{"id":76888,"date":"2014-11-07T13:39:58","date_gmt":"2014-11-07T12:39:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=76888"},"modified":"2014-11-07T13:39:58","modified_gmt":"2014-11-07T12:39:58","slug":"heute-vor-25-jahren-erinnerungen-an-eine-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/heute-vor-25-jahren-erinnerungen-an-eine-flucht\/","title":{"rendered":"Heute vor 25 Jahren \u2013 Erinnerungen an eine Flucht"},"content":{"rendered":"<p>Heute vor 25 Jahren ist <a href=\"http:\/\/monostep.com\/\">Jens<\/a> aus dem Osten in die BRD gefl\u00fcchtet. Zwei  Tage sp\u00e4ter fiel die Mauer. <\/p>\n<p><small><span style=\"background: #f5f4f4;\">Jens d\u00fcrfte einer derer sein, die hier zu den l\u00e4ngsten Lesern geh\u00f6ren. Im Netz kennen wir uns schon eine halbe Ewigkeit, tats\u00e4chlich getroffen haben wir uns nie. Ich wei\u00df schon l\u00e4nger, dass Jens im Herbst 89 &#8222;r\u00fcber gemacht&#8220; ist. Ich fragte ihn letztens, ob er dazu nicht mal etwas aufschreiben mag. Das tat er. Hier seine ganz pers\u00f6nlichen Erinnerung an das Jahr 1989.<\/span><\/small><\/p>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2014\/11\/3419340114_c1cb7bbed8_z.jpg\" alt=\"3419340114_c1cb7bbed8_z\" width=\"640\" height=\"427\" class=\"alignnone size-full wp-image-76890\" srcset=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2014\/11\/3419340114_c1cb7bbed8_z.jpg 640w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2014\/11\/3419340114_c1cb7bbed8_z-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/wp-content\/uploads2\/2014\/11\/3419340114_c1cb7bbed8_z-600x400.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><p><br \/>\n<small>(Symbolfoto unter <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/2.0\/\">CC BY-SA 2.0<\/a> von <a href=\"https:\/\/flic.kr\/p\/6da1FU\">Sludge G<\/a>)<\/small><\/p>\n<p>Der Huddel begann so Mitte der 80er. Da wurde mir immer klarer, dass das so nicht weiter gehen kann. Zumindest nicht mehr all zu lange. <\/p>\n<p>Dann nahm mich mein Kumpel mit nach Halle &#8211; in die dortige Punkszene. Das war f\u00fcr mich der Wendepunkt. Ab  wollte ich revoluzzen. Ich hatte keinen Bock mehr auf das System und klinkte mich zusehends aus. Die damalige Szene in der DDR war sehr agil und aktiv, sodass wir echt viel Spa\u00df hatten. Das meiste fand illegal in Kirchen statt, aber das wissen die meisten von euch ja eh\u2026<\/p>\n<p>Dann kam 89\u2026 das alles ver\u00e4ndernde Jahr. So im April rum bekam mein damals bester Kumpel sein \u201eGo\u201c f\u00fcr seinen Ausreiseantrag und war ziemlich schnell weg. War nicht so einfach f\u00fcr mich. Aber  es war eh eine sehr ver\u00e4nderliche Zeit. Ein  hei\u00dfer Sommer. Meine Schwester\u2026zack \u00fcber Ungarn weg. Das war im August. Ohne mir Bescheid zu sagen. Ich bekam einfach irgendwann einen Anruf von ihr ausm Westen. Das war krass.<\/p>\n<p>Zu der Zeit hatte ich den Gedanken, einen Ausreiseantrag zu stellen, schon verworfen, da es bereits zu sp\u00e4t war. Hier musste gehandelt werden. Dann die Sache mit der Prager Botschaft. Das gab uns den Rest. So kam es, dass wir uns auf einer Party bei mir dazu entschlossen, auch \u201er\u00fcber zu machen\u201c.<\/p>\n<p>Gesagt, getan. An einem tr\u00fcben Montagmorgen im November hob ich alles Geld vom Konto ab und legte es meiner Mutter, die zu der Zeit in Kur war, samt eines Abschiedsbriefes auf den K\u00fcchentisch. Packte ein paar Sachen, brachte Ratte Wilma zu einer Bekannten, damit sie versorgt ist, und dann ging es auch schon ab zum Bahnhof. Unterwegs trafen wir noch den Vater eines meiner Freunde. Tr\u00e4nenreicher Abschied. Vergess ich nie! Dann Tickets nach Prag gekauft und ab in den Zug. Wir waren zu siebt. Meine Freundin, f\u00fcnf Kumpels und ich. Wir vereinbarten, getrennt zu fahren, damit wir an der Grenze nicht auffallen. Bei Fragen wollten wir sagen, wir fahren in die Hohe Tatra, Skiurlaub machen. \u00dcber die tschechische Grenze war dann allerdings kein Problem und so kamen wir alsbald in Prag an. Hier hatten wir dann auch direkt den ersten Kontakt mit \u201edem Westen\u201c. Auf dem Bahnsteig liefen Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes herum und sprachen uns an, ob wir fl\u00fcchten wollten. (Man hat es uns dann wohl doch angesehen.) Man erkl\u00e4rte uns, dass es einen Sammeltransport in die BRD geben w\u00fcrde, welcher in ein paar Stunden abfahren sollte. Prima, das ging ja mal unproblematisch.<\/p>\n<p>Wir also noch ne Runde in die Stadt, die letzte Ostmark in Kippen und Bier investieren.<\/p>\n<p>Dann die Fahrt Richtung Biberach. Was war das f\u00fcr ein Fest, als der Zug die Grenze \u00fcberquerte. Unglaublich. Werde ich auch nie vergessen.<\/p>\n<p>Der Empfang in Biberach war echt erstaunlich. Sehr herzlich hat man sich um uns gek\u00fcmmert. Zum einen von staatlicher Seite und zum Anderen auch durch die Bev\u00f6lkerung. Untergebracht wurden wir erstmal f\u00fcr 3 Tage in einer Turnhalle. Zu Hunderten. Aber man hat uns sogar einen TV hingestellt, sodass wir das Geschehen in der Noch-DDR verfolgen konnten. Nach diesen 3 Tagen ging&#8217;s dann ins n\u00e4chste Auffanglager. Ich sag euch, das war ein Traum! Und das meine ich so. Denn wir wurden in einem verschneiten Feriendorf im hessischen Wald untergebracht. Finnh\u00fctten mit Kamin und allem pi pa po\u2026 Jeweils f\u00fcr 6 Personen\u2026 da wir aber zu siebt waren, hatten wir ein Problem. Dachten wir zumindest kurz. Denn auch hier hatten die Verantwortlichen kein Problem gesehen und uns flux ein siebtes Bett in unsere H\u00fctte gestellt, sodass wir zusammen bleiben konnten. HAMMER!<\/p>\n<p>Es dauerte auch nicht lang, da hatten wir den ersten Kontakt mit den Anwohnern des angrenzenden Dorfes. Die dort lebende Jugend war schnell unser Freund. Und schon nach 2 Tagen sa\u00dfen wir mit ner Kiste Bier in deren H\u00e4usern und haben Videos geschaut. So ging das dann gediegen 6 Wochen lang weiter. In der Zwischenzeit, und auch hier muss ich ein Lob der deutschen B\u00fcrokratie aussprechen (was mir heute eher schwer f\u00e4llt!), hatten wir unsere neuen deutschen Ausweise und auch das Arbeitslosengeld war genehmigt. Mir wurden meine Arbeitsjahre in der DDR voll anerkannt und ich bekam ne stattliche Summe ALG. Soviel, dass ich mir direkt ein Auto kaufen konnte. Ein altes, gebrauchtes nat\u00fcrlich. Es war, (lacht nicht!), ein Opel Manta. Baujahr 76 mit schwarzem Velourdach, original Lackierung, ungetuned. Herrlich!<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist uns nicht entgangen, dass inzwischen die Mauer gefallen war. Das machte uns allerdings nicht nur gute Gef\u00fchle. Zum Einen, weil uns klar wurde, dass wir das alles viel bequemer h\u00e4tten haben k\u00f6nnen, ohne Flucht und so. Zum Anderen, weil jetzt auch jeder Volldepp r\u00fcber machen konnte. Und ja, auch davon hatten wir in der DDR genug. Was wir noch zu sp\u00fcren bekommen sollten\u2026<\/p>\n<p>Irgendwann waren die 6 Wochen \u201eUrlaub\u201c dann vorbei. Es ging f\u00fcr gottseidank nur eine Nacht ins Hauptauffanglager nach Gie\u00dfen. Amok! Das war eine eher verst\u00f6rende Erfahrung. Zu viele Leute, aller Couleur, auf zu engem Raum. Naja, es war nur eine Nacht. F\u00fcr uns ging es weiter \u2013 in ein leeres Hotel. Ebenfalls in Hessen. (Korbach) Ich bezog ein Zweibettzimmer mit meiner Freundin. Hier sollten wir dann weitere 6 Wochen wohnen und es sollte auch unsere Endstation in Sachen Auffanglager werden. <\/p>\n<p>Weihnachten kam und wir wollten alle zu unseren Familien in den  Osten. Klar, die Grenze war ja offen. Allerdings gab es zu der Zeit immer noch den Zwangsumtausch von 25 DM pro eingereisten Tag. Die Aufhebung dessen sollte am 23.12.89 stattfinden. Da wir diesen Umtausch nat\u00fcrlich nicht mehr wollten, (klar, wer braucht schon Ostmark?), standen wir dann zu Hunderten an der \u201eoffenen\u201c Grenze und warteten, bis um 0:00 Uhr diese Regelung weg fiel. Dann fuhr ein riesen Konvoi an Autos ab in die Ex-DDR. In den anliegenden Grenzd\u00f6rfern standen die Leute zu Hauf an den Stra\u00dfen, wir konnten teilweise nur Schrittgeschwindigkeit fahren. Dabei trommelte man uns auf die Autod\u00e4cher zur Begr\u00fc\u00dfung. Menschen standen mit allerlei Getr\u00e4nken am Stra\u00dfenrand. Das war alles einfach fast surreal. Eine einzige Party.<\/p>\n<p>Die Ankunft und der Empfang durch meine Mutter war damals erstmal etwas unterk\u00fchlt. Sie war wohl nicht so begeistert, dass ich weg bin. Sie brauchte, um sich damit abzufinden, einige Zeit.<br \/>\nWir hatten den Kofferraum voller Lebensmittel. Quasi ein rollendes Westpaket. Das beschwichtigte ein wenig.<\/p>\n<p>Wir verbrachten den Jahreswechsel dann in der Heimat und fuhren im neuen Jahr wieder zur\u00fcck in unser Hotel. Dort lebten inzwischen auch sehr komische, fast kriminelle Leute. Es wurde zB. die Kasse, des im Hotel befindlichen Restaurants, geknackt. Ausgerechnet in der Nacht, in der wir wieder dort ankamen. Da ich kein echtes Alibi hatte, wurde ich von den Ermittlern erstmal verd\u00e4chtigt und musste Fingerabdr\u00fccke und Co. abgeben. Kam dann aber irgendwie nix bei raus und ich glaube, das verlief sich im Sande.<\/p>\n<p>Eines Morgens lag dann doch sogar ein Toter bei mir vor der Zimmert\u00fcr. Die besoffenen Knaller hatten sich anscheinend gepr\u00fcgelt und einen hats erwischt. Da wurde es uns doch alles zu viel und wir nutzten das Angebot, welches sich just offenbarte. Denn ein Cousin eines Freundes lebte in Saarbr\u00fccken und in dem Haus, in dem er wohnte, war gerade ne Bude frei. Mein Freund fragte mich und meine Freundin, ob wir nicht mit wollten. WG und so. Erstmal musste ich auf der Karte schauen, wo Saarbr\u00fccken eigentlich liegt. Ich w\u00e4re gern in Hessen geblieben,  aber raus aus dem Hotel war dringender. Also, dachten wir, erstmal nach Saarbr\u00fccken, dann schauen wir weiter. So trennten sich dann die Wege der glorreichen Sieben.  Der Rest blieb in Hessen und wir verloren uns schnell aus den Augen.<br \/>\n(\u00dcbrigens sind, bis auf meine Ex und mich, alle fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder zur\u00fcck in die Heimat. Heute habe ich zu keinem mehr Kontakt.)<\/p>\n<p>Angekommen in SB lebten wir die ersten Wochen mit Schlafsack aufm PVC Boden in leeren R\u00e4umen. Alles sehr abenteuerlich, aber, ich m\u00f6chte diese Zeit nicht missen.<\/p>\n<p>Dass Saarbr\u00fccken mal zu meiner neuen Heimat werden w\u00fcrde, hatte ich damals nicht aufm Schirm. Ich ging von einer Episode aus. Nun lebe ich bereits l\u00e4nger hier in Saarbr\u00fccken, als ich in der DDR lebte. Saarbr\u00fccken ist mein Zuhause.<\/p>\n<p>Alles andere ist Geschichte\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute vor 25 Jahren ist Jens aus dem Osten in die BRD gefl\u00fcchtet. Zwei Tage sp\u00e4ter fiel die Mauer. 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