{"id":50650,"date":"2013-03-22T11:40:48","date_gmt":"2013-03-22T10:40:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=50650"},"modified":"2013-04-03T17:40:29","modified_gmt":"2013-04-03T15:40:29","slug":"gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-2\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR \u2013 Kindheit, Teil 2"},"content":{"rendered":"<p><small><span style=\"background: #f5f4f4;\">Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt hin und wieder ihre Erinnerungen von damals in Textdokumente. Da ich ohnehin ein gro\u00dfes Interesse an DDR-Biografien des Alltags habe und m\u00f6chte, dass derartige Erinnerungen nicht auf irgendwelchen Festplatten verschimmeln und irgendwann einfach den Tod einer Festplatte sterben, packe ich die Texte von Ursula ab jetzt hier in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden rein. <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?author=26\">Hier finden sich alle ihrer Texte<\/a>.<\/span><\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/Bundesarchiv_Bild_170-028_Potsdam_Holl\u00e4ndisches_Viertel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/Bundesarchiv_Bild_170-028_Potsdam_Holl\u00e4ndisches_Viertel.jpg\" alt=\"Potsdam, Holl\u00e4ndisches Viertel\" width=\"505\" height=\"743\" class=\"alignnone size-full wp-image-50651\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/Bundesarchiv_Bild_170-028_Potsdam_Holl\u00e4ndisches_Viertel.jpg 544w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/Bundesarchiv_Bild_170-028_Potsdam_Holl\u00e4ndisches_Viertel-204x300.jpg 204w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/03\/Bundesarchiv_Bild_170-028_Potsdam_Holl\u00e4ndisches_Viertel-476x700.jpg 476w\" sizes=\"auto, (max-width: 505px) 100vw, 505px\" \/><\/a><br \/>\n<small>(Foto:\u00a0<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Baur\">Max Baur<\/a>, unter\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC<\/a>\u00a0von\u00a0<a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Bundesarchiv_Bild_170-028,_Potsdam,_Holl%C3%A4ndisches_Viertel.jpg?uselang=de\">Bundesarchiv\u200e<\/a>)<\/small><\/p>\n<p>Unsere sonnt\u00e4glichen Fahrten zu den Verwandten waren  abenteuerlich. Manchmal waren Stra\u00dfen gesperrt, manchmal gab es Kontrollen oder wir fuhren Umwege \u00fcber unbefestigte Feldwege, um Kontrollen zu umgehen.  Einige Br\u00fccken, die am Kriegsende gesprengt worden waren, wurden  nur notd\u00fcrftig wieder zusammengeflickt. Wenn wir mit dem Auto dar\u00fcberfuhren, federten und polterten die Holzbohlen. Dann gab mein Vater immer seinen Kommentar ab: \u201eNa hoffentlich h\u00e4lt sie diesmal noch&#8230;\u201c  und man sp\u00fcrte, dass er es ganz ernsthaft meinte.<\/p>\n<p>Ich tr\u00e4umte nachts davon, dass die Br\u00fccken unter uns zusammenbrachen. Noch heute fahre ich nicht gern \u00fcber Br\u00fccken und drossele immer stark das Tempo.<\/p>\n<p>Was von den vielen uniformierten Russen zu halten war, blieb mir als Kind etwas unklar. Jedenfalls hatten die meisten Erwachsenen Angst vor ihnen. Wenn wir Kinder an Sonntagen aus der Mittelstra\u00dfe in unseren Kleingarten auf dem Pfingstberg gingen, kamen wir durch die Puschkinallee am Kapellenberg. Dort wohnten die russischen Offiziersfamilien, die zum Planquadrat des KGB-St\u00e4dtchens geh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Ein mal bedrohten uns  zwei russische Kinder mit Zaunlatten. Meine Schwester, die vom Leben in dieser Zeit am meisten verstand, befahl dass wir weglaufen. Mir leuchtete das nicht ein, da die Kinder kleiner waren und wir waren immerhin zu dritt. \u201eWir d\u00fcrfen sie nicht verhauen, sagte meine Schwester, sonst werden unsere Eltern abgeholt.\u201c  Das Wort \u201eabgeholt\u201c habe ich als Kind oft geh\u00f6rt. Meistens wurde es nur gefl\u00fcstert und die Leute blickten sich dabei scheu nach allen Seiten um. Jedenfalls  gen\u00fcgte in dieser politisch instabilen Lage nur wenige Jahre nach Kriegsende eine einzige Denunziation, dass jemand auf Nimmerwiedersehen verschwand.<\/p>\n<p>Meine Mutter hatte mit den Russen nicht viel am Hut. Mein Vater, der den Krieg erlebt und den Russlandfeldzug miterlebt hatte, sah das anders. \u201eDas sind genauso arme Schweine wie wir, sagte er. Die hat der Stalin verheizt, wie uns der Hitler. Au\u00dferdem sprach mein Vater ein wenig Soldatenrussisch.  Auf den Fahrten \u00fcber Land trafen wir oft einzelne russische Offiziere, die zu Fu\u00df unterwegs waren. Dann hielt mein Vater an und lud den Offizier auf Russisch zur Mitfahrt ein. Meine Mutter musste  den Beifahrersitz r\u00e4umen und zu uns Kindern in den fensterlosen Laderaum krabbeln, in dem es auch keine Sitze gab. Das gefiel ihr \u00fcberhaupt nicht. Erst viel sp\u00e4ter habe ich begriffen, dass mein Vater fast immer irgendetwas im Auto transportierte was unerlaubt war und zu Komplikationen f\u00fchren konnte. Bei deutschen Kontrollposten sagte er einfach: \u201eDas geh\u00f6rt dem Russen.\u201c Viele winkten auch  das Auto einfach durch, weil ein Russe neben dem Fahrer sa\u00df.    Wir h\u00f6rten als Kinder auch oft von betrunkenen Russen, die in der Stadt am Abend randalierten. Das waren in der Regel einfache Mushiks.<\/p>\n<p>Ich selbst habe es nie gesehen, kenne aber die Erz\u00e4hlungen davon, dass sie von ihren eigenen Leuten ganz f\u00fcrchterlich verdroschen wurden und dann nach dem Prinzip vier Mann vier Ecken in hohem Bogen auf einen LKW geschmissen wurden. Jedenfalls ist mir noch erinnerlich, dass man, wenn ein Russe zudringlich w\u00fcrde, ganz laut rufen sollte: \u201cIch gehen Kommandantura\u201c.<\/p>\n<p>Als meine Eltern in diesen Jahren einen Hund anschafften, damit wir Kinder einen Spielgef\u00e4hrten haben sollten, wurde  er kurz darauf in der Puschkinallee von einem Russen-LKW \u00fcberfahren. Der kam mit hoher Gescwindigkeit um die Ecke gebraust, die Bremsen quietschen laut und irgendwie war Chaos. Meine Muttern nahm uns an die Hand und wir mussten weitergehen. Unsere Eltern wollten, dass wir vom Geschehen sowenig wie m\u00f6glich mitbekommen sollten. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, wie mein Vater meiner Mutter erz\u00e4hlte, dass er sich von einer Anwohnerin einen Spaten geborgt und den Hund neben der Stra\u00dfe auf dem Kapellenberg eingegraben hatte. Das war R\u00fcpel, er war nicht lange bei uns.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt&#8230;<\/p>\n<div class=\"more-link-wrapper\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-2\/\">Mehr lesen -&gt;<span class=\"screen-reader-text\">Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR \u2013 Kindheit, Teil 2<\/span><\/a><\/div>\n","protected":false},"author":26,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[22],"tags":[],"class_list":["post-50650","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-wende","entry"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pXEnA-daW","jetpack-related-posts":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50650","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/26"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=50650"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/50650\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=50650"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=50650"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=50650"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}