{"id":36419,"date":"2012-05-08T22:32:36","date_gmt":"2012-05-08T20:32:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=36419"},"modified":"2012-05-08T22:32:36","modified_gmt":"2012-05-08T20:32:36","slug":"buchtipp-anja-schwanhauser-kosmonauten-des-underground","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/buchtipp-anja-schwanhauser-kosmonauten-des-underground\/","title":{"rendered":"Buchtipp: Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer &#8211; Kosmonauten des Underground"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich meinen letzten Blog geschlossen habe, kam Ronnys Frage gerade recht. Und saugeil ist es auch noch, hier mitzubloggen. Ansonsten gibts mich gelegentlich auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/#!\/bastianbth\">Twitter<\/a>, aber vor allem bei <a href=\"http:\/\/www.realvinylz.de\/\">Realvinylz<\/a> zu lesen. Und da Ronny einen Faible f\u00fcr Open Airs, alternative Lebensentw\u00fcrfe und irgendwo auch Berlin hat, muss diese wunderbare Feldforschung verbreitet werden ;)<\/p>\n<a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?attachment_id=36420\" rel=\"attachment wp-att-36420\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2012\/05\/kosmonauten.jpg\" alt=\"\" title=\"kosmonauten\" width=\"504\" height=\"550\" class=\"alignnone size-full wp-image-36420\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2012\/05\/kosmonauten.jpg 504w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2012\/05\/kosmonauten-274x300.jpg 274w\" sizes=\"auto, (max-width: 504px) 100vw, 504px\" \/><\/a>\n<p>In <a href=\"http:\/\/www.campus.de\/wissenschaft\/kulturwissenschaften\/Ethnologie%2FKulturanthropologie.40447.html\/Kosmonauten+des+Underground.94587.html?PTBUCH=BUCH\">ihrer Ethnografie<\/a> \u00fcber den Berliner Techno-Underground, die auf Feldforschungen in den Jahren 2002-2005 basiert, beschreibt die Autorin eine Szene, die sie nach Bourdieu als neues Kleinb\u00fcrgertum bezeichnet. Dieses kennzeichnet sich dadurch, dass es in der Stadt lebt und sich sowohl von der proletarischen als auch der Hochkultur abgrenzt. Statt dem Wunsch beruflich oder finanziell aufzusteigen und sich ins Private zur\u00fcckzuziehen, steht eine hedonistische Lebensweise (\u201eDie Pflicht zum Genuss\u201d) im Vordergrund und ein sich permanentes im Raum bewegen \u2013 so \u201ef\u00fchrt die Fluchtlinie des neuen Kleinb\u00fcrgertums nach unten und nach au\u00dfen und wieder zur\u00fcck\u201c (265). Das permanente Bewegen wird ebenso als Reiz empfunden, wie die auf Vergn\u00fcgen ausgerichtete Lebensweise. Beide Verhaltensweisen bekr\u00e4ftigen in den Augen der Akteure die Einstellung, nicht zur Mehrheitsgesellschaft, zum Mainstream dazuzugeh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Um in den Genuss zu kommen, dienen den Akteuren des Techno-Underground ungenutzte st\u00e4dtische R\u00e4ume, die sie zu tempor\u00e4ren Locations umgestalten um dort ihre Feste zu inszenieren. Und hier liegt auch die Besonderheit der Szene: <!--more-->Die Locations sind immer nur vor\u00fcbergehender Natur. Sie werden erobert, genutzt und anschlie\u00dfend (mehr oder minder freiwillig) verlassen, um sich auf die Suche nach neuen Orten zu begeben. Dabei sind vor allem die atmosph\u00e4rischen Qualit\u00e4ten des Raums wichtig. Es handelt sich h\u00e4ufig um Geb\u00e4ude aus DDR-Zeiten mit entsprechender Historie, in denen mit Licht und Musik gespielt wird. Auch kommt dem Moment eine besondere Bedeutung zu, da sich das neue Kleinb\u00fcrgertum nicht festlegen will. Ihr Prinzip und \u201eihre Ordnung ist der [permanente] Wandel\u201c (261).<\/p>\n<p>Allerdings ist der Begriff des Techno-Undeground f\u00fcr Au\u00dfenstehende etwas verwirrend, handelt es sich doch nicht um die \u201eetablierte\u201c Underground-Technoszene, die schon fr\u00fch u.a. durch Gabriele Muri, Philipp Anz\/Patrick Walder, Ronald Hitzler, Julia Werner und zuletzt Tobias Rapp erforscht wurde, sondern um Akteure, die sich vor allem der Hippie- und Punktradition verpflichtet f\u00fchlen. So entstammen viele der Hauptprotagonisten der <strong>Collectives<\/strong> aus der ehemaligen Hausbesetzer-Szene, die jetzt in Wagenburgen leben und verorten ihren Stil auch dementsprechend. Statt eines regressiven \u201eZur\u00fcck zur Natur\u201c gilt bei den Punks \u201eZur\u00fcck zum Beton\u201c wie es die Punkband S.Y.P.H. einst besang, w\u00e4hrend Rousseaus Ausspruch Leitmotiv f\u00fcr diejenigen ist, die sich der Hippiebewegung zuordnen. Dennoch ist beiden \u201eGruppen\u201c das Bestreben gleich, durch die \u00c4sthetisierung des Alltags die \u201eTrennung zwischen den Individuen zu \u00fcberwinden\u201c (12).<\/p>\n<p>Die St\u00e4rken von Schwanh\u00e4u\u00dfers Ethnografie liegen einmal in der gelungenen Beschreibung der Akteure des Feldes. Dies erm\u00f6glicht dem Leser\/der Leserin, sich in deren Situation hineinzuversetzen. Es l\u00e4sst sich gut nachvollziehen, wie sie ihren Alltag strukturieren und aus welchen Motiven sie handeln. So werden einige der Hauptprotagonisten vorgestellt und ausf\u00fchrlich \u00fcber ihren Lebensstil, ihre Kleidung, Drogenkonsum, Arbeit und \u201ePartyverhalten\u201c berichtet.<\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus gelingt Schwanh\u00e4u\u00dfer im theoretischen Abschnitt des Buches eine eindrucksvolle Darstellung des Wandels der Stadt Berlin und der Gesellschaft im Allgemeinen. Es wird deutlich, wie stark sich inzwischen subkulturelle Werte in der Mehrheitsgesellschaft etabliert haben, bzw. wie nah beieinander Selbstverwirklichung und tendenziell antikapitalistische Einstellungen dem neoliberalen Paradigma des projektf\u00f6rmigen Daseins (in Anlehnung an Boltanski\/Chiapello) sind.<\/p>\n<p>Zudem legt Schwanh\u00e4u\u00dfer dar, welche Bedeutung die Szene insgesamt f\u00fcr das Bild der Stadt und somit auch f\u00fcr Postadoleszente in ganz Europa hat, die bis heute in die Stadt str\u00f6men. So kann das Buch auch als eine Art Vorg\u00e4nger von und Erg\u00e4nzung zu Tobias Rapps \u201eLost and Sound\u201c (2009) angesehen werden. Wo es Rapp um die Beschreibung des explodierenden Rave-Tourismus durch \u201eEasy-Jet-Raver\u201c in die etablierten Technoclubs geht, zeigt Schwanh\u00e4u\u00dfer die Undergroundszene vor der massenhaften Internetnutzung auf, die \u2013 wenn auch unbeabsichtigt \u2013 einen Teil dazu beitrug, den Ruf einer Feiermetropole zu generieren.<\/p>\n<p>Die eigentliche Musik wird, obwohl sie der Mittelpunkt und wohl auch Grund der Partys ist, in Schwanh\u00e4u\u00dfers Dissertation, die diesem Buch zugrunde liegt, nur angestreift. So w\u00e4re es interessant zu wissen, was das Spezielle am Techno und seinen Varianten ausmacht, bzw. ob es nicht doch Analogien gibt, zwischen der Fluidit\u00e4t der Szene und dem Fluiden des DJ-Mixes, bei dem permanent Neues im Fluss des \u00dcbereinanderblendens mehrerer St\u00fccke entsteht.<\/p>\n<p>Die oft betonte Freiheit seitens der Akteure t\u00e4uscht dar\u00fcber hinweg, dass deren Lebenslagen h\u00e4ufig extrem prek\u00e4r sind \u2013 nicht nur in finanzieller Hinsicht \u2013 und es sich hier eher um Selbstausbeutung denn -verwirklichung handelt. Viele der \u201enormalen Raver\u201c, die im Buch fast nicht beschrieben werden, da es sich gr\u00f6\u00dftenteils um die Macher hinter den Kulissen handelt, nehmen diesen Lebensweg als einen Fluchtweg vor anderen Problemen. Auch der massive Drogenkonsum, der aus eigenen Beobachtungen nicht nur aus Cannabis sondern auch aus Amphetaminen, Metamphetaminen und anderen Substanzen besteht, deutet darauf hin.<\/p>\n<p>Res\u00fcmierend betrachtet, gelingt Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer eine Ethnografie einer postmodernen Szene, die sich sehr positiv von anderen Werken \u00fcber die Technoszene im weiteren Sinne abhebt und dies zus\u00e4tzlich mit Urbanit\u00e4t (auch in ihrer historischen Entwicklung), theoretischen Raum- und Schichtkonzepten in Verbindung bringt und anschaulich die kausalen Zusammenh\u00e4nge aufzeigt.<\/p>\n<p>[Diese Rezension erschien zuerst als Rezension in: Hegner, Victoria; Hemme, Dorothee (Hg.): Kulturen. Feldforschung@cyberspace.de, Heft 2\/2011, G\u00f6ttingen, S. 62-64]<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.campus.de\/wissenschaft\/kulturwissenschaften\/Ethnologie%2FKulturanthropologie.40447.html\/Kosmonauten+des+Underground.94587.html?PTBUCH=BUCH\">Reinlesen und Kaufen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich meinen letzten Blog geschlossen habe, kam Ronnys Frage gerade recht. Und saugeil ist es auch noch, hier mitzubloggen. Ansonsten gibts mich gelegentlich auf<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/buchtipp-anja-schwanhauser-kosmonauten-des-underground\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\">Buchtipp: Anja Schwanh\u00e4u\u00dfer &#8211; Kosmonauten des Underground<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[19],"tags":[],"class_list":["post-36419","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-doku","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pXEnA-9tp","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36419","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=36419"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/36419\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=36419"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=36419"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=36419"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}