{"id":50516,"date":"2013-03-20T14:20:49","date_gmt":"2013-03-20T13:20:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=50516"},"modified":"2013-03-20T14:21:28","modified_gmt":"2013-03-20T13:21:28","slug":"gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR \u2013 Kindheit"},"content":{"rendered":"<p><small><span style=\"background: #f5f4f4;\">Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt hin und wieder ihre Erinnerungen von damals in Textdokumente. Da ich ohnehin ein gro\u00dfes Interesse an DDR-Biografien des Alltags habe und m\u00f6chte, dass derartige Erinnerungen nicht auf irgendwelchen Festplatten verschimmeln und irgendwann einfach den Tod einer Festplatte sterben, packe ich die Texte von Ursula ab jetzt hier in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden rein. Ihr erster Text sammelt Erinnerungen aus ihrer Kindheit.<\/span><\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"576px-Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/576px-Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user-505x525.jpg\" width=\"505\" height=\"525\" \/><br \/>\n<small>(Foto:\u00a0<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Peter\">Richard Peter<\/a>, unter\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC<\/a>\u00a0von\u00a0<a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_%5E_Stadtlandschaften_%5E_Wohnh%C3%A4user.jpg\">Deutsche Fotothek\u200e<\/a>)<\/small><\/p>\n<p>Meine fr\u00fcheste Erinnerung liegt kurz bevor ich drei wurde. Unsere Oma gratulierte meiner Kusine zum achten Geburtstag.<br \/>\nWir waren immer zu viert: Meine vier Jahre \u00e4ltere Schwester Helga, mein drei Jahre \u00e4lterer Bruder J\u00f6rg, die Kusine Edeltraut und ich, das Urselchen.<\/p>\n<p>In meiner Erinnerung lungerten wir an diesem Tag im Treppenhaus herum und wussten nichts rechtes mit uns anzufangen. Es muss ein Sonntag gewesen sein, sonst h\u00e4tten die gr\u00f6\u00dferen Kinder in die Schule gehen m\u00fcssen. Unsere Familie wohnte in der Mittelstra\u00dfe im <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holl%C3%A4ndisches_Viertel\">Potsdamer Holl\u00e4nderviertel<\/a>.<\/p>\n<p>In der kleineren Wohnung links des Flures wohnte Oma Anna mit Opa Eduard. Wir hatten in der Mitte eine lange schmale K\u00fcche, deren Fenster zur Stra\u00dfe lag. Daneben gab es eine gro\u00dfes Wohnzimmer in dem auch meine Eltern auf je einer Couch schliefen. Im Zimmer dahinter befand sich unser Schlafzimmer. Meine Geschwister schliefen im Ehebett der Eltern. Ich schlief die ersten Jahre in einem Gitterbett, sp\u00e4ter zog ich ins Ehebett um und mein Bruder bekam eine Couch die quer zu unseren F\u00fc\u00dfen stand. Diese Liegestatt war so stramm gepolstert, dass sie sich nach oben w\u00f6lbte, wenn keiner darauf lag. Wir nannten sie deshalb \u201eden Walfisch\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Leute in den anderen H\u00e4usern der Stra\u00dfe noch Plumsklosetts hatten, besa\u00dfen wir eine richtige Toilette mit Wassersp\u00fclung. Mein Vater der Klempnermeister war, hatte f\u00fcr seine Familie diese Annehmlichkeit gebaut. Es war einfach ein Bretterverschlag vom Treppenhaus abgeteilt worden. Da ich noch ziemlich klein war und auf dem Weg zum Klo oft den Lichtschalter nicht fand, kam es vor, dass ich im Dunkeln hin und wieder die Treppe heruntergefallen bin. Das gab nat\u00fcrlich ein Heidengebr\u00fcll.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt hatte ich ziemlich fr\u00fch herausgefunden, was man mit Br\u00fcllen alles bewirken konnte. Wenn es Streit gab oder ich fand, dass die \u00c4lteren mich schlecht behandelten schrie ich aus Leibeskr\u00e4ften. Kam dann ein Erwachsener und fragte nach dem Grund, sagte ich scheinheilig:\u201c Ich bin nur hingefallen.\u201c Zum Dank daf\u00fcr, dass ich nicht gepetzt hatte, mussten die Gro\u00dfen mich nun mitspielen lassen oder mich auf ihre Abenteuer rund um die H\u00e4userblock mitnehmen, was sie auch taten.<br \/>\nIn unsere K\u00fcche gab es einen Gasdurchlauferhitzer, so dass wir immer warmes Wasser hatten. Kam ich abends vom Spielen nach Hause, musste ich zum Waschen auf einen Hocker steigen, nacheinander einen Fu\u00df ins Waschbecken setzen und dann schrubbte meine Mutter meine Knie mit einer B\u00fcrste, manchmal sogar mit Bimsstein.<\/p>\n<p>In unserer K\u00fcche gab es eine Gaslampe. Mein Vater hatte diese zus\u00e4tzliche Lichtquelle eingebaut, weil es zu dieser Zeit sehr oft Stromsperre gab. Dann war die ganze Stra\u00dfe dunkel, nur in unserer K\u00fcche brannte munter ein helles sehr wei\u00dfes Licht. Die Gaslampe durften nur Erwachsene anz\u00fcnden. Der Mechanismus funktionierte mit einem sogenannten \u201eStrumpf\u201c. Das war eine Art l\u00e4ngliches S\u00e4ckchen aus nichtbrennbarem Material. Daran hielt man ein Streichholz, drehte den Hahn auf und \u2013 flup gab es Licht. Den Gasstrumpf durfte man nicht ber\u00fchren, dann fiel er in sich zusammen. Das war dann eine gro\u00dfe Untat, denn der Gasstrumpf musste f\u00fcr viel Geld aus Westberlin geholt werden.<\/p>\n<p>Oft sa\u00dfen wir bei Stromsperre in der K\u00fcche, hatten Kerzen angez\u00fcndet und meine Eltern sangen mit uns Volkslieder, damit wir am Tisch sitzen bleiben sollten und in der dunklen Wohnung nichts kaputt machen konnten. Man wusste nie, wie lange die Stromsperre dauern w\u00fcrde. Mal war es eine halbe Stunde, mal waren es zwei. Wenn dann pl\u00f6tzlich das Deckenlicht wieder anging und uns in seiner ungewohnten Helligkeit fast blendete, jubelten alle laut .<\/p>\n<p>In Potsdam war eine gro\u00dfe Zahl der sowjetischen Streitkr\u00e4fte stationiert. Man sollte sich als Kind vor ihnen in acht nehmen und sich m\u00f6glichst von ihnen fern halten. Auch sollte man von niemandem etwas annnehmen. Es wurde behauptet, manche wollen die Kinder vergiften. Die Nachbarsfrau, die Stra\u00dfenbahnschaffnerin im Schichtdienst war, musste immer \u00fcber den Bassinplatz rennen, damit sie keiner wegfangen konnte \u2013 oder so \u00e4hnlich. Mir wurden diese Geschichten nicht wirklich erz\u00e4hlt, aber mitbekommen habe ich sie schon. <\/p>\n<p>Einmal f\u00fchr ich mit meiner Schwester in der Stra\u00dfenbahn. Es waren uralte klapprige Wagen mit einem hinteren offenen Perron. Ein gro\u00dfer dicker russischer Offizier wurde auf mich aufmerksam. Er griff in die Tasche, holte ein gro\u00dfes St\u00fcck Zucker heraus, das in ein Banderole eingewickelt war und hielt es mir hin. Ich machte mein finsterstes Gesicht, sch\u00fcttelte heftig den Kopf und verschr\u00e4nkte meine Arme auf dem R\u00fccken. Der Russe lachte, dr\u00fcckte meiner Schwester den Zucker in die Hand und sagte: \u201cGieb.\u201c  Zu Hause wurde der Vorfall heftig diskutiert und ich hatte nat\u00fcrlich alles falsch gemacht.<\/p>\n<p>Als die DDR gegr\u00fcndet war, wurde es politisch lebendig in unserer Stra\u00dfe. W\u00e4hrend wir beim Abendessen sa\u00dfen, kamen schon mal zwei \u201eAufkl\u00e4rer\u201c in unsere K\u00fcche und erkl\u00e4rten uns die neue Zeit. Niemand sollte nach West-Berlin fahren und dort sein Geld in Westgeld umtauschen. Nur weil es dort \u201eWuggi-Wuggi- Schuhe mit dicken Kreppsohlen gab. Darauf sollten wir verzichten, denn das sch\u00e4digt unseren jungen Staat. Meine Mutter sagte nichts, aber in solchen Momenten sah sie immer aus, als h\u00e4tte sie Zahnschmerzen.<\/p>\n<p>Noch schlimmer fand sie den Stadtfunk. Noch immer hatte nicht jeder Haushalt ein Radio. Die hatte man beim Einmarsch der Russen unter Androhung schlimmster Strafen , alle abgeben m\u00fcssen. Also bekamen wir nach russischer Sitte einen Stadtfunk.<\/p>\n<p>Schr\u00e4g gegen\u00fcber von unserem Haus befand sich an der Ecke Mittelstra\u00dfe\/Benkertstra\u00dfe die Gasst\u00e4tte \u201e<a href=\"http:\/\/www.zum-fliegenden-hollaender.de\/\">Zum Fliegenden Holl\u00e4nder<\/a>.\u201c Die gibt es dort heute noch.<\/p>\n<p>Jeden Sonntag fr\u00fch um sieben pl\u00e4rrten aus dem Lautsprecher in \u00fcbelster Tonqualit\u00e4t alle m\u00f6glichen Kampflieder. Am h\u00e4ufigsten wurde gespielt: \u201eSpaniens Himmel breitet seine Sterne..\u201c Auf diese Art habe ich das Lied sehr schnell gelernt. Aber meine Mutter knurrte irgendwas von \u201eunm\u00f6glichem L\u00e4rm..\u201c und schloss w\u00fctend die Fenster.<\/p>\n<p>Mein Vater hatte ein Auto. Das war was ganz besonderes. Alle privaten Autos hatte man entweder in den letzten Kriegstagen an Hitler \u2013 oder nach dem achten Mai an die Russen \u00fcbergeben m\u00fcssen. Dennoch: Mein findiger Vater hatte schon kurz nach dem Krieg, es mag 46 oder 47 gewesen sein, wieder ein Auto. Das ist eine spezielle Geschichte, ein Abenteuer und reichlich kriminell.<\/p>\n<p>Es war die Zeit der allgemeinen Hamsterei. Alle aus der Stadt fuhren aufs Dorf und verh\u00f6kerten was irgend einen Wert hatte an die Bauern : F\u00fcr Essbares. Mein Vater hat solche Fahrten f\u00fcr Bekannte und Freunde erledigt. Es war gef\u00e4hrlich, weil verboten. Aber es fiel immer was ab.<\/p>\n<p>Wir hatten als Familie das Gl\u00fcck, dass wir b\u00e4uerliche Verwandte in den havell\u00e4ndischen D\u00f6rfern hatten. Von dort bekamen wir zu Essen. Es war nicht viel, aber schon ein Sack Kartoffeln war damals ein unsch\u00e4tzbarer Wert. Die neue Administration stellte \u00fcberall kurz geschulte Hilfspolizisten ein. Zwischen den Landkreisen waren Kontrollen eingerichtet. Man wollte die Bauern zwingen, alles abzuliefern und durch die Verwaltung gelenkt, der hungernden Bev\u00f6lkerung gerecht zukommen zu lassen. Das funktionierte nat\u00fcrlich nicht, denn wo ein Mangel ist, da ist kriminelle Energie. Ich erinnere mich, wie wir an einem Sonntagabend von den Verwandten im Dorf Roskow, 12 km von Brandenburg entfernt, nach Hause, nach Potsdam, aufbrachen. Mein Vater besa\u00df einen alten <a href=\"http:\/\/www.aero-ig.de\/cont_aero_minor_alt3.htm#Stationswagen\">Aero<\/a>, eine Automarke, die es heute nicht mehr gibt. Es war ein Lieferwagen mit langem Heck. Vor der Abfahrt wurde ein Sack Kartoffeln auf die Ladefl\u00e4che gesch\u00fcttet. Darauf wurden Decken gelegt. Dann mussten wir drei Kinder uns darauf legen. Es wurde uns eingesch\u00e4rft: \u201eWenn ein Kontrolle kommt, m\u00fcsst ihr fest schlafen, ihr d\u00fcrft die Augen nicht \u00f6ffnen. Und genau das passierte. Die Hilfspolizisten leuchteten mit Taschenlampen in das Auto. Da lagen drei Kinder und schliefen tief und fest. Man verzichtete darauf, das Auto weiter zu untersuchen und so brachten meine Eltern ihre Konterbande sicher nach Hause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. 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