{"id":1689,"date":"2008-01-22T22:14:39","date_gmt":"2008-01-22T21:14:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=1689"},"modified":"2008-01-22T20:34:27","modified_gmt":"2008-01-22T19:34:27","slug":"1689","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1689\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>\u201eIhr k\u00f6nnt auch 2-3 Tage erstmal bei uns pennen, wenn ihr gar nicht wisst, wo ihr sonst hinsollt.\u201c sagte sie zu ihrer Kollegin, die nun langsam auch zur Freundin wurde. Diese hatte sich vor zwei Jahren in einen Mann verliebt, den sie vor ein paar Wochen endlich geheiratet hatte. Die beiden kannten sich schon sehr lange, aber gefunkt hatte es eben erst vor zwei Jahren. Das Pikante daran war, dass er im Knast sa\u00df &#8211; lange schon im Knast sa\u00df. Sie war eine der wenigen, die ihn seit dem Beginn seiner Haft regelm\u00e4\u00dfig  besucht hatte und dabei entwickelte sich dann das, was beide \u201edie gro\u00dfe Liebe\u201c nannten. Eigentlich wollten sie warten, bis er entlassen werden sollte, die Sehnsucht nach den Sch\u00e4ferst\u00fcndchen, die dort damals nur f\u00fcr Ehepaare gestattet waren, sorgte daf\u00fcr, dass auch gleich noch w\u00e4hrend der Haftzeit geheiratet wurde. Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr hatten die Wenigsten, schon gar nicht ihre Mutter. Ihre alten Freunde sowieso nicht. Uns konnte das egal sein, sie war sehr nett und ihn hatten wir noch nie gesehen. So schlimm wird der schon nicht sein, dachten wir.<\/p>\n<p>Er war damals Mitte drei\u00dfig und sah aus, als sei er mindestens Ende vierzig. Er war \u00fcberall  dort t\u00e4towiert, wo man mit einer Tattoomaschine ran kam, auch am Hals, auch im Gesicht. Gemessen an dem, wof\u00fcr er fast f\u00fcnf Jahre gesessen, musste er ein ganz sch\u00f6n gro\u00dfes Arschloch gewesen sein. Immerhin wurde er, nebst kleinerer Vergehen, f\u00fcr eine Geiselnahme und eine Bombendrohung gegen den Berliner Senat verurteilt. So viel zumindest wussten wir von ihm. Vorurteile diesbez\u00fcglich hatten wir keine, wir waren jung, glaubten daran, dass sich Menschen \u00e4ndern k\u00f6nnten. Au\u00dferdem hatte er ja seine Strafe abgesessen und w\u00fcrde daraus seine Lehren gezogen haben, dachten wir. Nat\u00fcrlich dachten wir das, es war Mitte der Neunziger, es war in Berlin. Da war nichts unm\u00f6glich, alles ging. Zudem mochte man seine Freundin.<\/p>\n<p>Es h\u00e4tte klar sein m\u00fcssen, dass so ein Angebot auch angenommen werden w\u00fcrde, wohin sonst sollten die beiden auch. Die Wohnung die sie irgendwie anmieten konnten, war in einem \u00e4u\u00dferst miesem Zustand und irgendwo mussten sie ja pennen, bis das Loch bewohnbar war. Aber sie hatte es angeboten und dann kann man nur schlecht davon zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Geboren wurde er als Sohn eines SED-Funktion\u00e4rs irgendwo in der Brandenburgischen Mark. Er war ein guter Sch\u00fcler und hatte beste Chancen, in die Fu\u00dfstapfen seines Vaters treten zu k\u00f6nnen. Dummerweise hatte er ausgerechnet als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pionierorganisation_Ernst_Th%C3%A4lmann#Freundschaftsrat\">Freundschaftsrat<\/a>svorsitzender im Vollsuff irgendwann gemeinsam mit einigen Freunden das Wappen aus der DDR-Flagge geschnitten und ist mit dieser gr\u00f6lend durch die Stadt gezogen, in der er lebte. Wie es dazu kam, konnte er im Nachhinein nicht mehr rekapitulieren. Als die Gruppe von der Volkspolizei in Gewahrsam genommen werden sollte, drehte er als einziger der Gruppe durch und leistete einen so starken Widerstand, dass dabei ein Vopo schwer verletzt wurde. Daf\u00fcr fuhr er in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bautzen#Geschichte_seit_1945\">Bautzen<\/a> ein. Damit waren seine Zukunftsaussichten im Handumdrehen  auf ein Minimum reduziert. Sp\u00e4ter tat ihm das leid, aber daran gab es dann auch nichts mehr zu \u00e4ndern. <\/p>\n<p>Mit der Wende konnte er als politisch Inhaftierter von einer Amnestie profitieren und ging nach Berlin. Gegen den Willen seiner Eltern. Er war seelisch schwer gezeichnet von seiner Haft und hatte ein enorm hohes Agressionspotenzial entwickelt. Er war gegen jede Form von Staatlichkeit und, vor allem, war er gegen alles, was anders zu sein schien. So kam er \u00fcber Umwegen zu Beginn der Neunziger Jahre zu den Nazis, die in Lichtenberg, Ostberlin, ihre ersten H\u00e4user besetzt hatten. Dort f\u00fchlte er sich geborgen, dort zog er ein, dort blieb er eine ganze Weile und lernte all jene kennen, die zu damaliger Zeit in dieser noch recht jungen, militanten Neonaziszene, Rang und Namen hatte: Michael K\u00fchnen, Christian Worch, Ingo Hasselbach und auch ein Kay Diesner. Hier wurden diverse \u00dcbergriffe geplant und auch Waffen gelagert. Hier blieb eine Zeit lang und lies sich die ganze Theorie der Neunazis in die Birne h\u00e4mmern.<\/p>\n<p>Es kam dann eine Zeit, in der ihn \u201edas alles nicht mehr ausf\u00fcllte\u201c, wie er sp\u00e4ter sagt und er l\u00f6ste sich aus diesem Umfeld. Nicht ohne in dieser Zeit jede Menge Anzeigen, gr\u00f6\u00dftenteils wegen K\u00f6rperverletzung und Verfassungsrelevanten Straftaten begangen zu haben. Er kam dann ohne gro\u00dfe Umwege gehen zu m\u00fcssen in einem Haus unter, was von Autonomen besetzt war. Er kannte dort jemanden und musste nur darauf achten, dass keinem dort klar werden w\u00fcrde, wo er eigentlich herkam. Er machte einen auf Skinhead und blieb so unerkannt. In dieser Zeit kam er zu den Drogen, auch zu den harten, was in dem Konsum von Heroin m\u00fcndete. All das wurde uns im Vorfeld nat\u00fcrlich nicht gesagt. All das ergab sich erst sp\u00e4ter, als er dann bei uns wohnte. Man wusste wohl warum.<\/p>\n<p>Als die beiden dann tats\u00e4chlich bei uns vor der T\u00fcr standen, gab es auch keinerlei Probleme. Er war betont freundlich, die Modalit\u00e4ten waren schnell gekl\u00e4rt. Sie w\u00fcrden im Wohnzimmer pennen und wir im Schlafzimmer. Er w\u00e4re \u201eohnehin den ganzen Tag unterwegs\u201c, (wobei mir damals nicht ganz klar war, wie ich das zu deuten hatte) und sie ging ja auch arbeiten.  Alles was sofort auffiel war der Umstand, das er extreme Mengen an Haschisch rauchte. Aber das taten damals fast alle, die ich so kannte.<\/p>\n<p>Es blieb nat\u00fcrlich nicht bei den \u201e2-3 Tagen\u201c. Wir h\u00e4tten das wissen m\u00fcssen. Erst lief alles so, wie es laufen sollte, wenn man Besuch hat. Sie r\u00e4umten auf, sie hielten sauber und hin und wieder kochte er sogar. Nervend war nur der Umstand, dass sie \u00fcberdurchschnittlich laut fickten &#8211; jede Nacht. Aber er kam frisch aus dem Knast, sie waren verheiratet und sie hatten was nachzuholen. Daf\u00fcr hatten wir Verst\u00e4ndnis. Das allerdings lies nach, als wir feststellen mussten, dass sie nach nun 3 Wochen weder aufr\u00e4umten, noch einkaufen gingen. Sauber gemacht hatten sie da schon lange nicht mehr. Immer wenn er mir dann Abends erz\u00e4hlte, was f\u00fcr Dinge er in seinem Leben schon gedreht hatte, wurde er mir zunehmend unsympathischer, zumal mir sein latenter Rassismus und die damit verbundenen  faschistoiden Aussagen immer mehr auf die Eier gingen. Er selber nannte sich \u201eunpolitisch\u201c. Ich w\u00fcnschte mir, er h\u00e4tte sich auch so verhalten.<\/p>\n<p>Es war auch nicht so, dass, wie er ja sagte, er \u201eohnehin den ganzen Tag unterwegs\u201c gewesen w\u00e4re. Im Gegenteil. Er stand auf, kochte sich meinen Kaffee, nahm meine Milch, mein Toast, mein Nutella, meine Butter, benutze vor mir mein Klo. Das Wegr\u00e4umen sollte seine Frau \u00fcbernehmen, die aber erst abends von der Arbeit kam. Da ich so lange nicht warten wollte, \u00fcbernahm ich das. Derweil setzte er sich vor meinen Fernseher und sah sich den ganzen Tag, das von mir bezahlte, Premiere an. Das Bewohnbarmachen ihrer Wohnung stand auf seiner t\u00e4glichen Priorit\u00e4tenliste ganz weit unter, was mich zunehmend nervte. Als wir dann eines Abends, direkt vor unserer T\u00fcr,  Zeugen eines Autounfalls wurden, in den auch noch ein guter Freund von uns verwickelt war, begann das Ganze zu kippen. Ich bat ihn, nachdem ich die Polizei angerufen hatte, nicht mit raus zu kommen. Er sollte, von mir aus, das Fenster \u00f6ffnen und zugucken, aber nicht mit rauskommen. Nat\u00fcrlich hielt er sich da nicht dran, sondern begann Streit mit der Polizei, was zu eskalieren drohte. Er war schwer angetrunken, unberechenbar und von uns nicht zu beruhigen. Gl\u00fccklicherweise kam in diesem Moment sein Frau von der Arbeit und schaffte es irgendwie in in die Wohnung zu bekommen. Nachdem die Polizei weg war, wollte ich mit ihm reden. Er war dazu nicht mehr in  der Lage.<\/p>\n<p>Nachdem ich zwei Tage sp\u00e4ter vom Platten kaufen nach Hause kam -es war fr\u00fcher Abend-<br \/>\nsah ich, wie er sich auf meinem Wohnzimmertisch gerade eine Line Heroin legte. Er sah mich auf Verst\u00e4ndnis hoffend an und sagte: \u201eIst nur mal heute. Ich will doch nachher zu Rammstein und wollte nur mal wieder gut drauf sein.\u201c Mir platze der Arsch, ich konnte diese Hackfresse nicht mehr sehen, ich wollte das er geht. Sofort! Nur sagen wollte ich ihm das nicht unbedingt. Er war eben einer dieser Irren, bei denen man nie wei\u00df, womit sie nach dir werfen werden. Ich wartete auf den n\u00e4chsten Morgen, und wir gaben den beiden genau f\u00fcnf Tage um auszuziehen. Ohne jede Diskussion.<\/p>\n<p>Er bat mich dann darum, seine Wohnung zu Malern, was ich tat. Er zahlte gutes Geld daf\u00fcr. Dann waren sie weg. Sp\u00e4ter haben wir noch mal telefoniert. Es ging um eine Versicherungssache. Ihm wurde das Fahrrad gestohlen, ich hatte eine Versicherung. Nachdem die das Geld zahlte und ich es ihm gab, haben wir nie wieder von einander geh\u00f6rt. Ich bedauere das keinen Moment.<\/p>\n<p>Letztens fragte mich jemand, ob er 2-3 Tage bei uns wohnen k\u00f6nne. Ich sagte \u201eNee, lieber nicht, wir haben nicht soviel Platz.\u201c, dachte an diese Story und dachte: \u201e<strong>Vergiss es!<\/strong>\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIhr k\u00f6nnt auch 2-3 Tage erstmal bei uns pennen, wenn ihr gar nicht wisst, wo ihr sonst hinsollt.\u201c sagte sie zu ihrer Kollegin, die nun&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1689\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[163],"class_list":["post-1689","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alltaglicher-sinnwahn","tag-forrest","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/sXEnA-1689","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1689","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1689"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1689\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1689"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1689"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1689"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}