{"id":1303,"date":"2007-09-20T11:21:18","date_gmt":"2007-09-20T09:21:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1303"},"modified":"2007-09-20T11:25:33","modified_gmt":"2007-09-20T09:25:33","slug":"1303","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1303\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Vor dem Block lag der W\u00e4scheplatz. Auf dem spielten alle Jungen immer &#8222;Ball \u00fcber die Stange&#8220;, ein Spiel das sich mal irgendjemand hatte einfallen lassen. Der Ball musste dazu immer \u00fcber eine W\u00e4schestange gespielt werden um ihn dann im Tor zu versenken, das auch durch W\u00e4schstangen als solches definiert wurde. Es gab sogar kleine Tuniere in der Disziplin. Immer vor dem Block. Die Jungen liebten das. Da war es auch, als ich mit dem gro\u00dfen Jungen in Streit geraten bin. Ich war acht, er mindestens f\u00fcnfzehn. Es wollte mich schlagen, weil ich &#8222;frech war&#8220;, wie er meinte. Ich warf einen Stein nach ihm. Der landete auf seiner Stirn, die stark blutete und ihm eine anst\u00e4ndige Narbe f\u00fcrs Leben schenkte. Seine Mutter war nicht begeistert aber ich ich war viel zu klein, um \u00c4rger zu bekommen. Insgeheim fanden das auch alle sehr mutig. Au\u00dfer ihm und seiner Mutter nat\u00fcrlich. Hinter dem W\u00e4scheplatz lag eine gro\u00dfe Wiese, die durch zwei Bl\u00f6cke ges\u00e4umt wurde. Geradezu konnte man die Hauptstra\u00dfe sehen, die im Schatten der alten Kastanien durch die Stadt f\u00fchrte. Im Fr\u00fchsommer fuhren jedes Jahr die Friedensfahrer durch. Wir bekamen dann schulfrei und konnten ihnen zujubeln, was wir immer voller Freude taten. Wenn im Herbst die Kastanien ihre Fr\u00fcchte verloren, haben wir sie eingesammelt und in die Schule gebracht, &#8211; f\u00fcr die Tiere im Wald. Wir schleppten s\u00e4ckeweise Kastanien und Eicheln dorthin. Es gab eine Liste, auf der gekennzeichnet war, wer schon am meisten Futter abgegeben hat. Wir standen oft auf dieser Liste.<\/p>\n<p>Um die Wiese vor dem Block befanden sich so etwas, was man heute nicht mehr Stra\u00dfen nennen w\u00fcrde. Es waren eher Wege. Parkpl\u00e4tze gab es keine. Jeder parkte sein Auto da, wo es eben hinpasste. Kreuz und quer &#8211; kunterbunt. Nur auf diese Wiese wagte sich mit dem Auto niemand. Im ganzen Neubauviertel gab es diese Wiesen, vor jedem Block aber auf keiner habe ich jeh ein Auto stehen sehen. Im Sommer sa\u00dfen die Menschen mitunter auf diesen Wiesen und grillten. Ganze Familienfeste wurden dort im Schatten der Bl\u00f6cke zelebriert. Die M\u00e4dchen spielten dann Federball, die Jungen Ball \u00fcber die Stange und die Alten soffen. Manchmal sangen sie sogar. Am n\u00e4chsten Morgen r\u00e4umten alle gemeinsam auf.<\/p>\n<p>Zwischen der Haust\u00fcr und der Wiese war so ein Weg und dann standen dort noch die gro\u00dfen und verrosteten M\u00fclltonnen, die manchmal, aus mir unerfindlichen Gr\u00fcnden &#8211; auf den Weg geschoben wurden. Wenn der Wind mal stark durch die Bl\u00f6cke fegte, trieb er die Tonnen  immer ein paar Meter, auf diesem Weg, vor sich her. Irgendwer musste sie dann wieder zur\u00fcckschieben und schimpfte \u00fcber die Bremsen, die an den Tonnen &#8222;mal wieder nicht funktionierten&#8220;. Wenn es sehr windig war konnte es auch passieren, dass in der Wohnung die Fenster aufsprangen, was mir immer ein wenig Angst machte. Die Haust\u00fcr hatte keinen T\u00fcrknauf, nur eine Klinke. Mann h\u00e4tte sie abschliesen m\u00fcssen, um sie zu veriegeln. In den allerseltesten F\u00e4llen war sie zu. Nur Schulzes haben sie hin und wieder zugesperrt. Vor der T\u00fcr stand ein Hasselnussstrauch. Neben dem planzten manche Bewohner ein paar Blumen. Die Eltern auch, &#8222;weil doch schon sonst alles so grau ist in der Neuen Wohnstadt.&#8220; Im Hausflur war dieser graue Granitboden, den immer alle &#8222;Terazzo&#8220; nannten. Die Wohnungst\u00fcren waren nach zehn Jahren schon vergilbt, &#8211; ebenso wie die lackierten W\u00e4nde -, aber es war immer sauber. Die T\u00fcren hatten miserable Schl\u00f6sser, die man ohne weiteres mit einem Schraubenzieher und einer Zange \u00f6ffnen konnte, wenn sie denn nicht abgeschlossen waren. Das war zumindest dann praktisch, wenn man mal wieder seinen Schl\u00fcssel vergessen hatte. Die Nachbarin half dann immer mit dem Werkzeug aus und wenn doch mal abgeschlossen war, machte sie einem ein K\u00e4sebrot, manchmal einen Kakao und nahm einen auf, bis die Eltern kamen. Ober spielte Frau Schmidt immer am Fl\u00fcgel, was der ganze Block h\u00f6ren konnte. Frau Schmidt spielte sehr gut, fand ich. Manchmal begleiteten mich ihre sachten Anschl\u00e4ge in den Schlaf. Die Schmidts waren weit rumgekommen in der Welt. Er war Ingenieur, sie Pianistin. Sie fuhren gemeinsam in die UdSSR, nach Bulgarien, Rum\u00e4nien, Ungarn und sogar in der Mongolei waren sie mal. Sie brachten uns dann immer kleine Geschenke mit. Die Schmidts waren sehr nett. Au\u00dferdem hatten die im Hausaufgang das einzige Telefon. Was erst bedeutungslos erschien, erwies sich dann sp\u00e4ter als &#8222;hei\u00dfer Draht in die Zentrale&#8220;, aber \u00fcber sowas dachten wir als Kinder nicht nach. \u00dcber den Schmidts lag nur noch der Dachboden, den wir immer \u00fcberaus spannend fanden. Viel Zeug stand dort rum. Und wenn mal wieder eine Familie aus irgendeinem Altbau in den Block zog, verstauten sie alles, was keinen Platz mehr in der neuen Wohnung fand, auf jenem Boden. Er war aus jedem Treppenhaus im Block zug\u00e4nglich und so konnte man  das ganze Haus ablaufen. Sehr h\u00e4ufig spielten wir da oben und w\u00fchlten in den Sachen fremder Leute.<\/p>\n<p>Am Anfang der Strasse, also drei Bl\u00f6cke weiter, war die Kaufhalle an der fast immer Menschen aus dem Viertel anstanden. Wenn dem mal wieder so war, stellte man sich einfach mit an. Manchmal zwei, &#8211; dreihundert Meter lang.  Es musste schlie\u00dflich einen Grund haben, warum die da alle anstanden. Wenn man dann den Findling auf H\u00f6he mitte der Strasse erreicht hatte, wusste man, es war nicht mehr lang. Meistens gab es dann Bananen oder Apfelsinen meistens waren die schon lange alle, bevor man endlich am Ziel war. Hinter der Kaufhalle befand sich ein gro\u00dfer Spielplatz, der gr\u00f6\u00dfte des Viertels. Dort trafen sich immer alle Kinder und auch deren M\u00fctter. Sie brachten Kaffee und Kuchen mit und vers\u00fc\u00dften sich mit diesem den sonst so grauen Alltag.<\/p>\n<p>Letztens ist die Kaufhalle eingest\u00fcrtzt. Sie stand schon zehn Jahre leer. Der Spielplatz dahinter wurde neu gemacht, es ist da jetzt nicht mehr soviel los. Aus den Wegen wurden Strassen, daneben gibt es Mieterparkpl\u00e4tze in Reihe und Glied, mit angepinntem Nummernschild, damit sich auch kein anderer darauf stellt. Die M\u00fclltonnen haben nun so eigene H\u00e4uschen. Mit dach und abschliessbarer T\u00fcr. Damit auch niemand seinen M\u00fcll dort reinwirft, der nicht dort wohnt. Alle T\u00fcren sind neu, mit Knauf und Gegensprechanlage. Auf die Terrazzo-B\u00f6den wurde Linolium geklebt, die alten Haust\u00fcren wurden durch dunkelbraune Sicherheitst\u00fcren erstetzt und die W\u00e4nde wurden mit Farbchips bedeckt. Alles sicher &#8211; alles sauber. Die Schmidts wohnen da schon lange nicht mehr, die Schulzes auch nicht und wir, sowieso, schon lange nicht mehr.<\/p>\n<p>Alles was immer noch so aussieht, als w\u00e4re nie etwas geschehen, ist die alte Wiese. Mit neuem W\u00e4scheplatz versteht sich.<\/p>\n<p>Ich werde nie wieder in einem Neubau wohnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor dem Block lag der W\u00e4scheplatz. Auf dem spielten alle Jungen immer &#8222;Ball \u00fcber die Stange&#8220;, ein Spiel das sich mal irgendjemand hatte einfallen lassen.&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1303\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[],"tags":[163],"class_list":["post-1303","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","tag-forrest","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/sXEnA-1303","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1303"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1303\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}