{"id":63049,"date":"2014-04-08T16:37:40","date_gmt":"2014-04-08T14:37:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=63049"},"modified":"2014-04-08T16:37:40","modified_gmt":"2014-04-08T14:37:40","slug":"1992-potsdamer-jugendliche-beklagen-fehlenden-jugendraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/1992-potsdamer-jugendliche-beklagen-fehlenden-jugendraum\/","title":{"rendered":"1992: Potsdamer Jugendliche beklagen fehlenden Jugendraum"},"content":{"rendered":"<p>Die ganz fr\u00fchen 90er im Osten. Die Mauer war gerade innerhalb k\u00fcrzester Zeit Geschichte geworden, die Sache mit der neu gewonnenen &#8222;Freiheit&#8220; war das ganz, ganz gro\u00dfe Ding. Nicht nur f\u00fcr die Alten &#8211; gerade f\u00fcr die Jungen, f\u00fcr die dieses Wort nichts weiter als ein v\u00f6llig abstrakter Begriff war. <i>&#8222;Was meint sie \u00fcberhaupt, diese Freiheit?&#8220;<\/i> war der Soundtrack dieser Tage. Zumindest wir probierten damals nahezu alles aus. Irgendwer w\u00fcrde uns schon sagen, wo genau die Grenzen dieser neuen Freiheit \u00fcberschritten wurden. <\/p>\n<p>Wir klauten in der Schulpause mit 25 Leuten bei Rewe, der vor nicht mal drei Jahren noch &#8222;die Kaufhalle&#8220; im nun so genannten &#8222;Ghetto&#8220; war, wogegen keiner was unternehmen konnte, weil 25 Leute schlicht viel zu viele waren, gegen die man h\u00e4tte was unternehmen k\u00f6nnen. Und an Einzelpersonen ging man nicht ran, weil 25 junge Leute in so einem Laden einen H\u00f6llen-Respekt erzeugen konnten. Eine wirkliche Konsequenz ergab sich daraus nicht, au\u00dfer dass der Rewe ein Verbot f\u00fcr Sch\u00fclergruppen w\u00e4hrend der Pausen erlie\u00df. Damit konnten wir gut leben und gingen nach Schulschluss eben mit 10 Leuten darein.<\/p>\n<p>Wir zerstachen dem Erdkunde-Lehrer in der Pause alle vier Reifen seines Ladas, weil er im Unterricht  immer seine Sch\u00fclerinnen begrapschte, die auch unsere Freundinnen waren. Konsequenzen gab es auch darauf hin nicht. Er wusste wohl, dass das, was er der im Unterricht trieb nicht das war, was einem Lehrk\u00f6rper in seine Stellungsbeschreibung geschrieben geh\u00f6rt. Au\u00dferdem war er ein &#8211; mit Verlaub &#8211; ein echtes Arschloch, den sie aufgrund seiner politischen Vergangenheit \u00fcbergangsweise an unserer Gesamtschule geparkt hatten. So wie viele andere der damaligen Lehrer auch. Nur wenige blieben f\u00fcr die restlichen drei Jahre unserer Schullaufbahn \u00fcberhaupt an der Schule, &#8222;schieden aus&#8220;, wie das damals offiziell genannt wurde, was am Ende meist &#8222;hatte eine MfS-Vergangenheit&#8220; meinte. <\/p>\n<p>Mit dem selben Lehrer kloppten wir uns, wenn er sich in Rempeleien auf dem Schulhof einmischte, was an der Tagesordnung war. Keine Konsequenzen. Wir schlossen Lehrer in R\u00e4ume ein, brachen den Schl\u00fcssel ab und verklebten den Rest des demolierten Schlosses mit Sekundenkleber zu, worauf hin der Hausmeister einen Schl\u00fcsseldienst rufen musste, der die arme Frau erst zwei Stunden sp\u00e4ter aus dem Raum befreien konnte, was mir heute r\u00fcckblickend wirklich irgendwie sehr leid tut. (Entschuldigung, Frau Behrend!) Keine Konsequenzen. <\/p>\n<p>Wir traten am Morgen nach einem Karate-Kid-und-Chuck-Norris-Abend ein Loch in die T\u00fcr des Lehrerzimmers, weil wir wissen wollten, wer sein Bein wohl h\u00f6her bekommen w\u00fcrde. Der Paul rammelte seinen Fu\u00df so derma\u00dfen hart gegen die Pressspant\u00fcr mit Pappwaben, das er mit diesem darin h\u00e4ngen blieb und auf einem Bein r\u00fcckw\u00e4rts h\u00fcpfen musste, als von innen mit einer Heidenaufregung diese T\u00fcr ge\u00f6ffnet wurde. Wir hatten keine Ahnung, dass dort Lehrer drin waren. Konsequenzen? Daf\u00fcr? Keine.    Vielleicht eine schriftliche Ermahnung, die unserer Eltern nie erreichten und die wir manchmal selber unterschrieben. Telefone waren damals noch nicht so.<\/p>\n<p>Wir flaggten die komplette Inneneinrichtung eines Klassenzimmers aus dem dritten Stock, so dass das komplette Ghetto dieser Party zumindest aus sicherer Entfernung beiwohnen konnte. Und auch daf\u00fcr gab es keine Konsequenzen. <strong>&#8222;Was wir ein geiles Ding, diese Freiheit!&#8220;<\/strong>, dachten wir damals. &#8222;Davon nehmen wir gerne noch mehr.&#8220;<\/p>\n<p>Aber letztendlich gab es dann doch eine Grenze, die nicht \u00fcberschritten werden durfte.  Nachdem sich Paul ob eines Schl\u00fcsselbundwurfes des Direktors, der genau Pauls Stirn landete, mit dem Direktor ins Flicken bekam, kassierte er einen endg\u00fcltigen und konsequenten Schulverweis. Ein halbes Jahr vor dem Abschluss der 10. Klasse. Ab da wurde es ruhiger, auch diese Freiheit also hatte Grenzen. H\u00e4tte man uns ja auch fr\u00fcher mal mitteilen k\u00f6nnen, aber ich glaube, die Lehrer wussten eben auch alle nicht so genau, wer nun wie weit gehen konnte. Sie waren das ja alles nicht gewohnt, woher also sollten sie das auch wissen. Das mit der Freiheit. <\/p>\n<p>So war das zu Beginn der 90er in wahrscheinlich einigen Schulen im Osten. Vor allem in denen, in denen sich jene sammelten, die kein Bock auf Abitur und die Pfeifen an den Realschulen hatten. In den Gesamtschulen. Sicher landeten dort auch welche, die leitungsspezifisch keinen Platz am Gymnasium oder der Realschule bekamen, aber das waren nicht alle. Einige wollten eben nur mit den &#8222;coolen Leuten&#8220; zur Schule gehen. <\/p>\n<p>Wir drehten also schon im Schulalltag ziemlich bis sehr am Rad, mit dem nachmitt\u00e4glichen Freizeitprogramm will ich erst gar nicht anfangen. Jugendclubs gab es zumindest in meinem Kaff damals noch keine, die sollten erst ein-zwei Jahre zum Thema werden, als man feststellen musste, dass sich die ehemaligen Jung- und Th\u00e4lmannpioniere, die ihre Nachmittage in den Jahren zuvor noch in Sportvereinen, Betriebssportgemeinschaften und Musiknachmittagen verbrachten, auf der Stra\u00dfe sammelten, was kein sch\u00f6nes Bild abgab und nach 3,4,5,6,7 Bier ganz sicher auch keines mehr war.<\/p>\n<p>Dabei sammelte sich dort in den Ansammlungen junger Menschen nicht nur \u00fcberm\u00e4\u00dfig viel rechtes Gedankengut, sondern auch der Wunsch nach Jugendh\u00e4usern. Beides passte meistens nicht so gut zusammen, denn wer wollte schon Truppen von Rechtsradikalen H\u00e4user stellen, in denen die sich dann auch nachmittags noch treffen und gemeinsam betrinken konnten. St\u00e4dte und Gemeinden tat sich schwer damit zu begreifen, dass man in derartigen Jugendh\u00e4usern auch politisch aufkl\u00e4rerische Arbeit leisten konnte. Durch Sozialarbeiter beispielsweise, die sich auch damals schon durchaus \u00fcber politische Brisanz junger Rechter im Klaren waren, was in der Politik noch sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen sollte, wie die 90er heute r\u00fcckblickend und mitunter auf tragische Art und Weise verdeutlichen.<\/p>\n<p>Dieser kurze Film hier ist ein Zeitdokument aus dem Jahre 1992. Er zeigt Jugendliche in Potsdam, die  im Stern (einem ziemlich gro\u00dfen Neubaugebiet) t\u00e4glich auf der Stra\u00dfe rumhingen und offenbar das Ding mit der neuen Freiheit ausprobierten. Sich betranken, Scheiben einschmissen, rechte Ideologien als Meinung zu verkaufen versuchten und vieles taten, um diese zu relativieren, was zu jener Zeit im Osten ganz weit verbreitet war und was wom\u00f6glich auch heute noch in Deutschland an der Tagesordnung ist. <\/p>\n<p>Am Ende aber wollten sie damals eins: einen Jugendraum, den sie als solchen nutzen konnten. Die Stadt brauchte daf\u00fcr allerdings noch etwas Zeit. Irgendwann bekam der Stern dann seinen Klub. Ob diese jungen Menschen hier dann davon Gebrauch machten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ob man im Vorfeld durch einen Klub h\u00e4tte forcieren k\u00f6nnen, dass manche die Bomber-Jacken und Martens nicht aus vermeintlich politischen Motiven anzuziehen gedachten, leider auch.  <\/p>\n<p><span class=\"embed-youtube\" style=\"text-align:center; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/povpLNPmbsI?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=de-DE&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span><br \/>\n<small>(<a href=\"http:\/\/youtu.be\/povpLNPmbsI\">Direktlink<\/a>)<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die ganz fr\u00fchen 90er im Osten. 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