{"id":1549,"date":"2007-11-27T23:21:52","date_gmt":"2007-11-27T22:21:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1549"},"modified":"2007-11-27T23:30:19","modified_gmt":"2007-11-27T22:30:19","slug":"die-sache-mit-dem-hiphop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/die-sache-mit-dem-hiphop\/","title":{"rendered":"Die Sache mit dem HipHop"},"content":{"rendered":"<p>Vor Jahren war ich mal auf einer Vortragslesung von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Farin\">Klaus Farian<\/a>, bei der es erst um Jugendkulturen im Allgemeinen, sp\u00e4ter dann um die Onkelz, um den Skinhead-Kult, die Punk-\u00c4ra und zu guter letzt um HipHop ging. Ich fand diesen Vortrag \u00e4usserst interessant, zumal Farin offensichtlich genau wusste, wo von er da redete. Vieles was zur Sprache kam, war mir nicht neu aber dennoch hatte ich Gefallen daran, ihm zu zu h\u00f6ren. Nur das Techno als Subkultur der Neunziger g\u00e4nzlich an ihm vorbeigegangen war, fand ich irgendwie bedenklich, finde ich heute noch.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Nachdem das alles durch war und man \u00fcber die letzten Zuckungen des Punks sprach, machte er einen Schwenk auf HipHop und meinte, dass eben genau dieser &#8222;die neue Punkkultur sei. Nur eben anders.&#8220; Ich fand das damals irgendwie logisch. Ich dachte an <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Advanced_Chemistry\">Advanced Chemistry<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anarchist_Academy\">Anarchist Academy<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Too_Strong\">Too Strong<\/a>, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fresh_Familee\">Fresh Familee<\/a> und alle die anderen HipHop-Combos der Neunziger, die ich noch richtig gut fand. Ich mochte, die kritischen Texte, die sich gegen all das aufwarfen, was ich damals auch nicht mochte: staatlich geduldeten Rassismus, die Rechtsradikalen, die sich im Osten ausbreiteten, als wollten sie der Pest Konkurenz machen, die Probleme der Migrantenkinder in den Vorstadtplattenbauten, die Schwierigkeiten der Integration und eben den sprachlich konkreten, auf den Punkt gebrachten Umgang damit. Ohne Blume vor dem Mund. Gerade auf die Fresse des geneigten Zuh\u00f6rers. Das Subversive daran imponierte mir sehr und ich fand, dass daraus was ganz Gro\u00dfes werden k\u00f6nnte. Werden w\u00fcrde. Ich hoffte, die k\u00f6nnten was bewegen in den K\u00f6pfen der Jungen und fand es klasse, dass die Eltern es nicht h\u00f6ren mochten. Nicht nur wegen dem Slang, den sie nicht verstanden, sondern auch wegen den deutlichen Worten, die sie nicht h\u00f6ren wollten, die sie f\u00fcr \u00fcbertrieben und total realit\u00e4tsfern hielten. Im R\u00fcckblick also all das, was erst dazu taugt, eine Jugendkultur zu einer solchen auch werden zu lassen. Den Abstand und die Ablehnung der Alten.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;In diesem Kontext fand ich den Vergleich zum Punk treffend und hatte das auch lange verinnerlicht. Es ging um etwas im HipHop. Bei einigen zumindest. Es ging gegen das System, um die miese gesellschaftliche Stellung von Minderheiten, gegen die &#8222;Bullen&#8220;, gegen die B\u00fcrgerlichkeit und gegen all jene Leute, die dabei stillschwegend zusahen. Ganz nebenbei ging es dann auch noch um eine gro\u00dfe Portion Spass mit einem Joint in der Hand. Die Parallelen zum Punk waren also nicht mal so abwegig, fand ich, auch wenn der Beat ein anderer war und man sich die drei geschrammelten Akkorde gerne gespart hatte. Die Zeiten waren eh vorbei  &#8211; so oder so. Klar, gab es auch damals schon dieses ganze Battle-Ged\u00f6ns und Leute, die \u00fcber L\u00e4nge ihrer Geschlechtsteile sangen aber es waren nur wenige und wenn man wollte, kam man ohne weiteres an ihnen vorbei.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Heute ist das anders. Heute stehen viele von denen, die noch in der Lage dazu waren, auch Inhalte zu vermitteln, nicht mehr hinter den Mics. Sie \u00fcberlassen all jenen das Feld, die nur noch zu erz\u00e4hlen haben, wie lang ihrer sei, wie m\u00e4chtig und vor allem wie potent. Sie reden \u00fcber &#8222;Schlampen&#8220;, \u00fcber das T\u00f6ten und das zerst\u00fcckeln, \u00fcber die Achtmillimeter, die sie angeblcih im Schrank haben, \u00fcber die Schwulen, die sie &#8222;hassen&#8220;, \u00fcber die Minderheiten, die sie kotzen lassen und das ganze andere Zeug, was ihnen keiner abnimmt, au\u00dfer sie sich selber vielleicht. Kurz um: Sie feiern sich, ihren Schwanz und ihre omnipotenten Eier kontinuirlich selber. Zwischendurch erz\u00e4hlen sie auch was aus ihrem Viertel und verkaufen das dann noch als Gesellschaftskritik, was nicht weiter schlimm w\u00e4re, wenn es denn Hauptmerkmal ihrer verbalen Info w\u00e4re. Ist es aber nicht. Darum geht es nur am Rande. Klar, gibt es auch noch gute Texte aber es sind nur noch wenige und wenn man ganz genau hinh\u00f6rt, kommt man (leider) ohne weiteres an denen vorbei.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp; Es geht scheinbar nur noch darum zu schockieren. Die Eltern, die Lehrer und all jene, die sich so Gedanken um das machen, was junge Menschen sich akustisch anzutun bereit sind. Das funktioniert ohne weiteres, keine Frage, denn wenn jemand damit besch\u00e4ftigt ist, dar\u00fcber zu singen, wen er alles unter die Erde metzeln will und wie viele Bitches er wieder einmal &#8222;erst in den Arsch und dann in den Mund gefickt&#8220; hat, geht einem die rote Lampe auf dem Kopf an. Da ist nichts mehr mit Subversivit\u00e4t. Es ist verdammt vulg\u00e4r, homophob, sexistisch, menschverachtend, und ja, auch manchmal schon besonders ekelhaft. Man kann sich das nur schwer antun, wenn man auch die Postpubert\u00e4t schon lange hinter sich gelassen hat. Es tut weh. Der Punk ist raus. Es geht um nichts mehr, au\u00dfer um sich selber und um seine &#8222;Atzen&#8220;.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Das alles w\u00e4re nicht weiter bedenklich. Das alles geh\u00f6rt halt auch so zu einer Jugendkultur, auch wenn mir die Bewegr\u00fcnde dazu immer noch nicht ganz schl\u00fcssig sind. Aber es wirft zweierlei Probleme auf. Erstens f\u00fchrt das Ganze zu einer gesellschaftlichen Diskussion, die sich wie so oft \u00fcber die Zielgruppe erhebt, die sich wie so oft dar\u00fcber fetzt, was denn nun gut f\u00fcr die jungen Menschen w\u00e4re, und was eben nicht. Das widerum l\u00e4dt die mitunter d\u00fcmmlichen Protagonisten dazu ein noch viel d\u00fcmmliche Kommentare von sich zu geben, in denen sie beteuern, es ginge ihnen doch nur darum, &#8222;Themen zu \u00fcberspitzen um daf\u00fcr zu sorgen, das sich die Zielgruppe damit auseinandersetzt und sich Gedanken dar\u00fcber zu machen&#8220;. Super, vergessen doch die Meisten dabei, das sie \u00fcber 13-17j\u00e4hrige reden, die eben genau die Shice t\u00e4glich h\u00f6ren. Von denen erwarten sie, dass die sich damit auseinander setzen, das die das alles reflektieren, was sie sich da in die Birne schieben. Klar, klingt immer sehr gut, nur wurde schon zu oft geh\u00f6rt, um das es noch glaubhaft klingt. Schlie\u00dflich machen die M\u00f6chtegernpimps &#8211; gemessen am Alter der Zielgruppe &#8211; Musik f\u00fcr Kinder, Kindermusik quasi und die sollten ganz andere Intensionen haben, wenn sie Musik h\u00f6ren, als sich mit dem &#8222;Schwanz, der deine Mutter gefickt hat&#8220; auseinanderzusetzen. Das verlangt wohl sicher keiner wirklich von denen. Es geht um Geld, wie so oft im Business und selbst Rappern, denen man nicht mehr als den Sechsten-Klasse-Abschluss abnehmen m\u00f6chte machen ihr Studium nebenbei, was darauf schliessen l\u00e4sst, dass sie so d\u00e4mlich nicht sein k\u00f6nnen, zu glauben, man w\u00fcrde ihnen ihre Reflektionstheorie abkaufen. Nur sie haben einfach nicht die Eier, zuzugeben, dass es schlichtweg nur um Kohle durchs Schockieren geht. Sie sind sowas von &#8222;Underground&#8220; und so. Vergesst es!<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Das zweite und wohl schlimmere Problem allerdings d\u00fcrfte wohl sein, dass sich nun auch mal wieder gestandene Mannsbilder hinstellen und erkl\u00e4ren wollen, warum denn dieser HipHop doch was ganz gro\u00dfartiges sein soll, warum er denn nun anders und eben auch gut sein soll f\u00fcr den jugendlichen H\u00f6rern. Es gibt wohl nur wenig, was noch peinlicher ist, als ein solches Verhalten. Wenn Leute, die locker doppelt so alt sind wie jene Musiker, ein Guthei\u00dfen aussprechen \u00fcber den Sinn der Musik, die die jungen Schocker ins Micro labern, \u00fcber die M\u00f6glich, -und die N\u00f6tigkeit der Reflektion eines Textes, der f\u00fcr 15j\u00e4hrige geschrieben wurde, dann tut es fast weh. Man macht eben genau das, was die eigenen Eltern auch gemacht haben. Man beraubt die Jugendlichen der Musik, die eben nur f\u00fcr sie geschrieben wurde. Man nimmt ihnen die Identifikationsfl\u00e4che, die sie nur f\u00fcr sich beanspruchen, die sie zweifelsfrei auch brauchen. Man findet ihre Musik toll. Weil die &#8222;Skillz&#8220; so geil, die Beats so fresh sind. Beides stimmt nicht wirklich, denn beides w\u00e4re, rein qualitativ betrachtet, eigentlich nicht der Rede wert. Alles schon geh\u00f6rt, alles schon gesehen. Aber man macht sich trotzdem gemein, weil man im Alter auch mal wieder f\u00fcr etwas sein will, wo gegen viel andere sind. Die Eltern, die Politiker, die Lehrer. Ganz so wie damals als man selber noch jung war und genau jene schockieren wollte.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Vielleicht vergessen dadurch einige, dass sie die Schraube f\u00fcr die Kids damit immer fester ziehen. Vielleicht nehmen sie es f\u00fcr die vermeintliche eigene Kuhlness auch in Kauf, dass man es den Jungen damit immer schwerer macht, sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen, sich selber zu finden. Vielleicht will man auch einmal endlich was zu einem Thema sagen, obwohl man nicht gefragt wurde. So wie ich jetzt, nur eben anders.<br \/>\n   &nbsp;&nbsp;&nbsp;Als mir letztens ein 21j\u00e4hriger erz\u00e4hlte, dass sein Leben immer HipHop war, er es im Moment allerdings nicht mehr ertragen k\u00f6nnte, das Gef\u00fchl zu haben, als mache keiner mehr Texte f\u00fcr ihn und er nun lieber andere Musik h\u00f6ren w\u00fcrde, so ohne &#8222;Fotzen, Bitches und dicken Schw\u00e4nzen&#8220;, da fiel mir ein, dass HipHop f\u00fcr mich mal engetreten war, um das Erbe des Punks anzutreten.  Diese Zeit und der damit verbundene Gedanke ist f\u00fcr mich vorbei.<br \/>\nSchade eigentlich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor Jahren war ich mal auf einer Vortragslesung von Klaus Farian, bei der es erst um Jugendkulturen im Allgemeinen, sp\u00e4ter dann um die Onkelz, um&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/die-sache-mit-dem-hiphop\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\">Die Sache mit dem HipHop<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5,6],"tags":[],"class_list":["post-1549","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musik","category-alltaglicher-sinnwahn","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pXEnA-oZ","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1549","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1549"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1549\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1549"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1549"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1549"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}