{"id":1489,"date":"2007-11-12T18:35:32","date_gmt":"2007-11-12T17:35:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1489"},"modified":"2007-11-12T18:35:32","modified_gmt":"2007-11-12T17:35:32","slug":"1489","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1489\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Sein Name war Markus, er war kleiner als die anderen, auch irgendwie d\u00fcnner und \u00fcberhaupt machte er den Eindruck, dass das hier nicht seine Verananstalltung werden sollte &#8211; am ersten Tag schon. Wir waren im Ferienlager, so wie jedes Jahr im Sommer, seitdem wir sieben Jahre alt waren. Am Anfang hatte jeder so seine Probleme mit dem Heimweh, aber \u00fcber die Jahre verlor sich das und man war eigentlich ganz froh, auch mal ohne seine Eltern ein paar Sommertage f\u00fcr sich und gleichaltrige Jungs zu haben, die von \u00fcberall aus der Republik kamen. Au\u00dferdem waren die Betreuerinnen immer erste Sahne anzuschauen, wenn sie sich im selben 12-Mann Zelt umzogen, wie wir Jungs, wenn auch hinter Vorh\u00e4ngen, aber da gab es ja Mittel und Wege.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Er war das erste Mal so lange von zu Hause weg und hatte schon auf der Hinfahrt im Bus gro\u00dfes Heimweh, er sa\u00df eine Reihe hinter mir und weinte ununterbrochen. Ich versuchte ihn zu tr\u00f6sten, sagte ihm, dass ich das Gef\u00fchl kenne, das sich das nach 1-2 Tagen wieder legen w\u00fcrde und das man dort verdammt viel Spass haben k\u00f6nne, so ohne die Eltern. Er h\u00f6rte vorerst auf zu weinen, aber sein Gef\u00fchl, unbedingt wieder nach Hause zu wollen, blieb ganz offensichtlich bestehen. Er tat mir leid. So leid, dass ich versuchte, mit ihm in eine Gruppe und somit in das selbe Zelt zu kommen. Ich dachte, den kriege ich schon durch irgendwie. Ich mochte ihn. Er kam aus dem Berliner Umland, genau wie ich, nur aus dem n\u00f6rdlichen Teil und unsere V\u00e4ter hatten die selben Posten. Das verband uns. Irgendwie gelang es mir dann auch, uns in eine Gruppe zu steuern.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp; In den  gro\u00dfen Armeezelten standen jeweils sechs Doppelstockbetten und wir teilten uns eines davon. Ich bot ihm sogar an, sich auszusuchen, ob er oben oder lieber unten schlafen wollte, was man eigentlich nie(!) tat, da man nie wusste, wer von den Jungs ins Bett n\u00e4ssen w\u00fcrde. Wenn die \u00fcber einem schliefen, konnte es unangenehm werden. Man schlief immer oben und k\u00e4mpfte bisweilen auch mit den F\u00e4usten um diesen Schlafplatz. Er entschied sich f\u00fcr unten, was mich irgendwie beruhigte. Er hingegen beruhigte sich nicht. Bis auf die Zeit in der wir alle gemeinschaftlich a\u00dfen, weinte er ununterbrochen. Es war furchtbar traurig, ihm dabei zusehen zu m\u00fcssen, ohne wirklich etwas f\u00fcr ihn tun zu k\u00f6nnen. Ein Gro\u00dfteil derjenigen, die mit in unserem Zelt lagen, konnten ihr Unverst\u00e4ndniss zwar nicht verbergen, blieben aber h\u00f6flich. Er wurde nicht geh\u00e4nselt und auch sonst versuchte man, es f\u00fcr ihn nicht noch schwerer zu machen. Irgendwie mochten ihn alle, bis auf den Umstand, dass er nat\u00fcrlich mehr Aufmerksamkeit von der Betreuerin bekam, als der Rest der Gruppe, aber das lies man ihm durchgehen.<br \/>\n    &nbsp;&nbsp;&nbsp;  Die erste Nacht muss nicht nur f\u00fcr ihn eine Katastrophe gewesen sein. Er schluchzte pausenlos in sein Kissen und in sein Kuscheltier, was zu verstecken ihm nicht gelang. Niemand im Zelt konnte in dieser Nacht schlafen und so versuchten wir, eine Strategie f\u00fcr ihn zu entwickeln, die daf\u00fcr sorgen konnte, dass er wieder nach Hause k\u00e4me &#8211; so bald wie m\u00f6glich. Nichts wollte er mehr. Ich brachte die Idee ein, dass er den Inhalt eines Pfefferstreuers schlucken k\u00f6nnte. Das macht den Hals extrem rot und sieht derbe nach Halsschmerzen aus. Den Trick kannte ich von meinem Bruder, aus deren Klasse sich jemand auf diese Art um das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wehrunterricht\">Wehrlager<\/a> zu dr\u00fccken versucht hatte. Das dieser Versuch schief ging, und der T\u00fcp einen Riesen\u00e4rger bekam, verschwieg ich lieber. Ich dachte, die w\u00e4ren bei einem Jungen nicht so hart und das geht irgendwie beim Arzt durch, so das er nach Hause k\u00f6nnte. Der Vorschlag kam auch aufgrund mangelnder Alternativen in der Gruppe gut an und Markus entschloss sich dazu, das ganze am n\u00e4chsten Morgen in die Tat umzusetzen. So sa\u00dfen wir dann morgens im Essensaal und er sch\u00fcttete sich unbemerkt den Inhalt eines Pfefferstreuers, der nicht voll war, in den Handballen, um das Zeug sp\u00e4ter zu schlucken. Nachsp\u00fclen tat er mit dem ekelhaften Tee, der immer sauer roch. Wir verzogen uns ins Zelt und warten eine geraume Zeit, um zu sehen, ob sich was \u00e4nderte. Ihm ging es nach einer halben Stunde ziemlich dreckig. Ihm war schlecht, er hatte glasige Augen und einen be\u00e4ngstigend roten Hals. Also ging er zum Arzt in der Hoffnung, dass er nun alsbald die R\u00fcckreise antreten k\u00f6nne.<br \/>\n    &nbsp;&nbsp;&nbsp;  Als er zur\u00fcck kam, war er sehr aufgel\u00f6st und weinte so sehr, dass ihm das Sprechen schwerfiel. Der Arzt meinte, dass es nur eine kleine Erk\u00e4ltung sei und das die schnell vorbei gehen w\u00fcrde. Der Versuch hatte also nicht zum gew\u00fcnschten Erfolg gef\u00fchrt, was alle ein wenig mitnahm. Es musste eine neue Idee her, die sicher dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass er nach Hause k\u00f6nne. Er fragte, ob jemand diesen Film mit Sylvester Stallone kennen w\u00fcrde, den in dem er sich einen Arm brechen lies, um aus dem Nazi-Lager zu kommen. Ja, jeder kannte den Film, es war <em>&#8222;<a href=\"http:\/\/www.11-mm.de\/filme_2007\/escape_to_victory.htm\">Escape to Victory<\/a>&#8222;<\/em> und ich dachte erst, dass er das, was er da sagte, nicht ernst meinen k\u00f6nnte. Er k\u00f6nne sich doch nicht seinen Arm brechen lassen, nur um 10 Tage vor uns nach Hause zu fahren. Er meinte, dass dies der sicherste Weg w\u00e4hre und er das unbedingt wolle, wie auch immer. Wenn ihm keiner helfen wollen w\u00fcrde, w\u00fcrde er das eben allein durchziehen. Die H\u00e4lfte der Gruppe stieg aus, das war ihnen doch zu viel der Solidarit\u00e4t. Er band sich mit einem Handtuch ein St\u00fcck Seife auf den Unterarm, weil es die Knochen weicher machen w\u00fcrde, wie er sagte, und dann nicht ganz so sehr schmerzen w\u00fcrde. Ich hoffte, dass er sich das bis zum n\u00e4chsten Morgen \u00fcberlegen w\u00fcrde und konnte in dieser Nacht wieder nicht schlafen. Nicht weil er wieder weinte und die ganze Nacht schluchzte, sondern weil ich fand, dass das ein absolutes Wahnsinnsvorhaben sei, dass in keiner Relation zur Sache stand.<br \/>\n    &nbsp;&nbsp;&nbsp;  Am n\u00e4chsten Morgen gingen wir essen und man entschied, die Sache nach dem Fr\u00fchst\u00fcck durchzuziehen. Keiner sagte was und zwei weitere Jungs stiegen aus. Ich konnte das nicht, ich wollte ihm irgendwie behilflich sein, auch wenn ich nicht auf seinen Arm springen w\u00fcrde! Daf\u00fcr aber hatte sich der gruppenst\u00e4rkste Junge angemeldet. Ich glaube, dem ging es nicht prim\u00e4r darum, Markus zu helfen, viel mehr wollte er mal sehen, wie das so ist, einen Arm zu brechen. Nachdem Fr\u00fchst\u00fcck gingen wir mit vier Jungs ins Zelt, r\u00e4umten die Matraze von seinem Bett, nahmen eine Latte aus dem Lattenrost und er legte seinen Arm \u00fcber diese L\u00fccke. Ich gab an, drau\u00dfen nachzusehen, ob denn nicht jemand kommen w\u00fcrde.<br \/>\n    &nbsp;&nbsp;&nbsp;  Ich ging vor das Zelt, aus den Boxen, die im gesamten Lager montiert waren, pl\u00e4rrte &#8222;<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=_r0n9Dv6XnY\"><em>Tarzan Boy<\/em><\/a>&#8222;. Ich konnte niemanden sehen, gab nach drinnen &#8222;gr\u00fcnes Licht&#8220; und konzentrierte mich auf &#8222;Tarzan Boy&#8220;. Dann h\u00f6rte ich es krachen und kurz darauf h\u00f6rte ich einen unheimlich klingenden und lauten Schrei. <\/p>\n<p>Noch am selben Tag wurde Markus von seinen Eltern abgeholt. Ich habe nie wieder von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Name war Markus, er war kleiner als die anderen, auch irgendwie d\u00fcnner und \u00fcberhaupt machte er den Eindruck, dass das hier nicht seine Verananstalltung&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1489\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[],"tags":[163],"class_list":["post-1489","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","tag-forrest","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/sXEnA-1489","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1489","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1489"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1489\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1489"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1489"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1489"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}