{"id":2957,"date":"2008-11-18T17:48:32","date_gmt":"2008-11-18T16:48:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=2957"},"modified":"2008-11-18T17:52:26","modified_gmt":"2008-11-18T16:52:26","slug":"2957","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/2957\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Manchmal stand ich mit dem Kopf gelehnt an der Fensterscheibe auf einer der halbfertigen Baustellen, die irgendwann mal Wohnh\u00e4user werden sollten, rauchte,  sah auf den Hof, wo dutzende  Leute ihrer Arbeit nachgingen und dachte nach. Das tat ich oft, zu jener Zeit. Ich hatte Gl\u00fcck an solchen Tagen, konnte selbst\u00e4ndig und vor allem ohne jegliche Begleitung in Form eines dummschw\u00e4tzenden Kollegens kleine Aufgaben abarbeiten, die in jeder der frisch gebauten Wohnungen gemacht werden mussten. Heizk\u00f6rperrohre lackieren, Heizk\u00f6rper spritzen, Fugen ziehen, T\u00fcrzargen streichen \u2013 solche Sachen. Da stand ich dann im Warmen und genoss es, den Heizk\u00f6rpern so nahe zu kommen, drau\u00dfen war Winter, es lag Schnee und alle die dort drau\u00dfen unterwegs waren, mussten sich um einiges dicker anziehen als ich. Durch den Schnee liefen die portugiesischen Putzer, von denen es hie\u00df, sie h\u00e4tten keine Manieren, die t\u00fcrkischen Tiefbauer, von denen es hie\u00df, sie h\u00e4tten keine Manieren, die polnischen Eisenflechter, von denen es hie\u00df, sie h\u00e4tten keine Manieren, die russischen Fu\u00dfbodenleger, von denen es hie\u00df, sie h\u00e4tten keine Manieren, die deutschen Maurer und Maler, von denen ich sagen konnte, sie hatten keine Manieren, aber sie f\u00fchlten sich wohl besser damit, genau das den ausl\u00e4ndischen Bauarbeitern zu \u00fcberlassen \u2013 keine Manieren haben. Hin und wieder lief auch tapste auch ein Tischler durch den Schnee. Den einzigem Gewerk auf dem Bau angeh\u00f6rend, dem ich, in damaliger Situation, so etwas wie Manieren  attestiert h\u00e4tte. Tischler sind sehr ehrbare Handwerker, \u00e4hnlich wie Zimmerm\u00e4nner. Da stand ich dann, rauchte mehr als es meine Zeit hergegeben h\u00e4tte und pausierte. Lange manchmal.<\/p>\n<p>Es roch immer sehr sauer in diesen neu gebauten H\u00e4usern, in die 6-8 Wochen sp\u00e4ter die ersten Mieter ihre neuen Domizile einrichten wollten. Eine Mischung aus frischem Kalkputz, dem allgegenw\u00e4rtigem Staub, dem Holz der frisch verbauten  und Pisse, die fast immer in einigen Eimern vor sich hing\u00e4rte. Die mussten immer so lange als Klo-Ersatz herhalten, solange wie noch keine Sanit\u00e4ranlagen  verbaut bzw. diese funktionst\u00fcchtig waren. Wochenlang standen die da und ich wei\u00df bis heute nicht, wer die dann, irgendwann kurz vor Bauabnahme, entsorgt hatte. Es war ein furchtbarer Gestank und ich war froh, wenn der Lack, den ich auf die hei\u00dfen Heizk\u00f6rper und Rohre t\u00fcnchte, verbrannte und dabei kleine Rauchwolken im Raum hinterlie\u00df. Dieser Geruch dann machte die Tage ertr\u00e4glich, auch wenn   immer alles danach roch. Die Klamotten, die Haare, die Haut, alles roch nach Alkydharzlack, was gemessen an den anderen m\u00f6glichen Geruchsalternativen ganz klar die beste Variante war. <\/p>\n<p>Irgendwo aus einem anderen Hausflur dr\u00f6hnte dann der Hammer des Tischlers, der die T\u00fcren in die W\u00e4nde knallte, auch das S\u00e4gen der Steinsetzer konnte man gut h\u00f6ren, die die Treppenaufg\u00e4nge mit italienischem Granit ausstaffierten. Ansonsten war es manchmal ganz still. Ich h\u00f6rte nur das Schleifpapier, das die R\u00f6hren vom Putz befreite und das Klacken des Pinsels, wenn der mal gegen die Rohre stie\u00df. An solchen Tagen hasste ich die Pausen im Bauwagen. Ich wollte meine Ruhe, keine Gespr\u00e4che, keine Geschichten der Kollegen, die sich dar\u00fcber auslie\u00dfen, in welcher Dorfdisse sie am vergangenem Wochenende  wen wie oft und wo flachgelegt hatten. Ich wollte nicht h\u00f6ren, welcher der Altgesellen Stress mit seiner Uschi und seinen Kindern hatte, wohin er im n\u00e4chsten Jahr in den Urlaub fliegen w\u00fcrde, welches Reiseb\u00fcro ihm daf\u00fcr das beste Angebot gemacht h\u00e4tte. Ich wollte keinen Suff, kein Kiff und auch kein Koks, dass sich einige durch ihre Nasen zogen, um noch mehr Meter zu schaffen und um ihre Akkordl\u00f6hne so in die H\u00f6he zu treiben. Das machte f\u00fcr mich alles keinen Sinn, das war mir alles egal. Ich wollte meine Ruhe, wollte meine Gedanken ganz f\u00fcr mich haben und wollte meinen Earl Grey ohne Zucker. An solchen Tagen ging ich immer allein in die kleine B\u00e4ckerei und hoffte, dort niemanden zu treffen, der auch auf dieser Baustelle t\u00e4tig war. Manchmal gelang das. Ich stand dann dort und sah den Hausfrauen dabei zu, wie sie ihre Tageseink\u00e4ufe machten. Auch bl\u00f6d, aber immer noch besser als sich im Bauwagen zulallen und vollquatschen zu lassen. <\/p>\n<p>Ich war sehr lange auf dieser Baustelle mit den vielen blaugrauen (RAL 5024)  Mietsh\u00e4usern in der Triftstra\u00dfe, Berlin-Wittenau. Es war eine der besseren Baustellen, eine, auf der man auch mal allein arbeiten konnte. Manchmal habe ich die Jahre meiner ersten Ausbildung  gemocht, meistens habe ich sie gehasst. Hin und wieder sogar beides, eben so wie in der  Triftstra\u00dfe, Berlin-Wittenau. Immer wenn der Winter Einzug in mein Leben h\u00e4lt, erinnere ich mich an diese Zeit zur\u00fcck. Auch gerne mitunter. Heute nochmal durch diese Wohnungen gehen, von denen sich die Mieter gar nicht klar dar\u00fcber sind, dass das mal Baustelle war, das w\u00e4re was&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal stand ich mit dem Kopf gelehnt an der Fensterscheibe auf einer der halbfertigen Baustellen, die irgendwann mal Wohnh\u00e4user werden sollten, rauchte, sah auf den&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/2957\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\"><\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-2957","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-nur-mal-so","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/sXEnA-2957","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2957","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2957"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2957\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2957"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2957"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2957"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}