich nicht schlau, wurde ich noch nie. Der f\u00fcr die Nachtverbindungen ist noch verwirrender, als es der f\u00fcr Tags ohnehin schon ist. Nach zwei Minuten gebe ich auf. Da steige ich nicht hinter, das bringt mich nicht nach Hause. Kann sein, dass es daran liegt, dass ich ein, zwei, drei Wodka zu viel hatte aber das tut ja nichts zur Sache. Ich \u00fcberlege kurz, warum ich eigentlich nicht mit dem Rad gefahren bin. Dann br\u00e4uchte ich 20 Minuten und w\u00e4re im Bett. Ich schiebe die zuvor getroffene Entscheidung darauf, dass ich auch vorher schon wusste, wie der Abend enden w\u00fcrde und ich dann auch mit dem Fahrrad nicht wirklich gut voran gekommen w\u00e4re. Ist auch egal jetzt, muss ja trotzdem. Da kommt ein Bus. Nachtbus Linie irgendwas. Der Plan sagt: Hauptbahnhof, Alter Markt, Platz der Einheit. Das bringt mich wenigstens schonmal auf die andere Seite, \u00fcber den Kanal. Du bist mein Bus, Baby. Der Fahrer l\u00e4chelt. Ich wei\u00df nicht genau, wie ich das deuten soll und setze mich hin. Der Bus ist leer, wie er leerer nicht sein k\u00f6nnte. Hinten sitzt ein Mann mit Kappe und schaut vertr\u00e4umt aus dem Fenster. Als ich beim T das Haus verlassen hatte, habe ich einen Mix angemacht, den er frisch fertig hatte. L\u00e4nge: 01:00.12. Ich setze mir in Kopf, mit sp\u00e4testens dem letzten Takt dieses Mixes meine Haust\u00fcr aufzuschliessen, wohlwei\u00dflich, dass das ziemlich unrealistisch ist. Der Bus f\u00e4hrt auf die Nuthe-Schnellstra\u00dfe und dann \u00fcber den Humboldtring. Was soll der denn der Quatsch? Dann h\u00e4tte ich auch vorne lang laufen k\u00f6nnen und w\u00e4re schneller gewesen. Am Hauptbahnhof h\u00e4ngen \u00fcber den Oberleitungen, die die Strassenbahnen mit Strom versorgen zus\u00e4tzlich noch andere, quer \u00fcber die Strasse gespannte, Stahlseile. An denen h\u00e4ngen gro\u00dfe Lampen. Sie ersetzen hier offenbar die klassischen Strassenlaternen. Davon gibt es keine. Wenn es windig ist, wiegen sich diese Lampen im Wind und die Strassen beginnen dadurch lebendig zu werden. Es ist sehr windig jetzt. Alles flie\u00dft irgendwie und bewegt sich. Da kein Auto zu sehen ist, geht dieser Effekt direkt auf die Stra\u00dfe. Sieht irgendwie kuhl aus, finde ich. Hat was von geplanten Lichteffekten. Am Bahnhof warten einige Menschen auf irgendwelche Busse, die sie nach Hause bringen k\u00f6nnten: Macht euch blo\u00df nicht all zu viel Hoffnung, dass das bei euch schneller geht, als bei mir, denke ich. Der Mann mit der Kappe steigt aus dem Bus und ich bleibe nun der einzige Fahrgast. Nach der langen Br\u00fccke sehe ich so gut wie keine Seele mehr auf den Stra\u00dfen. Wie auch: heute war nicht viel los, so weit ich wei\u00df. Platz der Einheit steige ich aus und erblicke auf dem elektronischen &#8211; quasi 2.0 &#8211; Fahrplan mein gew\u00fcnschtes Ziel. Nachtbus Linie irgendwas:  Kirschallee 29 Minuten. Das dauert mir zu lange, da kann ich schonmal was ablaufen von. Auf der anderen Stra\u00dfenseite steht ein Taxi. Ich \u00fcberlege kurz, verwerfe den aufkommenden Gedanken aber sofort wieder. Die 15 Euro gebe ich lieber Morgen aus. Es \u00fcberrascht und verwundert  mich zutiefst, wie wenig hier los ist: gar nichts n\u00e4mlich. Ich sehe niemanden, so sehr ich mich auch bem\u00fche. Ich laufe die Ebert-Stra\u00dfe runter. Vor dem \u201eEbert 95\u201c sitzt der t\u00fcrkische Ladenbesitzer und wartet auf die letzten  &#8211; oder schon die ersten &#8211; Kunden des Tages. Das Rossini leuchtet, als sei da drin ein Staatsbanquet. Es schummelt, denn es hat seit mindestens zwei Stunden geschlossen. Ich glaube, dass ist so eine Berlin-Macke, dass immer alles in vollem Glanze strahlen muss. Wozu eigentlich, frage ich mich. Seitdem ich auf der Ebert bin, ist mir niemand begegnet, der das sehen k\u00f6nnte. Vielleicht haben die das auch extra nur f\u00fcr mich gemacht, denke ich und schiebe en Gedanken wieder fort. Tags\u00fcber ist hier richtig was los. Im Moment aber: Totentanz total. Mir f\u00e4llt auf, wie dunkel es ist, wenn man Nachts durch das Nauener Tor geht. Irgendwie gru\u00dfelig. Vor dem Stadthaus sitzt ein einsamer Nachtbusreisender und wartet auf die Linie, mit der ich auch fahren w\u00fcrde. Es dauert aber hier auch noch 19 Minuten. Ich gehe weiter. An der russischen Kolonie wird es kniffelig. Entweder ich folge der Strassenbahnschiene, die um die Kolonie rumf\u00e4hrt und die, wie ich annehme, auch mein Bus fahren wird, oder ich laufe diagonal durch die Alexandrowka, um am Ende wieder auf die Linie zu sto\u00dfen. Ich tue es so. Wollte ich schon immer mal sehen, diese sch\u00f6nen alten Holzh\u00e4user im Dunkel. Hinter mir kommen zwei Radfahrer. Sie fahren Mountainbikes der Marke \u201ePenny mag es billig\u201c, haben kein Licht, rauschen an mir vorbei und verschwinden in der Dunkelheit. Es bleiben die letzten Menschen, die ich auf meinem Weg zu sehen bekomme und es ist noch weit. Ich glaube, Potsdam ist das gr\u00f6\u00dfte Dorf der Welt. Auch daf\u00fcr liebe ich es ein bisschen. Als ich an der n\u00e4chsten Strassenbahnhaltestelle ankomme, stelle ich fest, dass der Nachtbus offenbar einen anderen Weg nimmt. Schei\u00dfe. Zur\u00fccklaufen lohnt nicht, also wohl doch noch \u00fcber den Campus der Fachhochschule und am Volkspark vorbei. In den Werkst\u00e4tten der FH brennt schon, oder immer noch Licht. Ich \u00fcberquere die Stra\u00dfe, um mir das genauer anzusehen. Vor mir aus dem Gr\u00fcnstreifen springt ein Hase und verschwindet Richtung Alexandrowka \u00fcber den Asphalt. Die Werkstatt hier sieht aus, wie so eine, in der wir damals immer <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Einf%C3%BChrung_in_die_sozialistische_Produktion\">ESP<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Produktive_Arbeit_%28DDR%29\">PA<\/a> hatten. Es sch\u00fcttelt mich kurz. Ich gehe weiter. Der Volkspark schl\u00e4ft, so wie der Rest in Bornstedt auch. Hier gibt es nichts zu sehen und nichts zu entdecken um diese Zeit, der Weg wird z\u00e4h. Irgendwo hinter dem Volkspark geht die Sonne auf und mich \u00fcberkommt dieses Gef\u00fchl, was mich immer auf Festivals ereilt, wenn die Sonne aufgeht. Der neue ag k\u00f6nnte Gro\u00dfes bringen, denke ich. Ich laufe etwas schneller und stecke den Schl\u00fcssel zu den letzten Takten des Mixtapes in die T\u00fcr. Der Track ist von uns und passt bestens in diesen Morgen. Ich setze mich in die K\u00fcche, sehe, dass der Himmel immer heller wird, trinke ein letztes Bier, rauche eine letzte Zigarette.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Babelsberg. Ich muss nach Bornstedt. Irgendwie. Denkbar schlechte Vorraussetzungen um den n\u00e4chtlichen Heimweg in weniger als zwei Stunden hinter sich zu bringen. 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