{"id":1182,"date":"2007-08-20T14:26:29","date_gmt":"2007-08-20T12:26:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1182"},"modified":"2007-08-21T00:33:44","modified_gmt":"2007-08-20T22:33:44","slug":"mangelflashback","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/mangelflashback\/","title":{"rendered":"Mangelflashback"},"content":{"rendered":"<p>Wenn die konsume Versorgungslage im Ostdeutschland der Achtziger mal mangelhaft war und das war sie eigentlich fast immer, gab es nicht all zu viele M\u00f6glichkeiten, an die G\u00fcter zu gelangen, nach dem es einen gerade fehlte, auch wenn es eigentlich nicht grunds\u00e4tzlich an Grundversorgung mangelte. Manchmal aber sollte es schon ein wenig mehr sein, als die frische Rahmbutter, die Kartoffeln, den Kohl, &#8211; den es immer und \u00fcberall gab &#8211; , die Club Cola, frische Vollmilch aus T\u00fcten und den ekelhaften Joghurt, der so aussah, wie man es heute von gegossenem Silicon kennt. Nein, manchmal sollte es mehr sein. Sachen, die hier und heute als so selbstverst\u00e4ndlich gelten, dass man auf sie gar nicht mehr achten m\u00fcsste. Man kauft sie einfach.<br \/>\n   F\u00fcr alle die, die damals dort wohnten, wo sich das Bundesland erstreckt, was heute Brandenburg hei\u00dft, gab es nur einen Weg an die begehrten Sachen zu kommen. Dieser f\u00fchrte nach Berlin. Da war es dann egal, wohin man ging, denn die Kaufhallen dort waren um einiges besser best\u00fcckt, als man es in den brandenburgischen Kleinst\u00e4dten gewohnt war. Man konnte quasi in einen Konsumrausch verfallen, an dessen Ende man eine Handvoll Alu-Geld und jede Menge bunte Scheine \u00fcber die kleinen Kassiererinnentresen reichte. Man sagt, dass auch die Sachsen besser versorgt gewesen sein sollten, was sich wohl daraus begr\u00fcndete, dass sie aus technischen Gr\u00fcnden kein Westfernsehen empfangen konnten, weshalb man sie immer &#8222;das Tal der Ahnungslosen nannte&#8220;. Der Staat wollte offenbar einen Ausgleich schaffen und sie somit bei der Stange halten, was am Ende dann dennoch nicht gelang, aber das tut hier nichts zur Sache, ausserdem wei\u00df ich nicht mal so recht, ob da was dranne ist, oder es sich nur um eine s\u00e4chsische Konsumlegende handelt. Ich war nie in einer Kaufhalle in Sachsen. Wer sich den Weg bis darunter machte, fuhr gleich durch bis in die damalige \u010cSSR und ging dort einkaufen. So denn man ein Visum hatte zumindest. Dort gab es die beiden gro\u00dfen Cola-Marken, die man aus der Westwerbung kannte und die Honnecker nach der Macht\u00fcbernahme von Ulbricht aus den Kaufhallen verbannt hatte.  Wenn man in der Branderburger Steppe wohnte, die zudem noch durch den Schatten der Berliner Mauer besonders tr\u00fcbsinnig vor sich hin siechte, fuhr man in die Hauptstadt. Man fuhr nach Berlin.<\/p>\n<p>Es hatte immer etwas von einem samst\u00e4glichen Familienausflug wenn eine Einkaufsreise nach Ost-Berlin anstand. Im Regelfall machten die Eltern das alle sechs Wochen, es sei denn, es entstand aus nicht vorhersehbaren Gr\u00fcnden, eine Konsuml\u00fccke, die man nur dort schnell und einfach stopfen konnte. So wie bei dem Kotfl\u00fcgel f\u00fcr den Trabbi, der mal schnell besorgt werden musste. Nachdem die Schule, die wir ja auch immer Samstag hatten, beendet war, gab es rituell schnell noch Kotelett und Gem\u00fcse und dann stieg die ganze Familie in den Trabant 601 &#8222;deluxe&#8220; Kombi, um in das 35 Kilometer entfernte Ost-Berlin zu fahren.<br \/>\nDer Weg f\u00fchrte uns vorbei an Gro\u00dfbeeren \u00fcber Mahlow nach Sch\u00f6nefeld weiter bis zum Adlergestell, dass auch fast schon das Ziel der Reise war. Wenn alle gut gelaunt, das Wetter gut und die Zeit noch vorhanden war, machten wir Zwischenstopp auf dem Flughafen in Sch\u00f6nefeld und sahen uns an, wie die Flugzeuge aus aller Welt in unserem kleinen, grauen Land landeten. Dabei fragte ich mich immer, was die wohl hierher treiben k\u00f6nnte, weshalb ich all die, die die Flugzeuge betraten, um wieder fort zu fliegen, auch bestens verstehen konnte, wenn auch ich nicht wusste, wer die waren und was ihre Bewegr\u00fcnde f\u00fcr ihre Reisen waren. Ich mochte den Flughafen. Er war so modern und es roch \u00fcberall nach Intershop. Au\u00dferdem gab es dort Pommes, was im Osten auch Seltenheitswert hatte und mit ein wenig Geschick bekam man die Eltern auch dazu, welche zu bezahlen. Ein paar Meter vor dem Flughafen, vorne an der Strasse, war der Intershop. Ich liebte diesen Laden. Nur von aussen schon. Er versprach im Inneren seines Leibes, die ganze bunte, heile, s\u00fc\u00dfe und fassungslose Konsumwelt, mit der sie im Fernsehen immer die Mainzelm\u00e4nnchen unterbrachen. Leider aber hatten die Eltern keine dieser Forumschecks, die man brauchte um dieser Welt auch fr\u00f6hnen zu k\u00f6nnen. Von Westgeld ganz zu schweigen. Wir hatten keinerlei Verwandte im Westen und somit war es fast unm\u00f6glich an die Knete zu kommen, wenn man keine v\u00f6llig \u00fcberzogenen Tauschkurse zu zahlen bereit war. Waren die Eltern nie. Klar, die sind ja auch nicht bl\u00f6de. Nur ein Mal, soweit ich mich erinnern kann, gingen die Eltern mit uns in diesen Intershop, um Westgeld auszugeben. In einer Tankstelle in unserer Stadt tankte ein Daimler 200 D Daimler der 123er Baureihe, dessen Fahrer ging bezahlen und lies sein Portemonnaie auf seinem Dach liegen. Dann fuhr er los und die B\u00f6rse fiel runter. Mein Paps hob sie auf, schaute hinein und entschloss mit seinem Trabbi hinterher zu rasen, um dem Mann die Knete zu bringen. An einer Ampel gelang es ihn einzuholen und ihm das Geld zu \u00fcbergeben. Der nette Onkel aus dem Westen bedankte sich artig mit 100,- DM Finderlohn. Wieviel wirklich in der Potte steckte, hat mein Vater nie verraten, aber gemessen am Finderlohn muss es einiges gewesen sein. Die Eltern gingen mit uns also in diesen Intershop. Sie kauften sich ein Kaffeeservice aus Porzellan mit Zwiebelmuster. Ich und mein Bruder entschieden uns nach ewigem hin,- und her f\u00fcr Cola ohne Ende und f\u00fcr jede Menge Autokarten, die auf den ostdeutschen Schulh\u00f6fen Statussymbole waren. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Er hat sich in mein Hirn gebrannt. Diesen Geruch konnte man nirgendwo anders riechen, ausser im Intershop. Mir ist gerade jetzt so, als k\u00f6nnte ich ihn riechen. Nach der Wende kaufte Paps als erstes Auto einen Daimler 200 D der 123er Baureihe. Der nette Onkel aus dem Westen muss ihn beeindruckt haben.  <\/p>\n<p>Wenn man dann an Sch\u00f6nefeld vorbei und auf dem Adlergestell angekommen war, hatte man das Ziel seiner Einkaufsreise auch fast schon erreicht. Am Bahnhof Adlershof musste man rechts abbiegen und die erste Kaufhalle auf der linken Seite war das Ziel der Reise. Manchmal fuhren die Eltern auch woanders hin, aber am h\u00e4ufigsten gingen sie dort einkaufen, wenn sie oder wir Dinge wollten, die woanders nicht ohne weiteres zur Verf\u00fcgung standen. H-Milch z.B. war so ein Mangelprodukt. Diese in den Pyramidenf\u00f6rmigen Tetra-Packs, die damals nat\u00fcrlich ganz anders hie\u00dfen. Wenn es ein richtig guter Tag war, gab es die sogar in der Schokovariante, die wir alle liebten. Ebenso wie diese habe der Werder-Ketchup in den kleinen Baby-Flaschen dann immer auf Vorrat gekauft, so viel eben, dass es bis zur n\u00e4chsten Einkaufsreise reichen w\u00fcrde. Aufgrund des Mangels an Tomatenmark wurde der immer mit Apfelmus aufgef\u00fcllt, was exorbitant lecker schmeckte. Nur bekam man ihn zu selten, wenn man entfernt von den gut sortierten Versorgungspunkten lebte. Ich glaube, die Eltern kauften immer noch allerhand anderes Zeugs, dass es bei uns nicht immer gab, aber davon hatte ich damals keine Ahnung. Ich war ein Kind und die Dinge, die mir wichtig waren hatten in den immer viel zu kleinen Korb zu landen. So wie eben die Milch, Nudossi und der Ketchup.<\/p>\n<p>Als ich gestern die selbe Strecke gefahren bin, die wir damals immer fuhren, rauschte das alles an mir vorbei. Nur das die Strecke sich um einiges ver\u00e4ndert hat, so sehr sogar, dass mit dem Umbau das Vergessen zementiert werden k\u00f6nnte. Aus der kleinen Strasse wurde ein Autobahnzubringer mit dazu geh\u00f6rigem Autobahnkreuz.  Der Intershop ist keiner mehr, aber das Haus steht immer noch und der Flughafen sieht nun auch fast so aus, als w\u00e4re er ein richtiger. Zur\u00fcck fuhren wir dann durch Berlin-West, was nat\u00fcrlich k\u00fcrzer ist, aber damals eben unm\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Die Kaufhalle gibt es immer noch. &#8222;Kaisers&#8220; prangt in gro\u00dfen bunten Lettern am Dachfirst.   <\/p>\n<p><strong>Nachtrag:<\/strong><a href=\"http:\/\/www.berlinonline.de\/berliner-zeitung\/archiv\/.bin\/dump.fcgi\/2007\/0301\/politik\/0057\/index.html\"> Der Duft des Westens<\/a>.<br \/>\nDanke, <a href=\"http:\/\/www.surphase.com\/#\">Surphase<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die konsume Versorgungslage im Ostdeutschland der Achtziger mal mangelhaft war und das war sie eigentlich fast immer, gab es nicht all zu viele M\u00f6glichkeiten,&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/mangelflashback\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\">Mangelflashback<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[],"tags":[163],"class_list":["post-1182","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","tag-forrest","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pXEnA-j4","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1182","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1182"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1182\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1182"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1182"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1182"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}