{"id":51223,"date":"2013-04-03T16:05:10","date_gmt":"2013-04-03T14:05:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=51223"},"modified":"2013-04-03T19:14:44","modified_gmt":"2013-04-03T17:14:44","slug":"gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-3\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR \u2013 Kindheit, Teil 3"},"content":{"rendered":"<p><small><span style=\"background: #f5f4f4;\">Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt hin und wieder ihre Erinnerungen von damals in Textdokumente. Da ich ohnehin ein gro\u00dfes Interesse an DDR-Biografien des Alltags habe und m\u00f6chte, dass derartige Erinnerungen nicht auf irgendwelchen Festplatten verschimmeln und irgendwann einfach den Tod einer Festplatte sterben, packe ich die Texte von Ursula ab jetzt hier in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden rein. <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?author=26\">Hier finden sich alle ihrer Texte<\/a>.<\/span><\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-51224\" alt=\"Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user.jpg\" width=\"600\" height=\"624\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user.jpg 600w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user-288x300.jpg 288w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_^_Stadtlandschaften_^_Wohnh\u00e4user-505x525.jpg 505w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><br \/>\n<small>(Foto:\u00a0<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Peter\">Richard Peter<\/a>, unter\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC<\/a>\u00a0von\u00a0<a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Fotothek_df_ps_0004701_Stadt_%5E_Stadtlandschaften_%5E_Wohnh%C3%A4user.jpg\">Deutsche Fotothek\u200e<\/a>)<\/small><\/p>\n<p>Anfang der F\u00fcnfziger Jahre wurde in unserer Familie beschlossen, umzuziehen.<br \/>\nDer Umzug hatte seine Gr\u00fcnde. <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Holl%C3%A4ndisches_Viertel\">Das Holl\u00e4nderviertel<\/a> war damals keine besondere Adresse. Da wohnten einfache Leute in alten H\u00e4usern mit sehr einfachen Wohnungen. Meine Mutter hat sp\u00e4ter behauptet, sie h\u00e4tte es vermieden, ihre Adresse zu nennen.<\/p>\n<p>Mit den Jahrzehnten waren die H\u00f6fe, einst gro\u00dfe G\u00e4rten, durch Schuppen, St\u00e4lle und kleine Handwerksbetriebe zugebaut. Ebenso die Brandgassen, die in ihrer alten Funktion nicht mehr notwendig schienen. Dem Viertel fehlte Luft und Licht. Die Keller waren feucht, da hier auf Sumpf gebaut worden war.<\/p>\n<p>Nachts h\u00f6rte man zwischen den Geschossen die Ratten unter den Dielen rennen. Es polterte richtig laut und jagte uns Kindern Angst ein. Auch im Keller gab es Ratten. Trotzdem fanden meine Eltern es v\u00f6llig normal, eins von den Kindern in den Keller zu schicken, um etwas herauf zu holen. Meistens waren es selbstgemachte saure Gurken, die dort in einem Steintopf lagen. Da es im Keller kein Licht gab, bekam man eine Dynamo-Taschenlampe in die Hand gedr\u00fcckt, die man st\u00e4ndig dr\u00fccken musste. Vom Hof aus musste die Kellerabdeckung, die mit Gewichten \u00fcber Rollen lief, angehoben werden. Der Keller stand fast immer ein wenig unter Wasser. Deshalb hatten die Mieter Bretter ausgelegt, die auf Mauersteinen lagen. Darauf balancierte man bis zum Gurkentopf. Dann wurde der Deckel abgenommen. Auf den Gurken lag zur Beschwerung ein Teller, auf dem Teller ein Stein. Beides musste raus. Dann griff man voller \u00dcberwindung durch die Kahmschicht und holte mit der Hand die geforderte Anzahl Gurken heraus. Nur schnell, so schnell wie m\u00f6glich wieder raus. Ab und zu passierte es, das eine Ratte durch den Keller lief. Ich glaube, ich war nur einmal allein im Keller, dann verlangte ich Begleitung.<\/p>\n<p>Eine noch gr\u00f6\u00dfere Plage f\u00fcr die Bewohner des Viertels waren die Wanzen. Auf mich, ein sehr hellh\u00e4utiges blondes Kind, hatten sie es besonders abgesehen. Zweimal im Jahr, so etwa zu Pfingsten und Ende August wurden die Wanzen extrem aktiv. Dann sah ich immer sehr zerbissen aus und kratzte st\u00e4ndig an mir herum. Meine Mutter sch\u00e4mte sich dessen und hatte jahrelang geglaubt, mit \u00e4u\u00dferster Sauberkeit und regelm\u00e4\u00dfigem Gro\u00dfreinemachen, k\u00f6nnte sie den Wanzen beikommen. Sie nahm beim Putzen sogar die Betten auseinander und die Bilder von der Wand. In jede \u00d6ffnung spr\u00fchten wir das damals \u00fcbliche Insektengift \u201eMux\u201c hinein. Wenn ich es recht erinnere, hat sie es sogar mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dichlordiphenyltrichlorethan\">DDT<\/a> versucht. Im nachhinein denke ich, es hat uns Kindern mehr geschadet, als den Wanzen.<\/p>\n<p>Durch den Umzug waren von einem Tag auf den anderen, die abenteuerlichen Zeiten mit meiner Stra\u00dfengang vorbei. Wir waren etwa zehn Kinder verschiedenen Alters. Ich war die J\u00fcngste. Unsere Anf\u00fchrerrinnen waren zwei \u201egro\u00dfe\u201c M\u00e4dchen. Kriemhild hatte brandrote dicke Z\u00f6pfe und viele Sommersprossen und war ein Umsiedlerkind. Wir nannten sie \u201eKrimmi\u201c und nie habe ich geh\u00f6rt, dass sie wegen ihrer roten Haare ge\u00e4rgert wurde. Sie verstand es, sich zu wehren. Die zweite Anf\u00fchrerin, die eigentliche Eleonore hie\u00df, nannten wir \u201eLori\u201c. Sie geh\u00f6rte zu einer Familie, die gegen\u00fcber der Hausnummer 18 im Hof eine Firma betrieben hatte. Noch lange Jahre konnte man die Firmenaufschrift \u00fcber dem Torbogen lesen: \u201eStahlmatratzenfabrik Guderle.\u201c<\/p>\n<p>Wenn es d\u00e4mmerte fanden wir uns zusammen. Zuerst spielten wir ein bisschen lustlos \u201eMeister, Meister gib uns Arbeit\u201c oder \u201eHerr Fischer, Herr Fischer, wie tief ist das Wasser\u201c. Dann wurden wir aufgeteilt in R\u00e4uber und Polizisten. Das Spiel bei dem wir bis \u00fcber den Bassinplatz ausschw\u00e4rmten und uns gegenseitig zu \u00fcberw\u00e4ltigen versuchten, nannten wir \u201eR\u00e4uber und Pulle\u201c.<\/p>\n<p>Am liebsten machten wir \u201eKlingelzug\u201c oder legten auf den Wegen des Bassinplatzes ein altes Portemonnaie an einem Zwirnsfaden aus. Auf den Faden wurde Sand gestreut und sobald sich ein Erwachsener nach der B\u00f6rse b\u00fcckte, zogen wir sie blitzschnell hinter die Hecke, wo wir versteckt lagen. Dann folgte lautes Geschimpfe auf die verflixten Stra\u00dfeng\u00f6ren und wir rannten davon, als h\u00e4tten wir das Schlimmste zu bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Lange Jahre gab es um den Bassinplatz und in der heutigen Friedrich-Ebert-Stra\u00dfe noch zerst\u00f6rte H\u00e4user, eben Kriegsruinen. Es war uns strengstens verboten, diese Grundst\u00fccke zu betreten. Trotzdem sind wir b\u00e4uchlings in halb versch\u00fctteten Kellerfenster gerutscht und haben uns gegenseitig eingeredet, dort noch Sch\u00e4tze zu finden. Ein Wunder, dass alles gut gegangen ist.<\/p>\n<p>Ich war gerade in die zweite Klasse gekommen, als unsere Familie aus dem Holl\u00e4nderviertel zum Jagdschloss Stern zog. Die Siedlung hie\u00df Kolonie Drewitz und geh\u00f6rte zum Dorf Drewitz, das damals noch kein Teil von Potsdam war. Sp\u00e4ter wurde das ge\u00e4ndert, da waren wir Babelsberger.<\/p>\n<p>Im Juni 1952 wurde es merkw\u00fcrdig aufgeregt in unserer Familie. Meine Eltern hingen am Radio und machten ernste Gesichter. Mit uns Kindern sprachen sie nicht \u00fcber ihre Sorgen. Das war immer so, wenn es politisch wurde. Sie hatten Bedenken, dass wir in der Schule etwas ausplaudern k\u00f6nnten, wom\u00f6glich was Falsches sagten.<\/p>\n<p>Meine Mutter erlaubte mir nicht, zu meiner Freundin zu gehen, was ich \u00fcberhaupt nicht verstand. Am Nachmittag h\u00f6rte ich ein lautes Brummen, das die Luft mit Schwingungen erf\u00fcllte. Ich lief durch den Vorgarten auf die Stra\u00dfe und sah in etwa hundert Meter Entfernung auf der Bahnhofstra\u00dfe, die unsere Stra\u00dfe querte, eine Kolonne Sowjetpanzer. Sie kamen vom G\u00fcterfelder Truppen\u00fcbungsplatz und fuhren stadteinw\u00e4rts. Gem\u00e4chlich bewegten sie sich vorw\u00e4rts und wirbelten auf der unbefestigten Stra\u00dfe eine riesige Staubwolke auf.<\/p>\n<p>\u00dcber die parallel verlaufende asphaltierte Jagdhausstra\u00dfe konnten sie nicht fahren.<br \/>\nDie Russen hatten sich gleich 1945 einen Zaun um ihr Planquadrat gebaut und die Stra\u00dfe zur Sackgasse gemacht, weil sie links und rechts der Stra\u00dfe gr\u00f6\u00dfere Villen besetzt hatten. Vor dem Krieg befand sich dort ein Sanatorium. Wir Anwohner mussten einen betr\u00e4chtlichen Umweg \u00fcber die Kohlhasenbr\u00fccker Stra\u00dfe machen, um zur Bushaltestelle in der Steinstra\u00dfe zu gelangen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich gebannt auf die Panzer starrte, kam meine Mutter aus dem Haus gest\u00fcrzt, schrie v\u00f6llig hysterisch irgendwas von \u201everboten raus zugehen&#8230;\u201c zerrte mich wortlos auf unser Grundst\u00fcck und verabreichte mir links und rechts eine kr\u00e4ftige Ohrfeige. Danach schloss sie sorgf\u00e4ltig das Gartentor ab, steckte den Schl\u00fcssel in die Sch\u00fcrzentasche und ging wortlos ins Haus. Normalerweise wurden wir Kinder nicht verhauen. Ich war acht Jahre alt und verstand die Welt nicht mehr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. 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