{"id":5149,"date":"2009-04-27T09:43:05","date_gmt":"2009-04-27T07:43:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=5149"},"modified":"2009-04-27T22:06:18","modified_gmt":"2009-04-27T20:06:18","slug":"5149","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/5149\/","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p>Als ich ihn das erste Mal traf war er 18, das muss so sieben Jahre her sein. Er co-veranstalte in einem Jugendhaus einer mittelgro\u00dfen Stadt in PM  ein Freestyle Battle  und lebte Hip Hop. Er rappte selber mit, au\u00dfer Konkurrenz. Bis heute f\u00fcr mich einer der besten Freestyle MCs, den ich je geh\u00f6rt habe. Auch wegen den Texten, die immer Inhalt hatten, und der Gesellschaft den Mittelfinger zeigten, ohne nur vulg\u00e4r zu sein. Er machte Hip Hop, den ich h\u00f6ren konnte, was was hei\u00dfen will. Er war eine echte Feiersau, trank aber nur Milch. Milch! W\u00e4hrend andere K\u00fcnstler flaschenweise Suff f\u00fcr einen Auftritt ordern, wollte er immer nur Milch. Vollmilch mit 3,5% Fettanteil. <\/p>\n<p>Neben diesem Abend, machte er auch sonst in Hip Hop. Das machte er gut, hier und da eine gut besuchte VA, Features f\u00fcr andere Rapper, die auf CD landeten, Nachwuchsf\u00f6rderung und sonst alles, was irgendwie mit dem Kulturgut Hip Hop zu tun hatte.<\/p>\n<p>Wir redeten sehr lange miteinander, versprachen uns, uns gegenseitig  auf den eigenen Veranstaltungen des anderen zu besuchen, was er einhielt &#8211; ich nicht, wollten mal &#8222;was zusammen machen&#8220;, was man mit jedem verabredet der Musik macht und man selber dieses auch tut. In 99,6% bleibt es bei dieser Verabredung.<br \/>\nDann sahen wir uns ewig nicht.<\/p>\n<p> Irgendwann zwei Jahre sp\u00e4ter trafen wir uns in Rehbr\u00fccke am Bahnhof, redeten, lie\u00dfen unsere Z\u00fcge fahren, tranken Kaffee, rauchten, redeten noch mehr. \u00dcber Hip Hop in Pdm, \u00fcber Techno, \u00fcber die Labels, auch unsere, \u00fcber das Leben und \u00fcberhaupt. Er machte was, ich machte was. Dann sahen wir uns wieder ewig nicht, verabredeten uns nie, was vielleicht mal ganz gut gewesen w\u00e4re. Dem Austausch wegen.<\/p>\n<p>Vor zwei Jahren circa sahen wir uns das letzte Mal, auch auf dem Bahnhof. Er studierte jetzt, etwas, was er immer studieren wollte. Er sah gut aus und zufrieden. So wie man eben aussieht, wenn man in seinem Leben Dinge macht, die man gerne tut. Er rappte noch hin und wieder, machte Partys, jobbte f\u00fcr ein Stadtmagazin und beklagte den Untergang des Deutschen Hip Hops. Es war alles wie immer. So, wie man denkt, dass alles wie immer sei, weil es immer so war und man sich nicht vorstellen kann, dass irgendwas anders sein k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>Ich dachte hin und wieder an ihn, was er macht, wie es ihm dabei geht und machte mir keine Sorgen. Ich wusste, er tut was Gutes, das reichte mir. Es ist nicht mein Sound, den er repr\u00e4sentierte, aber gerade deshalb fand ich das was er machte so bemerkenswert: Mir gefiel, dass er in Hip Hop machte, den ich m\u00f6gen konnte. Und das will was hei\u00dfen. Er w\u00fcrde es damit weit bringen, davon war ich \u00fcberzeugt.<\/p>\n<p>Heute stand er in der Croissanterie vor mir und sah ganz anders aus, als ich mir jemals vorzustellen gewagt h\u00e4tte. In einem Anzug, nicht dem besten. Ich hatte, ohne es zu wollen, sofort meinen ach-du-Schei\u00dfe-Blick im Gesicht, der sich mit der innerlichen was-ist-dir-denn-passiert-Frage verb\u00fcndete. Ich glaube, er sp\u00fcrte das. Das tat mir leid. Allerdings war ich wirklich ziemlich geklatscht. Er sah schlecht aus. So, als w\u00fcrde er nicht mehr nur Milch trinken. Ich fragte ihn nat\u00fcrlich was er macht, wie es ihm geht, ihm ergangen ist und ob er noch Zeit auf einen Kaffee und eine Zigarette h\u00e4tte. Hatte er und erz\u00e4hlte mir, dass er sein erstes Studium, das, was er unbedingt machen wollte, abbrechen musste. Des Geldes wegen, es ging nicht mehr. Danach hatte er es mit BWL versucht, was er abbrechen musste. Der Gesundheit wegen. Jetzt macht er in Versicherungen, als Azubi. Er erz\u00e4hlte das wie jemand, der nicht hinter dem steht, was er macht. Der das als Notwendigkeit ansieht, als Pflichterf\u00fcllung. Ich glaube, es geht ihm damit nicht so gut. Er fragte auch, was ich mache, worauf ich sagte: <em>&#8222;Alles noch wie damals. Macht Spa\u00df, das Geld reicht zum Leben, ich mache meinen Job sehr gerne und wenn es geht auch noch sehr lange&#8220;<\/em>.  Ich hatte das Gef\u00fchl, das er mich darum ein beneidete, obwohl &#8222;beneidet&#8220; daf\u00fcr wohl das falsche Wort ist. Und \u00fcberhaupt kann ich mich darin auch t\u00e4uschen. Ich hatte einfach das Gef\u00fchl, dass auch er gerne einen Job h\u00e4tte, von dem er sagen kann, dass er diesen gerne macht. Mit voller \u00dcberzeugung sagen kann. <\/p>\n<p>Ich sagte ihm, dass es auch schlechter ginge. Weil mir irgendwie nichts besseres einfiel, so \u00fcberrascht war ich von dieser Situation. Das es auch besser ginge verkniff ich mir. Ich glaube, das wei\u00df er selber.<\/p>\n<p>Kurz redeten wir \u00fcber sein musikalisches Engagement. &#8222;Ich habe aufgeh\u00f6rt zu Rappen, ich h\u00f6re keinen Hip Hop mehr&#8220;, sagte er so, als h\u00e4tte er damit kein Problem. Das tat mir leid irgendwie. Auch f\u00fcr ihn, er war einer von den Guten, von denen es so viele nicht gibt. &#8222;Ich bin jetzt 25, ich h\u00f6re nur noch Rock.&#8220;  Ich habe mich get\u00e4uscht, als ich noch sicher war, dass er es mit seinem Hip Hop noch weit bringen w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich ihn das erste Mal traf war er 18, das muss so sieben Jahre her sein. 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