{"id":809,"date":"2007-05-15T22:57:33","date_gmt":"2007-05-15T20:57:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/?p=809"},"modified":"2007-05-15T23:29:30","modified_gmt":"2007-05-15T21:29:30","slug":"zweimal-nur-hatte-ich-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.kraftfuttermischwerk.de\/blogg\/zweimal-nur-hatte-ich-angst\/","title":{"rendered":"Zweimal nur hatte ich Angst."},"content":{"rendered":"<p>Nie hatte ich wirklich Angst um meinen Vater, auch wenn die Arbeit, mit der er sein Geld verdiente alles andere wie ungef\u00e4hrlich war. Er hatte sich, wie viele junge Menschen heute auch, in jungen Jahren dazu entschieden, zur Fahne zu gehen, was heute Bund hei\u00dft.<br \/>\n<strong>Ab hier wird es pers\u00f6nlich. Wer das nicht braucht, klickt woanders.<\/strong><br \/>\n<!--more-->Nach seiner Grundausbildung und nachdem er sich dann verpflichtet hatte, konnte er selber entscheiden, bei welchem Truppenverband er zuk\u00fcnftig dienen wollte. Er entschied sich, aus rein pragmatischen Gr\u00fcnden, gegen die NVA und wollte seine Zeit bei den Grenztruppen abrei\u00dfen. Das eigentlich nur deshalb, weil er damit die Chance hatte in der N\u00e4he von Berlin bleiben zu k\u00f6nnen, was er als Kind vom Dorf durchaus zu sch\u00e4tzen gelernt hatte. Er genoss es, einfach mal in die Haupstadt zu fahren, um dort H-Milch, Ketchup oder einen Kotfl\u00fcgel f\u00fcr den alten Trabbi zu kaufen. Es war eine Art Shopping-Tour auf ostdeutsch. Er mochte das und machte regelm\u00e4\u00dfig ein Familien-Event daraus. Ausserdem hatte er hier seiner Familie ein Nest bereitet und nebenbei hat er sich von seinem Geld irgendwie einen Garten zusammengespart, was wohl schon immer ein Traum von ihm gewesen sein muss. Er wollte nicht irgendwo nach Th\u00fcringen, oder Sachsen hinter irgendeinem Wald, irgendwelche Versorger-T\u00e4tigkeiten \u00fcbernehmen. Also entschied er sich in fr\u00fchen Jahren dazu, mit seiner bescheidenen Kraft den antiimperealistischen Schutzwall zu verdeitigen, was hier drastischer klingt, als es wohl tats\u00e4chlich Triebkraft war, die zu seiner damaligen Entscheidung gef\u00fchrt hatte. Er war eher so der praktische und bequeme Typ.<br \/>\n   So konnte er dann jeden Tag, ausser bei Nachtschicht, nach Hause fahren, hatte freie Wochenenden, verdiente nicht schlecht, konnte \u00fcber die Jahre zuvor aufgebaute Beziehungen pflegen, was in der damaligen Zeit eine nicht unwichtige Rolle spielte und war eigentlich immer zu Hause. So wie alle anderen V\u00e4ter auch. Allerdings war er immer auch in \u201eBereitschaft\u201c was soviel hie\u00df, dass er immer verf\u00fcgbar sein musste. Und ich meine wirklich immer! Ausnahmen gab es nur dann, wenn er Urlaub hatte. Da fuhr er dann mit uns \u00fcber wahrscheinlich jeden Quadratzentimeter, den dieses kleine, graue Land zu bieten hatte. Er zeigte uns alles! Ich kann mich nicht erinnern, auch nur irgendetwas, dass in diesem Land nur ein wenig sehenswert war, nicht gesehen zu haben. Er zeigte es uns, des Zeigens wegen und er\u00f6ffnete zumindest mir, damit die M\u00f6glichkeit Sachen zu sehen, Sachen zu lernen, an die er selber sicher nicht mal gedacht hatte.<br \/>\n   Er war beliebt, obwohl er Vorgesetzter war. Staabshauptfeldfebel, was alle immer \u201eSpie\u00df\u201c nannten. Er verteilte die Urlaubszeiten und war bei denen nie zimperlich, wenn die Rekruten ihn dabei unterst\u00fctzten, seinen Bungalow zu bauen. Er war nie wirklich ein Handwerker, eher so der Typ; \u201eHauptsache das h\u00e4lt. Irgendwie.\u201c und war froh, gelernte Leute um sich zu haben, die wussten, was sie da taten. Dann gab es Bier und Goldi f\u00fcr alle. Das Bier kam nicht aus K\u00e4sten, sondern h\u00e4ufig auch aus dem Fass. Ja, es waren mitunter eben viele Soldaten da um mitzubauen. Manche auch, die eigentlich Freigang oder Urlaub hatten. Sie kamen dann, um den Estrich zu gie\u00dfen, ein neues Fundament auszuheben, das Dach zu decken, oder was wei\u00df ich.  Ich glaube sie mochten ihn. Er war nicht streng und br\u00fcllen war so gar nicht sein Ding, auch zu Hause nicht. Irgenwann dann, es muss Ende der Achtziger gewesen sein, schlief ich eine Nacht bei ihm im B\u00fcro, wei ich eben das immer mal tun wollte. Nur mal so. Einer seiner Hauptgefreiten erkl\u00e4rte mir, wie der KC 85, der bei meinem Vater auf Stube stand funktionierte und so spielte ich die ganze Nacht an diesem Rechner. Am\u00fcsanterweise ein Textspiel, was wohl heute Adventure hei\u00dfen w\u00fcrde. Ich war Adolf und musste die Welt an mich rei\u00dfen. Das ist kein Scherz. Hatte der Gefreite programmiert und ich fand es arschlustig. Strategie und so. Mein Vater hatte da keine Ahnung von dem. Wenn \u00fcberhaupt, hackte er mit zwei Fingern alles in seine Schreibmachine.<br \/>\n   Dann kam der 8. Novemeber 1989. Es war 3.45 Uhr mitten in der Nacht als es klingelte und ich die Aufregung, die es schon in den letzten Tagen im Haus gab, fast greifen konnte. Soldaten kamen und holten ihn ab. Er hatte Bereitschaft wie immer und nie war das wohl so ernst wie in dieser Nacht. Wir setzten uns alle vor den Fernseher und sahen die Bilder. Die Frau, die vor dem Brandenburger Tor den Soldaten verbal zusammenfaltete. Die Menschenmassen, die ihre Wut auf den Staat aus sich raus und diese damit auf die Strassen brachten. Diese Konfrontation zwischen Staat und Volk. Ich f\u00fchlte mich elend in diesem Moment. Ich hatte das Gef\u00fchl, ein Gegen\u00fcber der Menschen zu sein und wusste nicht mal warum. Ich hatte Angst. In genau diesem Moment hatte ich h\u00f6llische Angst, dass ich meinen Vater nie wieder sehen w\u00fcrde. Er hatte vorher fast t\u00e4glich die M\u00f6glichkeit, das, uns, alles hinter sich zu lassen und hat sie nie wahrgenommen. Er kam immer wieder, aber in dieser Nacht glaubte ich nicht dran. Das hat sich ganz tief eingebrannt.<\/p>\n<p>Nur einmal noch, hatte ich eine so tief sitzende Angst um ihn. Am Anfang dieses Jahres.<br \/>\nIch hoffte, es w\u00e4re genau wie damals, dass er wiederkommt, einen d\u00e4mlichen Spruch macht und wir gemeinsam dar\u00fcber lachen k\u00f6nnten.<br \/>\nEr kam nich.<\/p>\n<p>Er hat nie \u00fcber diese Zeit geredet. Wie das mit der Wende war. Mit ihm und seinem Leben auf der, im R\u00fcckblick, eigentlich falschen Seite. Er gab im Dezember 89 sein Parteibuch ab, sagte, dass \u201eer in der Bundeswehr nicht dienen kann\u201c und das war es f\u00fcr ihn. F\u00fcr immer.<br \/>\nEr hat nie dar\u00fcber geredet. Ich habe nie danach gefragt. Das tut heute am meisten weh&#8230; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nie hatte ich wirklich Angst um meinen Vater, auch wenn die Arbeit, mit der er sein Geld verdiente alles andere wie ungef\u00e4hrlich war. 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