{"id":7851,"date":"2009-09-28T18:22:51","date_gmt":"2009-09-28T16:22:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=7851"},"modified":"2025-09-09T15:00:53","modified_gmt":"2025-09-09T13:00:53","slug":"sie-nennen-es-nicht-arbeit-netaudio-in-der-jungle-world-und-mein-interview-dazu","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/sie-nennen-es-nicht-arbeit-netaudio-in-der-jungle-world-und-mein-interview-dazu\/","title":{"rendered":"&#8222;Sie nennen es nicht Arbeit&#8220; &#8211; Netaudio in der Jungle World und mein Interview dazu"},"content":{"rendered":"<p>Vor drei Wochen habe ich Thomas Ewald von der Jungle World ein Interview zum Thema Netaudio gegeben. Heute ging der dazugeh\u00f6rige Artikel, der letzte Woche schon als Print zu haben war, online.<\/p>\n<blockquote><p>Es gibt rund tausend Netlabels, die die Musik ihrer K\u00fcnstler nicht mehr als Ware vertreiben wollen, sondern im Internet verschenken. F\u00fcr viele Elektro-Bastler erscheint das als Weg, ihre Kreativit\u00e4t auszuleben, andere nutzen das Netz als Karriereforum.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Ich packe mal das Interview als ungek\u00fcrzte Fassung hier mit rein. Schreibfehler inklusive.<\/p>\n<p><strong>Ist es nicht so, dass viele K\u00fcnstler diese Art des Vertriebs nur nutzen, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern und dann Geld f\u00fcr ihre Wekre zu verlangen? Gerade im Hinblick auf die Entscheidung von Thinner im letzten Jahr, auch Paidcontent anbieten zu wollen.<\/strong><br \/>\nIch hatte <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=3070\">da mal was dr\u00fcber<\/a> geschrieben, solltest Du vielleicht lesen: <\/p>\n<p>Nein. Ich denke, dass viele der K\u00fcnstler, die damals unter CC-Bedingungen deb\u00fctiert haben, nicht daran dachten, mit ihrer Musik mal Geld verdienen zu k\u00f6nnen. Es ging wahrscheinlich prim\u00e4r darum, seine Musik einer H\u00f6rerschaft zug\u00e4nglich zu machen, die nicht an klassische Vertriebswege gebunden war. Viele vergessen immer noch, dass gerade diese Netaudio-Geschichte keinerlei Grenzen kennt. Jeder, und zwar wirklich jeder, der \u00fcber einen Internetzugang verf\u00fcgt, kann immer und \u00fcberall auf der Welt Musik h\u00f6ren, die er mag und die er nicht in einem Laden kaufen muss. Das ist manchen hier in Europa nicht ganz so bewusst, aber in S\u00fcdamerika gibt es definitiv weniger Plattenl\u00e4den als hier. Diese Beschr\u00e4nkung wurde durch Netlabels v\u00f6llig aufgebrochen. Zumal es zu dieser Zeit kaum Onlinestores f\u00fcr MP3s gab, wie es heute selbstverst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Allerdings kann man ganz klar sehen, dass viele K\u00fcnstler, die mit CC-Musik begonnen haben, heute prim\u00e4r auf Verkauf setzen. Auch weil sie es k\u00f6nnen, weil es eine Nachfrage gibt, die das Zahlen daf\u00fcr mit sich bringt. Beispiele daf\u00fcr sind aus der &#8222;ersten Netaudio-Generation&#8220; Marko F\u00fcrstenberg, Kollektiv Turmstra\u00dfe und Daniel Stefanik, die heute g\u00e4nzlich auf Verkauf setzen. Ich hatte da anf\u00e4nglich Probleme mit, habe das aber zu akzeptieren gelernt. Es wird sicher noch einige Musiker mehr geben, die diesen Weg gehen werden, andere sind schon dabei.<\/p>\n<p>Ich war der Entscheidung von Thinner gegen\u00fcber sehr kritisch und habe auch mit Sebastian Rendenz dar\u00fcber diskutiert &#8211; ich wollte das nicht, sehe das heute allerdings etwas objektiver. Ich habe mein Dogma abgebaut.<\/p>\n<p>Man muss eben sehen, das gerade Thinner unheimlich gute Arbeit geleistet und diverse K\u00fcnstler gefeautert hat, die dann auch international sehr erfolgreich waren. F\u00fcrstenberg, Pheek, Jeff Benett, Move D, Eloi Brunelle haben alle auf Thinner released und wirklich dicke Downloadzahlen mit sich gebracht. Dieser Fame hat dann auch dazu beigetragen, dass Leute ihre sp\u00e4teren Platten gekauft haben. Weil man eben diese Namen mit guter Musik in Verbindung brachte. Das hat einigen K\u00fcnstlern durchaus Nutzen gebracht. Thinner allerdings hatte da nie wirklich was von. Klar, den Fame, aber der macht eben nicht satt und bezahlt keine Rechnungen. Zumal die Arbeit, die Thinner da machte, weitaus professioneller war\/ist, als ich das von klassischen Labels kenne. Die arbeiten wirklich sehr hart und ich denke, dass soll sich dann auch mal finanziell auszahlen.<br \/>\n<strong><br \/>\nSeht ihr es als einen politischen Akt, die Musik frei zur Verf\u00fcgung zu stellen? Oder ist es eher die Lust an der Aktivit\u00e4t?<\/strong><br \/>\nSowohl als auch. Als wir uns damals darum bem\u00fchten, auf einem Netlabel ver\u00f6ffentlichen zu k\u00f6nnen, taten wir das prim\u00e4r deshalb, weil wir keine Lust mehr darauf hatten, uns um einen klassischen &#8222;Deal&#8220; zu bem\u00fchen. Labels die physich ver\u00f6ffentlichten hatten in der Regel kein Interesse daran, Experimente einzugehen. Der Mut zum Risiko war gleich Null. Sie brachten ewig die selben Platten im selben Stil, die sich nat\u00fcrlich recht gut verkaufen lie\u00dfen. Wir fanden dort mit unserem Sound leider keinen Platz.<\/p>\n<p>Viele dieser Labels gibt es mittlerweile nicht mehr, aber das nur am Rande.<\/p>\n<p>Als wir dann auf Thinner &#8222;Eingang nach Drau\u00dfen&#8220; bringen konnten, wurde nat\u00fcrlich auch etwas Politisches daraus, sich dem kommerziellen Musikvertrieb zu verweigern. Weil wir es dann konnten. Auch ein wenig mit Mittelfinger-Attit\u00fcde, klar.<\/p>\n<p>Dazu kommt auch, dass wir uns bis heute stilistisch nie wirklich festigen wollten. Klar, wir machen elektronische Musik, allerdings da dann fast das komplette Spektrum von ganz ruhigem Ambient bis hin zu Drum `n`Bass. Das geht sicher auch auf einem klassischen Label, aber erst dann, wenn man sich bereits einen Namen gemacht hat oder man unter verschiedenen Pseudonymen ver\u00f6ffentlicht. Das wollten wir nie und hatten bei den Netlabels immer freie Hand, was wir wie rausgeben wollten.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nW\u00fcrdet ihr sagen, dass es Qualit\u00e4tsunterschiede gibt zwischen K\u00fcnstlern, die scih dank ihrer Gage ein Monsterstudio zimmern k\u00f6nnen, oder ist es das Equipment v\u00f6llig ausreichend?<\/strong><br \/>\nGanz klar: Nein. Es macht keinerlei Unterschiede in der Qualit\u00e4t, am Ende z\u00e4hlt nur das, was am Ende als Produkt rauskommt. Ob das gef\u00e4llt entscheiden einzig die H\u00f6rer. Viele von denen scheren sich weniger um Soundqualit\u00e4t, sondern h\u00f6ren eher auf die Musik, die durch etwas mindere Qualit\u00e4t durchaus an Charme gewinnen kann. Nat\u00fcrlich kann man so dermassen fett klingende Produktionen wie eine Band wie bspw. Rammstein sie macht, nicht in der K\u00fcche aufnehmen. Das gilt generell f\u00fcr gro\u00dfe Bandproduktionen, ansonsten sehe ich da keine Grenzen.<br \/>\n<strong><br \/>\nIst es m\u00f6glich auch Musikgenres in Form von Netaudio zu machen, die akustisch ist. Das hei\u00dft bei einer Band, die mit Instrumenten spielt, muss mehr Platz und Technik f\u00fcr Aufnahmen da sein. Das kostet doch mehr als ein Wohnzimmer Studio aus Laptop?<\/strong><br \/>\nJa. Das beste Beispiel daf\u00fcr ist Julia mit Entertainment For The Braindead, die ja g\u00e4nzlich auf Akustik setzt und damit extrem erfolgreich zu sein scheint.<\/p>\n<p>Klar kostet das mehr und man kommt sicher auch schnell an die Grenzen seiner M\u00f6glichkeiten. Dennoch gibt es Bands die das ja in die Reihe bekommen. Allerdings sehe ich den Stand einer Band mit bspw. 5-7 Mitglieder im Netaudio-Bereich auch etwas ambivalent. Die Organisation einer Bandaufnahme ist m.E. noch mal eine andere Kiste. Allerdings ist auch das m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem denke ich, dass viele Bands einfach noch der klassischen Idee von &#8222;Rock n Roll&#8220; anh\u00e4ngen und dazu geh\u00f6rt nun mal eine Platte, denken sich diese wahrscheinlich.<\/p>\n<p><strong>Was haltet Ihr von Micropayment oder auch Spenden? W\u00e4re das ein Weg, den Ihr eines Tages auch gehen w\u00fcrdet?<\/strong><br \/>\nNichts. Es gab ja seit Jahren auf der Thinner-Website neben jedem Release dieses &#8222;pay what you want&#8220;-Button, das jeder h\u00e4tte nutzen k\u00f6nnen. Ich wei\u00df nicht, wie das bei anderen K\u00fcnstlern ist, aber wir haben trotz mittlerweile sechsstelligen Downloadraten damit gerade mal 75,00\u20ac eingenommen. Die Menschen sind nicht wirklich bereit auf diesem Weg Geld f\u00fcr Musik zu geben.<\/p>\n<p>Dazu kommt, dass wir nicht ausschlie\u00dflich unter CC-Lizenz ver\u00f6ffentlichen. Wir verkaufen mittlerweile auch auf klassischem Wege Platten und CDs. Allerdings werden wir beides auch zuk\u00fcnftig so weitermachen.<\/p>\n<p>Trotzdessen gibt es bei uns Projektintern immer wieder Debatten dar\u00fcber, wie wir das zuk\u00fcnftig handhaben werden. Ich vertrete immer noch die Meinung, dass CC perspektivisch der bessere Weg ist, Inge sieht das anders. Allerdings helfen derlei Diskussionen auch, das ganze am Leben zu halten und sich verschiedene T\u00fcren offen zu halten.<\/p>\n<p><strong>Wie viele K\u00fcnstler gibt es eurer Einsch\u00e4tzung nach, die von ihrer Aktivit\u00e4t leben k\u00f6nnen? Und tut es der Musik eigentlich gut, dass ihr Macher eben nicht nur mit Ihr besch\u00e4ftigt ist, sondern durch andere T\u00e4tigkeiten mit denen er seinen Lebensunterhalt bestreitet, freier und inspririerten arbeiten kann?<\/strong><br \/>\nIm Netaudio-Bereich gibt es sicher niemanden, der von seinem kreativen Output leben kann &#8211; zumindest kenne ich keinen. Unabh\u00e4ngig davon allerdings k\u00f6nnen das ja auch nur wenige, die auf klassische Vertriebswege setzen. Das sind sicher Minderheiten, die davon leben k\u00f6nnen. Deshalb m\u00fcssen einfach viele nebenher ihren Lebensunterhalt verdienen, was grunds\u00e4tzlich ja auch nichts Schlechtes sein muss. Es verschafft einem auch eine gewissen Unabh\u00e4ngig im Umgang mit seiner Musik. Beispiel daf\u00fcr: wenn wir mal eine Platte machen w\u00fcrden, die sich exorbitant gut verkaufen w\u00fcrde, w\u00e4re sicher die Gefahr gro\u00df, die n\u00e4chste dann \u00e4hnlich zu machen. Man macht sich da dann etwas abh\u00e4ngig von Verkaufszahlen. Auch weil man es muss, schlie\u00dflich brauch man die Pinunsen zum Leben.<\/p>\n<p>Und klar ist es gut sich davon nicht leiten lassen zu m\u00fcssen. Kreativ hat man dann auch die M\u00f6glichkeit Experimente zu machen, die auch gerne mal nach hinten losgehen k\u00f6nnen. Kostet ja nichts.<\/p>\n<p>Ich sage immer: &#8222;Um Geld zu verdienen gehe ich arbeiten. Daf\u00fcr m\u00f6chte ich keine Musik machen m\u00fcssen.&#8220; Zumal man ja auch einfach musikalisch mal pausiert, was dann schon wieder schwieriger w\u00e4re. Das k\u00f6nnen sich im Pop-Sektor auch nur jene leisten, die immer noch in gro\u00dfen Mengen Tontr\u00e4ger verkaufen. Alle anderen m\u00fcssen immer sehen, dass sie mit dem Arsch an die Heizung kommen. Das bedeutet dann eben auch mal einen Gig im Einkaufscenter oder auf den schlimmsten Stadtfesten. Da will ich nicht hin.<\/p>\n<p><strong>Was haltet Ihr von Merchandise, um die fehlenden Einnahmen reinzubekommen.<\/strong><br \/>\nIst auf jeden Fall eine M\u00f6glichkeit, aber nicht f\u00fcr uns. Daf\u00fcr fehlt uns die Zeit und irgendwie auch die Motivation. Wir machen das ja nicht um Einnahmen zu generieren, sondern um die Musik irgendwie nach da drau\u00dfen zu sp\u00fclen. Wie gesagt: f\u00fcr Einnahmen gehen wir arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Was ist die Zukunft von Netmusik? Wird das Publikum nicht irgendwann an der Masse der K\u00fcnstler und Labels ersticken?<\/strong><br \/>\nNein, wird sie nicht. Ich sehe da keinerlei Unterschiede zum klassischen Markt. Ich meine, wenn ich einen Plattenladen gehe, steht auch zu 80% Musik f\u00fcr die ich mich nicht begeistern kann. Gute Musik muss man suchen, man muss sich diese M\u00fche machen und dass musste man schon immer. Manchmal hatte man Gl\u00fcck, dass jemand anderes etwas Gutes gefunden hatte. Daran hat sich bis heute auch im Netaudio-Bereich nicht viel ge\u00e4ndert. Es gibt immer wieder diese Perlen, die gepfl\u00fcckt werden wollen. Man muss sie nur suchen.<\/p>\n<p>Ansonsten bin ich selber gespannt, wo genau das mit der Netmusik hingehen wird. Es gibt immer wieder K\u00fcnstler, die aus dieser Ecke kommen und dann auf Vinyl ver\u00f6ffentlichen. Andere lehnen das partout ab, wie Planet Beolex, der trotzdem grandiose Musik produziert.  Beide Varianten werden bleiben. Auch die Koppelung zum Paid-Content wird sicher h\u00e4ufiger vorkommen.<\/p>\n<p>Wo genau wir uns da sehen, wissen wir im Moment selber nicht so ganz genau. Eigentlich wollen wir immer alles irgendwie.<br \/>\n<strong><br \/>\nUnd als letzte Frage: Was ist mit Vinyl-Ver\u00f6ffentlichungen, haben diese mehr Charme, als die immaterielen Datenb\u00fcndel?<\/strong><br \/>\nHatte ich <a href=\"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=3474\">mal was zu geschrieben<\/a>, solltest Du vielleicht lesen.<\/p>\n<p>Pfff. Da bin ich echt leidenschaftslos. Ich habe mir Musik immer zugelegt um sie zu h\u00f6ren. Und nur um sie zu h\u00f6ren, nicht um mir ein Cover anzusehen, oder ein Booklet durch zu bl\u00e4ttern. Dazu kommt, dass die heute verbreitetste Weise Musik zu h\u00f6ren, der MP3-Player ist. Da sind so Datenb\u00fcndel schon extrem praktisch. Man muss da nichts mehr aufnehmen, importieren, taggen. Kopieren &#8211; fertig. Finde ich super.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor drei Wochen habe ich Thomas Ewald von der Jungle World ein Interview zum Thema Netaudio gegeben. 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