{"id":6251,"date":"2009-06-19T23:34:42","date_gmt":"2009-06-19T21:34:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=6251"},"modified":"2009-06-19T23:48:17","modified_gmt":"2009-06-19T21:48:17","slug":"die-wende-sommer-89","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/die-wende-sommer-89\/","title":{"rendered":"Die Wende: Sommer 89"},"content":{"rendered":"<p><small>Ab hier wird es pers\u00f6nlich. Warum das so ist, steht <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=6249\">hier<\/a>.<\/small><\/p>\n<p>Es war ein hei\u00dfer Sommer, aber  f\u00fcr mich anders als der, wie ihn  Lutz Kerschowski gemeinsam mit Rio Reiser ein Jahr zuvor schon in der Ost-Berliner Seelenbinderhalle auf die B\u00fchne brachten, und wof\u00fcr Kerschowski einen ziemlich dicken \u00c4rger kassierte. F\u00fcr mich war er anders, objektiv betrachtet allerdings war er genau das,  was <a href=\"http:\/\/www.riolyrics.de\/song\/id:89 \">die beiden 88 in die Menge sangen<\/a>.<\/p>\n<p>Ich war das letzte Mal in meinem Leben in einem Ferienlager. Truckenthal im Th\u00fcringer Wald. Ich war oft in einem Ferienlager. Manchmal zwei Mal w\u00e4hrend der Sommerferien. Vater war bei der \u201eTruppe\u201c, was umgangssprachlich f\u00fcr die Grenztruppen stand und bis zum Ende diesen Jahres 89 auch nicht sonderlich problematisch, sondern eher etwas Privilegiertes war. Die \u201eTruppe\u201c hatte f\u00fcr den Nachwuchs ihrer Angeh\u00f6rigen Land auf, Land ab \u00fcberall Ferienlager. Von den sch\u00f6nsten Str\u00e4nden an der K\u00fcste bis in die sch\u00f6nsten und verwegensten Ecken im Th\u00fcringer Wald. Ich war in allen \u00fcber die Jahre verteilt. Diese Ferienlager  waren  so was wie  geschlossene Universen. Es waren milit\u00e4risch geschlossene Bereiche, in denen ein Gro\u00dfteil der dort arbeitenden Erwachsenen angeh\u00f6rige der Grenztruppen waren. Die K\u00fcchenfrauen und die Betreuerinnen ausgenommen. Viele trugen Uniformen, was nichts Ungew\u00f6hnliches war, man kannte das. Es war \u00fcberall das gleiche.<\/p>\n<p>Es war ein hei\u00dfer Sommer, auch der Sonne wegen. In dem Lager gab es ein riesiges Schwimmbecken, in dem wir fast t\u00e4glich badeten, wenn wir die langen Wanderungen durch die umliegenden W\u00e4lder hinter uns gebracht hatten. Diese waren anstrengend, ja. Aber sie waren auch sehr lehrreich und immer mit Erfahrungswert. Die Betreuer machten damals mit den Kindern das, was heute Erlebnisp\u00e4dagogik genannt wird und zu jener Zeit schlicht \u201eBesch\u00e4ftigung\u201c hie\u00df. Die Betreuer in diesem letzten Jahr waren irgendwie anders, als jene, die ich in den Jahren kennen gelernt hatte. Da waren es immer eher junge Frauen der Kategorie \u201eTante Pionierleiterin\u201c, mit Bluse, strengem Blick und noch strengeren Regeln.  Hier allerdings setzten sie sich aus einem bunten Sammelsurium an noch Studierenden zusammen, die sp\u00e4ter Lehrer werden wollten in der DDR. Mir bis dahin fremde Wesen. Wie Au\u00dferirdische. So wie Silke, die meine Gruppenleiterin war. Sie trug g\u00e4nzlich schwarz, hatte schwarz gef\u00e4rbte  Haare, schwarz lackierte Fingern\u00e4gel, schwarz geschminkte Augenlieder und manchmal ein lilafarbenes T-Shirt an, das ihr um L\u00e4ngen zu gro\u00df war. Sie  h\u00f6rte mir bis dahin fremde Musik von Allison &#8230;, The Cure und New Order. Sie war \u201eGrufti\u201c, wie ich erst sp\u00e4ter erfuhr. Abends, wenn die offizielle Nachtruhe einsetzte, sa\u00df sie sich mit den anderen Gruppenleitern unter diese typischen Holzd\u00e4cher, die mit Baumschwarte gedeckt waren und unter denen sich jeweils ein Tisch und zwei Sitzb\u00e4nke befanden. Sie grillten dann, tranken viel Kola mit Goldbrand, was sie \u201eFutschi\u201c nannten und redeten bis in den Sonnenaufgang. Manchmal sehr laut, manchmal sehr emotional. Wir, in den Bungalows aus Naturholz, die irgendwie an das Haus von Daniel Boone erinnerten, hatten nachts deshalb weitestgehend unsere Ruhe. Das gab es so vorher in keinem anderen Ferienlager. Mitunter wurden wir in diesen nach milit\u00e4rischen Vorbildern sanktioniert, wenn wir die Nachtruhe all zu sehr st\u00f6rten. In Prora, so kann ich mich erinnern, wurde die Einhaltung der Nachtruhe von jungen Soldaten gew\u00e4hrleistet. Sie lie\u00dfen uns mitunter dann aus den Betten steigen, brachten uns auf diese langen, nach Pisse stinkenden Flure und lie\u00dfen uns dort \u201eHaltung annehmen\u201c, wie sie das nannten. \u201eHaltung annehmen\u201c bedeutete, sich mit vorgestreckten Armen und leicht eingeknickten  Knien vor sie zu stellen. Minutenlang, was einem mitunter wie Stunden vorkam. Wenn wir dann erkl\u00e4rten, dass wir nicht mehr so stehen k\u00f6nnten, hatten sie meistens ein Einsehen und lie\u00dfen und noch 20 Liegest\u00fctze und 50 Kniebeuge machen. Sie wollten uns damit \u201em\u00fcde machen\u201c, was nur selten funktionierte, sich aber dennoch in manchen Jahren als n\u00e4chtliches Ritual einschleifte.  Wir hassten sie daf\u00fcr, diese jungen Soldaten, die meistens nicht \u00e4lter waren, als unsere gro\u00dfen Br\u00fcder.<\/p>\n<p>Das zog sich durch die Jahre und geh\u00f6rte letztlich zu den Ferienlagern genauso dazu, wie der immer grunds\u00e4tzlich saure Tee, den es f\u00fcr jeden frei verf\u00fcgbar aus den \u00fcberdimensionierten Thermos-Bottichen gab, die irgendwie verlassen in den gro\u00dfen Speises\u00e4\u00e4len standen. Ich glaube, der schmeckte immer so furchtbar sauer, weil die den erst dann nachf\u00fcllten, wenn diese Bottiche alle waren. Da der aber so sauer schmeckte, trank den keiner. Also stand er da und g\u00e4rte geduldig vor sich hin. Heute w\u00fcrde ich hingehen und die Suppe einfach ausleeren, damit neuer reinkommt. Aber ich war Kind \u2013 ich trank  Wasser aus der Leitung.<\/p>\n<p>Sanktionen der obigen Art geh\u00f6rten genau so dazu, wie die morgendlichen Fahnenapelle, die die volle Packung \u201eSeid bereit\u201c-Ged\u00f6ns beinhalteten, der morgendliche Fr\u00fchsport und die von mir verhassten Neptun-Feste, vor denen ich immer panische Angst hatte. Auch weil ich immer einer der Gro\u00dfm\u00e4uligsten der Gruppe war. Wenn \u201eunbeugsam\u201c ein nicht so heroisierendes Wort w\u00e4re, w\u00fcrde ich schreiben, dass ich genau das war. Unbeugsam. Es traf mich nie, allerdings waren diese Stunden des Wartens ein Qual. Immer wenn ein Name  aufgerufen wurde, hatte ich Angst, dass sich Neptuns H\u00e4scher auf mich st\u00fcrzen w\u00fcrden, dann meinen Kopf erst in diesen stinkenden Holztrog, der mit allerhand ekelhaftem Zeugs gef\u00fcllt war, zu stuken um mich dann ins Wasser zu werfen. Es war in diesem Jahr, dass einer der zum Taufen auserkorenen es schaffte, den H\u00e4schern zu entkommen. Es war das einzige Mal, an das ich mich erinnere. Er kletterte \u00fcber den Zaun, auf dessen Krone Stacheldraht gezogen war, was ihm einige Wunden einbrachte, und rannte einfach in den Wald. Sie fanden ihn nicht. Erst abends, nachdem das Fest lange vorbei und alle am Lagerfeuer sa\u00dfen, kam er zur\u00fcck. Als der Held vieler. Er bekam keinerlei \u00c4rger f\u00fcr sein Verhalten. Das war bis dahin ein absolutes Unding! <\/p>\n<p>Ich rede mir heute ein, dass ich es genau so getan h\u00e4tte, wenn sie meinen Namen gerufen h\u00e4tten. Zumindest aber h\u00e4tte ich es versucht, vielleicht. <\/p>\n<p>Diese unsch\u00f6nen Dinge geh\u00f6rten eben genauso dazu, wie die wunderbaren Erinnerungen an diese Ferienzeiten. Die langen Busfahrten zu den Lagern, bei denen immer Spannung und mindestens tausend Erwartungen im Bus die Atmosph\u00e4re beherrschten, das frei Sein von den Eltern, die vielen besten Freundschaften, die wir alle schlossen, jene, die vor Ort Jahrtausende \u00fcberdauern sollten und genau so lange hielte, bis man den Bus nach der Heimfahrt verlie\u00df, und in den Trabant der Eltern stieg.<\/p>\n<p>Trotz der Eskapaden, die mir heute als P\u00e4dagoge das reinste Grausen durch den Kopf jagen, waren das wundervolle Wochen. Fast immer. Aber in genau jenem Sommer 1989 war vieles anders, war vieles so, wie ich es bis dahin nicht erlebt hatte. Ich wusste nicht was und ich wusste nicht warum.<\/p>\n<p>Es war ein hei\u00dfer Sommer, ihr Name war Nikki. Sie kam aus Berlin-Lichtenberg, wo ihr Vater irgendwo Kompanie-Chef war. Sie war ein Jahr \u00e4lter, ich war fast 13. Sie war das sch\u00f6nste M\u00e4dchen, das ich bis dahin gesehen hatte. Wir trafen uns jede Nacht, wenn die Gruppenleiter ihre Debatten mit Suff  anheizten, hinter einem der  Bungalows. Immer an der fensterlosen Seite, damit uns niemand sehen konnte. Sie schenkte mir ihren ersten Zungenkuss, ich ihr den meinigen. Sie war das erste M\u00e4dchen, dem ich \u201eunter\u2019s T-Shirt\u201c ging. Es f\u00fchlte sich gro\u00dfartig an, sie f\u00fchlte sich gro\u00dfartig an, ich f\u00fchlte mich gro\u00dfartig. Wir machten dabei diese merkw\u00fcrdigen Ger\u00e4usche, die wir aus den Filmen kannten.  Diese, die immer Freitagnacht auf SAT.1 liefen und die fast jeder sah, wenn die Eltern schon dem Schlaf verfallen waren. Wir lachten selber \u00fcber dieses albernen Getue und machten ohne dieses weiter. <\/p>\n<p>Tags\u00fcber lagen wir oft auf dem Fu\u00dfballplatz, guckten in die Quellwolken und erz\u00e4hlten einander, was jeder in diesen sehen konnte. Manchmal fiel der f\u00fcr uns v\u00f6llig abstrakte Begriff &#8222;Freiheit&#8220;.<\/p>\n<p>Ich glaube, wir glaubten damals nur, dass wir verliebt waren. Heute  aber glaube ich, wir waren es wirklich. Zumindest ein bisschen. Wir schworen uns ewige Liebe. Auch, dass wir uns regelm\u00e4\u00dfig besuchen w\u00fcrden. Nat\u00fcrlich taten wir das. Nur: Berlin war f\u00fcr mich damals mindestens soweit weg, wie Leipzig, auch wenn ich nicht mal 30 Kilometer Luftlinie von ihr entfernt wohnte. Sich verabreden ging nur \u00fcber Briefverkehr. Sich telefonisch zu erreichen war fast unm\u00f6glich weil telefonieren grunds\u00e4tzlich fast unm\u00f6glich war. Es gab f\u00fcr den einfachen B\u00fcrger nur die Telefonzellen, in denen man zwar angerufen werden konnte, was aber auch erst verabredet werden musste. Es war hoffnungslos. Als ich den Bus verlie\u00df, der sie weiter Richtung Berlin bringen sollte, heulten wir uns die Augen aus den jungen K\u00f6pfen.  Wir schrieben zwei, drei Mal hin und her. Wir sahen uns nie wieder. <\/p>\n<p>Irgendwann aber, es muss 93 der 94 gewesen sein, lief ich \u00fcber den S-Bahnhof Lichtenberg. Mir kam eine junge Frau entgegen, die genau so aussah, wie Nikki die Jahre vorher. Nur das Haar hatte sie jetzt nicht mehr ganz so blond. Sie blieb vor mir stehen \u2013 wir sahen uns schweigend an. Lange. Dann ging ich weiter, sie auch. Im Fortgehen drehten wir uns beide um und l\u00e4chelten. Ich glaube, es war sie.<\/p>\n<p>Ich sp\u00fcrte damals, das \u201eetwas in der Luft\u201c lag, wie die Mutter es oft sagte. Da drau\u00dfen in unserer kleinen Welt rumorte es und das war nahezu unm\u00f6glich, sich diesem gesellschaftlichen Gef\u00fchl zu entziehen.<\/p>\n<p>Kurz vor diesem Sommer musste ich den Gruppenrat verlassen, auf dessen Mitgliedschaft ich so was von stolz war &#8211; kurz nach diesen gro\u00dfen Ferien im Sommer 89 wurde mir meine Mitarbeit im Freundschaftsrat verwehrt, mir mein Pioniertuch entzogen, mir die M\u00f6glichkeit genommen, in die FDJ eintreten zu k\u00f6nnen. <\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ab hier wird es pers\u00f6nlich. Warum das so ist, steht hier. 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