{"id":52748,"date":"2013-04-28T13:28:03","date_gmt":"2013-04-28T11:28:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=52748"},"modified":"2013-04-28T13:28:03","modified_gmt":"2013-04-28T11:28:03","slug":"gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-teil-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/gastbeitrag-von-ursula-demitter-ein-leben-in-der-ddr-kindheit-teil-5\/","title":{"rendered":"Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR \u2013 Kindheit, Teil 5"},"content":{"rendered":"<p><small><span style=\"background: #f5f4f4;\">Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt hin und wieder ihre Erinnerungen von damals in Textdokumente. Da ich ohnehin ein gro\u00dfes Interesse an DDR-Biografien des Alltags habe und m\u00f6chte, dass derartige Erinnerungen nicht auf irgendwelchen Festplatten verschimmeln und irgendwann einfach den Tod einer Festplatte sterben, packe ich die Texte von Ursula ab jetzt hier in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden rein. <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?author=26\">Hier finden sich alle ihrer Texte<\/a>.<\/span><\/small><\/p>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh\u00e4user.jpg\" alt=\"Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh\u00e4user\" width=\"600\" height=\"428\" class=\"alignnone size-full wp-image-52750\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh\u00e4user.jpg 600w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh\u00e4user-300x214.jpg 300w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2013\/04\/Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh\u00e4user-505x360.jpg 505w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/>\n<p style=\"text-align: right;\"><small>(Foto: <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Peter\">Richard Peter<\/a>, unter\u00a0<a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\">CC<\/a>\u00a0von\u00a0<a href=\"http:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Fotothek_df_ps_0004722_Wohnh%C3%A4user.jpg\">Deutsche Fotothek<\/a>)<\/small><\/p>\n<p>Am Ende unserer  Stra\u00dfe begannen die Drewitzer Felder . Im letzten Haus  wohnte Anna, meine Klassenkameradin. Jeden Morgen holte ich sie zur Schule ab. Zusammen mit anderen Kindern hatten wir  einen weiten Schulweg, den immer alle \u201eSternkinder&#8220; zusammen gingen.<\/p>\n<p>Annas Eltern hielten einen Boxer, der Jupp hie\u00df.  Jupp hatte seinen Platz im Schuppen nur durch eine d\u00fcnne Bretterwand von der Ziege getrennt.  Uns Kinder lie\u00df man mit dem Hund an der Leine nicht allein gehen. Er war zu ungeb\u00e4rdig und zu stark. Es gefiel mir auch nicht, dass er st\u00e4ndig sabberte. Wir durften aber mitkommen, wenn Annas Vater mit dem Hund in den Wald ging. Damals gab es mitten im Wald an der Drewitzer Sternstra\u00dfe eine wilde M\u00fclldeponie, wohin anscheinend die Drewitzer fr\u00fcher ihren M\u00fcll gebracht hatten.  Manchmal fanden wir altert\u00fcmliches Zeug, wie kleine Puppen aus Porzellan, die aber immer besch\u00e4digt waren.<\/p>\n<p>Die Siedlung am Stern hatte sich in den zwanziger und drei\u00dfiger Jahren  aus einer Wochenendsiedlung von gut b\u00fcrgerlichen Berliner Familien entwickelt. Insofern hatten unsere Funde, auch wenn sie fast immer besch\u00e4digt waren, aus unserer Sicht etwas exotisch Vornehmes. Edles Porzellan, Nippes, Gl\u00e4ser, Kerzenhalter, sogar alte Spitze war dabei.  Meine Eltern hatten mir verboten mit zur M\u00fcllkute zu gehen. Aber ich hielt mich nicht dran, weil ich fand, mit Annas Vater war ein Erwachsener dabei. <\/p>\n<p>Einmal kam ich um Anna abzuholen und wurde in die K\u00fcche gebeten, sie war noch nicht fertig. Auf dem Herd brodelte die Br\u00fche mit dem  Freibankfleisch f\u00fcr das Hundefutter leise vor sich hin. Ohne Gew\u00fcrze versteht sich. Es roch nicht gerade verf\u00fchrerisch. Aber Annas Mutter ging v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich  mit Messer und Gabel an  das Fleisch, schnitt  sich kleine St\u00fcckchen ab und verzehrte sie gen\u00fcsslich. Es sch\u00fcttelte mich. Eine zeitlang musste ich morgens, wenn ich Anna abholte immer eine Tasse Ziegenmilch-Kakao trinken. Annas Mutter hatte beschlossen, dass ich zu d\u00fcnn und zu blass  w\u00e4re. Es schmeckte sehr nach Ziege,  aber ich wagte aus H\u00f6flichkeit nicht abzulehnen. Annas Mutter war Polin und sprach gebrochen Deutsch mit starkem Akzent. Ein gut gemeinter Satz in ihrer etwas drastischen Erziehung hie\u00df zum Beispiel: \u201eAnna du dumme Zicke, du, spiel nich immer mit die alte Eule..&#8220;. Das war der freundliche Hinweis, dass sie ihre Puppe weglegen und der Mutter helfen sollte. Mit Annas Mutter sind wir viel in den Wald gegangen. Dabei musste Jupp immer mit, weil  die Mutter im Wald  gro\u00dfe Angst hatte. Sp\u00e4ter hat eine Nachbarin behauptet, Annas Mutter musste aus Polen verschwinden, weil sie mit den Deutschen kollaboriert hatte.<\/p>\n<p>Wir suchten Pilze, pfl\u00fcckten Blaubeeren und Preisselbeeren. Es gab wilde Himbeeren, wilde Brombeeren und  kleine wilde Erdbeeren.  Den ganzen Sommer gab es viele  verschiedene Pilze. Annas Mutter wusste immer, wo man etwas finden konnte. Fast immer liefen wir das Breite Gestell bis zur Br\u00fccke \u00fcber die Autobahn und sahen auf die Autos hinunter. Da fuhren echte Westautos, was wir spannend fanden. Die \u00e4lteren Kinder gingen h\u00e4ufig allein zur Autobahn. Sie winkten den Autos wof\u00fcr ihnen manchmal Kaugummis oder Schokolade zugeworfen wurde. In der Schule wurde uns gesagt, das dies verboten sei.<\/p>\n<p>In der N\u00e4he der Br\u00fccke machte die Autobahn eine ziemlich scharfe Kurve.<\/p>\n<p>Einige Male im Jahr kam es vor, dass ein LKW dort die Kurve nicht  kriegte und umkippte. Da immer einige Drewitzer Kinder  in der Hoffnung auf Beute an der Autobahn herumlungerten, sprach sich so ein Unfall in Windeseile herum. Dann machten sich die gr\u00f6\u00dferen Jungs auf den Weg, um etwas von der Ladung zu erwischen. Einmal waren es Nylonstr\u00fcmpfe, wie ich dann in der Schule h\u00f6rte. Die Jungs sammelten Sie heimlich auf und versteckten sie unter ihren Trainingsblusen. So etwas trugen damals fast alle. Wir mussten ja zu Hause unsere Schuklamotten aussziehen und in Trainingsanz\u00fcgen herumlaufen. Wir waren sowieso abenteuerlich gekleidet. Wir besa\u00dfen Winterhosen, die meine Mutter aus einer umgef\u00e4rbten alten Wehrmachtsuniformen gen\u00e4ht hatte. Dann gab es noch eine echte Kletterweste der Hitlerjugend, die alle drei Kinder nacheinander trugen. Die Schnallen und Aufn\u00e4her hatte meine Mutter abgetrennt und die Jacke dunkelbraun gef\u00e4rbt. Es war ein  sehr beliebtes Kleidungsst\u00fcck unter uns Kindern, sollte aber eigentlich nicht zur Schule angezogen werden. Meine Schwester und ich besa\u00dfen wei\u00dfe  Folkloreblusen, die meine Mutter aus Fallschirmseide gen\u00e4ht hatte. Den Fallschirm hatte sie kurz nach dem Krieg heimlich aus einem Waldst\u00fcck mitgeschleppt, was nat\u00fcrlich auch verboten war. Dazu trugen wir rote Trachtenr\u00f6cke, die aus einer ehemaligen Nazifahne enstanden waren. Da wo der Aufn\u00e4her mit dem Hakenkreuz gesessen hafte, war der Stoff dunkler. Damit es nicht auffiel, stickte meine Mutter mit Perlgarn gro\u00dfe Schwarze und wei\u00dfe Punkte auf.<\/p>\n<p>Einmal kippte kurz vor Weihnachten ein LKW mit einer Ladung Apfelsinen um. Mein Bruder war gerade wieder mit an der Br\u00fccke. Er stopfte sich immer wieder die Trainingsbluse voll, rannte in den Wald und legte ein Versteck an. Beim letzten Mal erwischten ihn die Russen und er musste seine Beute zur\u00fccklassen. Weil die Autobahn Transitstrasse nach Westberlin war, kamen bei solchen Unf\u00e4llen immer die Russen, sperrten alles ab und scheuchten die Kinder weg. Doch unsere Familie hatte in dem Jahr zum Weihnachtsfest f\u00fcr jeden in der Familie mehr als drei oder vier Orangen. Es kam uns vor, wie der gr\u00f6\u00dfte Luxus. In anderen Jahren  hatte meine Mutter immer  f\u00fcnf Apfelsinen, also f\u00fcr jeden eine, in Westberlin gekauft und  eingeschmuggelt. Sie geh\u00f6rten traditionell auf den Bunten Teller, sonst war es kein Weihnachten. <\/p>\n<p>Der Verkehr auf der Autobahn war sehr m\u00e4\u00dfig.  So kam es, dass niemand etwas  dabei fand, dass die Trecker mit den Langholzfuhren, ja sogar manchmal auch Pferdefuhren mit Holzst\u00e4mmen auf der Autobahn fuhren. Unsere Eltern wollten eigentlich nicht, dass wir uns dort aufhielten. Es schien ihnen gef\u00e4hrlich. Bei einem Sonntagsspaziergang mit der ganzen Familie hatte mein Vater festgestellt, dass das Br\u00fcckengel\u00e4nder total morsch war. Sp\u00e4ter fuhr ein Junge aus Drewitz mit dem Fahrrad  dagegen, das Gel\u00e4nder brach und er fiel auf die Autobahn. Weil er den Gr\u00fcnstreifen erwischt hatte, war der Sturz nicht t\u00f6dlich. Da lag er nun und wurde von einem Langholzfahrer gefunden. Handys gab es noch nicht,  die  drei einzelnen H\u00e4user im Priesterweg, die am n\u00e4chsten lagen, hatten garantiert kein Telefon.  Ich kann es mir kaum vorstellen, aber es ging die Legende um, der Fahrer h\u00e4tte den Jungen oben aufs Holz gelegt und ins Dorf gebracht. Naturlich wusste im Dorf sp\u00e4ter jeder \u00fcber einen so spektakul\u00e4ren Vorfall Bescheid. Es ging die Rede, der Verungl\u00fcckte h\u00e4tte einen Sch\u00e4delbruch gehabt und   wurde k\u00f6rperlich wieder gesund, soll aber im Kopf etwas zur\u00fcck behalten haben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. 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