{"id":2047,"date":"2008-04-03T15:33:14","date_gmt":"2008-04-03T13:33:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=2047"},"modified":"2008-04-04T01:18:21","modified_gmt":"2008-04-03T23:18:21","slug":"rotkreuzritter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/rotkreuzritter\/","title":{"rendered":"Rotkreuzritter"},"content":{"rendered":"<p>Der Weg von der Tram in das Bahnhofsgeb\u00e4ude ist kein weiter und doch scheint er manchmal un\u00fcberwindbar. Eigentlich m\u00fcsste ich nicht mal da rein, nur hin und wieder, wenn ich noch einen Kaffee holen will, ein Baguette oder Zigaretten, muss ich diese paar Meter gehen. Dann stehen sie da, als m\u00fcssten sie das Geb\u00e4ude bewachen und d\u00fcrften keinen rein lassen, so wie damals die Grenzer an der Mauer. Sie nehmen ihre Aufgabe sehr ernst. Keiner kommt unangesprochen dort durch. Sie wollen Zeitungsabos verkaufen, suchen irgendwelche arme Irren, die sich zu einem Video-Bestellservicevertrag hinreisen lassen oder sammeln Spenden f\u00fcr rettet die Wale, den Tierschutz, Greenpeace, und was wei\u00df ich noch alles. Man muss acht geben, wenn man unbemerkt an ihnen vorbeikommen will. Es kommt mir vor wie in einem Computerspiel das im Kriegsgebiet spielt, wo es ums eigene \u00dcberleben geht. Das ist nur dann gesichert, wenn man an seinen Gegnern unbemerkt vorbei kommt. Der Vergleich hinkt &#8211; zugegeben -, aber so f\u00fchle ich mich dann tats\u00e4chlich. Ich will die nicht sehen, ich will nichts von denen haben und ich will nicht von denen angesprochen werden. Ich brauche kein Zeitungsabo, will keine Videos auf Bestellung und auch in keinen Verein eintreten, obwohl ich das durchaus mal tun k\u00f6nnte, nur eben nicht am Bahnhof. Jeden Tag sage ich \u201eNein. Danke\u201c. Dennoch fragen sie mich am n\u00e4chsten Tag wieder danach. Ich komm mir vor, wie Bill Murray in <em>Und T\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier<\/em>, nur das da alles irgendwie lustiger zu sein scheint. Meistens reicht ein \u201eNein, Danke\u201c oder \u201eKein Interesse\u201c. Manchmal muss man auch etwas mehr sagen, um die abzusch\u00fctteln. Im Regelfall klappt das auch gut. Ideal ist es dann, wenn man Kopfh\u00f6rer auf hat und man so tun kann, als h\u00f6re man sie nicht. <\/p>\n<p>Seit ein paar Tagen allerdings ist alles noch viel komplizierter geworden. Zu den ohnehin schon kaum \u00fcberwindbaren Torw\u00e4chtern hat sich nun auch noch das Rote Kreuz gesellt. Und das mit einer Offensivkampfbrigade, die auch als SEK unter den Zahlscheinsammlern  durchgehen k\u00f6nnte. Man erkennt sie an ihren Jacken mit dem roten Kreuz. Dazu haben sie immer eine Schreibunterlage auf dem Unterarm, wo neben den wichtigen Infos auch immer gleich Vertr\u00e4ge und \u00dcberweisungstr\u00e4ger stecken. Au\u00dferdem haben die wohl die sympathischsten Studenten f\u00fcr diesen Job gecastet, die Deutschland her zu geben hat.  Die meinen es echt ernst. Sie arbeiten nach dem Staubsaugerprinzip, wobei sie die physikalischen Prinzipien eines solchen umdrehen und nicht den Staub, in diesem Fall Passanten, einsaugen, sondern sie saugen sich an die Passanten ran. An jeden Passanten. Wenn sie einen dann gestellt haben, halten sie den fest. Fest, wie ein Falke, der seine frisch erlegte Beute mantelt. Es gibt kein Entkommen.<\/p>\n<p>Dann reden sie auf einen ein, so dass es im Kopf klingelt. Die Menschen haben keine Zeit, das wissen sie und reden deshalb besonders schnell. Ein \u201eNein, danke\u201c oder \u201ekein Interesse\u201c akzeptieren sie nicht. Zumindest nicht so lange, bis sie alle ihre S\u00e4tze losgeworden sind. Aber auch dann wird es nicht leichter. Ich habe es versucht mit: \u201eKeine Zeit. Mein Bus f\u00e4hrt gleich.\u201c Darauf meinte er: \u201eKein Problem, ich komme mit.\u201c Ahhhh. Das machte mir ein wenig Angst, das geht zu weit, ich brauche keine Busbegleitung mit Schreibunterlage auf dem Unterarm. Ich will auch nicht beim DRK eintreten, obwohl ich wei\u00df, dass das wichtig und wahrscheinlich sogar richtig w\u00e4re. Ich will es nicht! Schon gar nicht vor dem Bahnhofsgeb\u00e4ude. Ich bin ihn dann losgeworden mit: \u201eIch muss das erst mit meiner Frau abkl\u00e4ren, wissen sie?\u201c Zufrieden war er damit nicht und wollte sich mit mir am Bahnhof verabreden, um alles fest zu machen. Ich sagte okay. Ich wei\u00df, dass das nicht wirklich die feinste Art ist, aber was soll man machen. Ich habe heute \u00fcberlegt, ob ich auf der anderen Seite in den Bahnhof gehe, womit man sie umgehen k\u00f6nnte. Nur, dass sind 15 Minuten Umweg, was mir dann doch etwas \u00fcbertrieben erschien. Also war es der tanz auf einem Minenfeld. Ich bin ihnen entkommen. Heute. Man muss geschickt agieren und konzentriert, nur dann hat man eine Chance gegen die Rotkreuzritter. Ritter deshalb, weil sie ja wirklich was Gutes, was Ritterliches zu tun bem\u00fcht sind. <\/p>\n<p>Bald trete ich in einen Verein ein. Nicht ins Rote Kreuz, was allerdings bedeutet, dass ich f\u00fcr den Weg von der Tram in das Bahnhofsgeb\u00e4ude auch weiterhin t\u00e4glich eine Strategie auszuarbeiten muss. Und t\u00e4glich gr\u00fc\u00dft das Murmeltier.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Weg von der Tram in das Bahnhofsgeb\u00e4ude ist kein weiter und doch scheint er manchmal un\u00fcberwindbar. 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