Nachbarn flyern gegen neue Redaktionsräume einer Obdachlosen-Zeitschrift in Münster

Was genau ist eigentlich in diesem Land schief gegangen. Ich meine, es zu lieben, wurde einem nie sonderlich leicht gemacht, nicht so leicht, das es für mich dazu gereicht hätte, aber was aktuell da draußen passiert, entwickelt sich in so eine latente Arschlöchigkeit, von der man ja gar kein Teil mehr sein wollen kann.

So auch in Münster: die Redaktion der Obdachlosen-Zeitschrift „Draußen“ sucht neue Räume für ihre Redaktion. Sie suchen lange, weil sie kaum einer ohne weiteres haben möchte. Dann werden sie doch fündig und schließen einen Mietvertrag.

Kurz darauf werden in der unmittelbaren Nachbarschaft Flyer verteilt, die vor einem „Obdachlosenasyl“ warnen, obwohl es das ausdrücklich nicht werden soll. Vor Drogen, Übergriffen, Gewalt, Vermüllung, Lärm, Alkohol. Das ganze Bullshit-Bingo-Program plus dem mittlerweile obligatorischen Ruf nach einer Bürgerinitiative dagegen. Das wäre auch dann abstoßend, wenn es sich tatsächlich um eine Unterkunft für Obdachlose handeln würde, aber die soll es ja nicht mal werden.

Sie sind noch nicht mal eingezogen, aber offensichtlich jetzt schon in der unmittelbaren Nachbarschaft unerwünscht.
Ausdrücklich wird vor einem „Obdachlosenasyl“ gewarnt. Gewalt, Drogen, Alkohol, Vermüllung und Belästigung stünden den Anwohnern nun ins Haus. Das Viertel um die Von-Kluck-Straße würde zu einem neuen sozialen Brennpunkt in Münster.

Die „draußen“-Geschäftsführung will Anzeige gegen den Ersteller des Flyers erstatten. Das Magazin zieht zum 1. Dezember vom Berliner Platz in ein Bürogebäude an der Von-Kluck-Straße 15 um, vorerst zur Miete, ab dem 1. April 2014 dann als Eigentümer.

Wir haben soviel Shice um die Ohren: NSU, NSA, vor den Grenzen Europas sterbende Flüchtlinge, Arme, die immer ärmer werden, 15-jährige Schüler, die von der Arbeitsagentur dazu genötigt werden, ihre Schule abzubrechen, um kein ALG 2 mehr zu beziehen und und und. Und wem haut man auf den Kopf? Den ganz armen Schweinen. Ein tolles Land haben wir da, für das man sich ohne weiteres schämen kann. Das fällt einem nicht mal schwer – im Gegenteil.
(via Pantoffelpunk)

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Kommentare: 22

  1. mandarine_one 5. November 2013 at 10:06  zitieren  antworten

    Wie ekelhaft ich unser Land und unsere Gesellschaft mittlerweile einfach finde. Anstatt offener zu werden, werden alle immer mehr zu Arschlöchern und achten nur auf sich. Aber unserem Land geht es ja so schlecht und wir müssen soooo viel bezahlen. Die sollen sich doch alle mal bitte ordentlich ficken! Knutschen ist wichtiger als Deutschland!

  2. nana 5. November 2013 at 10:22  zitieren  antworten

    Guter Ansatz! Der ‚gute Deutsche‘ ist eher chronisch unterfi***t, wahrscheinlich ist das der Grund für diese Biestigkeit..

  3. Vasilie 5. November 2013 at 10:26  zitieren  antworten

    Da hast du absolut recht. Und jeden Tag kommt mehr Scheiße dazu. Siehe die „Bürgerproteste“ in Schneeberg, die geniale richterliche Entscheidung gewaltbereiten Nazis in Berlin mit einer lächerlichen Geldstrafe zu belegen und ganz im allgemeinen, die mehrheitliche politische Linie sich gegen Rechts nicht eindeutig zu Positionieren. Alles irgendwie zum kotzen.

  4. AG 5. November 2013 at 10:27  zitieren  antworten

    Ja, das ist ekelhaft und irgendwie auch total schwer nachvollziehbar, was die Autoren der Flyer da abziehen. Daraus aber generell „Scheiß Deutschland“ abzuleiten ist nicht minder verallgemeinernd und pauschalisierend.

  5. Thomas 5. November 2013 at 10:36  zitieren  antworten

    „Wir haben soviel Shice um die Ohren: NSU, NSA, vor den Grenzen Europas sterbende Flüchtlinge, Arme, die immer ärmer werden“

    Ich glaube ja, dass genau sowas auch mit ein Grund dafür ist. Die ganze Welt wirkt doch mittlerweile so abgefuckt und bedrohlich, dass man wenigstens im näheren Umkreis noch heile Welt haben will.

  6. AG 5. November 2013 at 10:48  zitieren  antworten

    @Thomas: die Menschen in Deutschland sind einfach viel zu verwöhnt und verweichlicht um wahrzunehmen, wie gut es ihnen, historisch UND global betrachtet geht. Von wegen heile Welt und so.

  7. Vasilie 5. November 2013 at 10:57  zitieren  antworten

    ERnsthaft? Da lässt sich nicht scheiß Deutschland ableiten? Wir, eine der reichsten Nationen mit einem extrem hohen Lebenstandard, freier Bildung und freier Meinungsentfaltung schaffen es nicht die Menschen in diesem Land zu befähigen ihre Probleme bei sich zu suchen und / oder ihre Probleme und ihren Status realistisch zu betrachten. Dafür wird allenthalben erzählt das es allen Scheiße gehe und überall nur Dreck und Elend wartet. Und der durchschnittliche Bürger sieht genau das. Dreck und Elend. Schuld sind die anderen, da die eigenen ansprüche nicht vermessen sondern völlig legitim sind. Daher kaufen sich „arme“ Menschen auch ihren 50 Zoll Fernseher für 36 Monatsraten Zinsfrei bei Saturn. Der Luxus muss nähmlich sein, geht nicht ohne, auch wenn man sich es nicht leisten kann. Das Problem sind nicht die Migranten. Das Problem ist die Unverhältnissmäßigkeit der Menschen in diesem Land, und ihr ekelhafter Egoismus. Deswegen, scheiß Deutschland, und ich geh noch weiter, scheiß Welt in der wir Leben.

  8. Vasilie 5. November 2013 at 11:03  zitieren  antworten

    Erweiter im drittletzten Satz Migranten um jede gesellschaftlich nicht tolerierte Minderheit (Schwule, Lesben, Obdachlose, usw. ) dann hauts hin. Wollte das nicht unsinnigerweise beschränken ….

  9. AG 5. November 2013 at 11:18  zitieren  antworten

    @Vasilie: Nein lässt es sich nicht ableiten, auch wenn jeder von Dir aufgeführte Aspekt richtig ist. Aber was wäre denn Deine Alternative? Der Freitod? Eine gleichgeschaltete Gesellschaft?

  10. lena 5. November 2013 at 11:27  zitieren  antworten

    @ AG: im Zuge der Schulpflicht ein Auslandsaufenthalt oder Sozialdienst in Afrikrika oder sonstigen Gebieten in denen der Standart stark dem deutschen Abweicht (vielleicht reicht auch schon eine Verpflichtung zu sowas wie einem FSJ…soziales engagement für Randgruppen), damit alle mal ein bisschen Demut lernen und zu schätzen wissen was sie haben. Mir hat sogar ein Monat Kreta gereicht!
    @ Vasille: Du hast Menschen mit Behinderung vergessen ;) aber über die muss man sich ja nicht aufregen weil die meisten eh schon hinter verschlossenen Türen von der Gesellschaft ferngehalten werden um niemanden mit ihrem „Elend“ zu belästigen….
    Moargh, ich krieg ne Hasskappe!

  11. Vasilie 5. November 2013 at 11:29  zitieren  antworten

    Nö. Aufklärung. Mit den Menschen offen reden anstatt sie absichtlich zu verunsichern. Bei sich anfangen zu hinterfragen, die Menschen dazu motivieren genau das zu tun und ihnen beizubringen das aller materieller Luxus den sie „brauchen“ im Endeffekt nur eine leere irgendwo ausfüllt die anderer Natur als materieller ist. Ich bemüh mal ein bisschen ein theatralisches Zitat: „Der Einäugige ist der König unter den Blinden ….“. Wenn du es kapiert hast, informier die anderen, hinterfrage Motive und Ideologien, diskutiere mit Ihnen, nimm Sie ernst . Irgendwann fruchtet das, und mit Occupy und all den anderen Bewegungen hat man doch gesehen das es langfristig funktioniert, Und da ist ja kein Ende abzusehen. Aber man sollte sich endlich von dem Gedanken emanzipieren das die Politik da hilft. Das wird sie nicht.

  12. mandarine_one 5. November 2013 at 11:36  zitieren  antworten

    Das ganze fängt immer zuerst beim Menschen selber an. Solang da draußen Hass auf Ausländer, Homosexuelle, Behinderte und alles, was anderes ist als sie, schieben, weil sie sich keine PS4 leisten können, läuft was falsch. Und solange mir dieses Deutschland erklärt, dass Kinder bei Homosexuellen schlecht aufwachsen, dass Flüchtlinge mir den Job und das Geld wegnehmen und das Redaktionen für eine Obdachlosenzeitung eine Gefahr für die Bürger sein sollen (und so weiter und so fort) finde ich dieses Deutschland einfach scheiße!

  13. lena 5. November 2013 at 11:37  zitieren  antworten

    also erstens bin ich der Meinung, dass der Einäugige unter den Blinden in der Klapse säße (denk mal drüber nach ;) ) und zweitens kann man das Pferd nur zum Wasser führen, trinken muss es selber. Heißt, dass was du vorschlägst ist Kopfsache. Der andere kann, wenn er nicht über entsprechende Erfahrungen und Hintergünde und vielleicht auch Gehirnzellen verfügt vielleicht gar nicht nachvollziehen, was du ihm eigentlich nahe bringen willst. Einer konkreten Erfahrung, dem Erleben, wie z.b. in einer Tätigkeit oder einem Auslandsaufenthalt, kann sich kaum jemand entziehen.
    Außerdem kann ich ja nicht bei allen wieder gut machen, was sie in ihrer frühen Kindheit an Vorbildern und Erziehung vermisst haben. Da fängt es nämlich an ;)

  14. Vasilie 5. November 2013 at 11:43  zitieren  antworten

    Eh, die Leute nimmt einfach keiner Ernst. Ehrlich, auch die haben Sorgen die nicht unberechtigt sind. Und ja, es hängt mit dem geistigen Niveau zusammen was dem jeden zu eigen ist. Aber wenn man sich selbst der Verantwortung entzieht, wer solls denn dann machen? Die z.B. bei denen der Aufenthalt stattfindet? Die sind dann doch aber in der gleichen Situation wie du. Und nur die Umgebung ändert nicht den Menschen.

  15. lena 5. November 2013 at 11:51  zitieren  antworten

    ich habe nie behauptet, dass ich mich entziehe ;) ich glaube ich muss mich nicht schämen, nicht genügend zu tun, diese gesellschaft positiv zu verändern. kann nur leider nicht zaubern und überall sein… wahrscheinlich wäre ich sogar bereit, diese „armen, zwangsversetzten kinder“ dort zu empfangen und projekte zu leiten :) würde so ziemlich in mein jobprofil passen. der übrigens beschissen bezahlt wird und trotzdem mache ich ihn gerne :P

  16. Vasilie 5. November 2013 at 11:53  zitieren  antworten

    Sisste, sind wir schonmal zwei.

  17. hendrikg 5. November 2013 at 17:04  zitieren  antworten

    nach oben buckeln, nach unten treten, war schon immer so und in unserer derzeitigen arschloch ego gesellschafft noch mehr.

  18. duenner 5. November 2013 at 17:47  zitieren  antworten

    echt? geht’s noch? weil in anderen teilen der welt, die menschen noch mehr von dem kapitalistischen, globalisierenden, menschenverachtenden system in der a**** ge*ickt werden, soll ich mich „freuen“ wie gut es mir geht?? da würde ich, ehrlich gesagt, mal ein wenig über meinen argumentationsstrang nachdenken. in schland geht es einigen – ökonomisch betrachtet – sehr gut. die haben auch einen hohen „lebensstandard“. sehr, sehr vielen menschen geht es in schland nicht gut. die kommen gerade so über die runden und leben von hartzIV. dann gibt’s die ganz, ganz tollen „menschenfreunde“, die sagen, dass die hartzIV’ler ja froh sein können, dass man sie nicht verhungern lässt. ja, supi! das entspricht definitiv nicht meinem bild von gemeinschaft. auch eine tolle verallgemeinerung, die ich komischerweise schon zich mal von NAZIs vor asylantenheimen gehört hab, wie sich denn „die hartzer“ so einen flachbildschirm leisten können (bei asylantenheimen heißt es dann, wie sich den die asylanten so ein teueres smartphone leisten können)? tolle verallgemeinerung. macht ja auch JEDER hartzer…

    also was ich sagen wollte: eine funktionierende gesellschaft, muss a) vom wachstumsgedanken wegkommen, b) anfangen den lebensstandard in anderen werten zu messen als monetären und c) eine gleiche verteilung anstreben.

    außerdem ist ja wohl sonnenklar, dass korruption in schland SUPER hoch ist. sie funktioniert nur nicht so „offen“ wie in anderen ländern. nee, das wird in schland alles viel cleverer gelöst! zb befinden sich 15.000 lokalpolitiker in den beiräten von RWE und co. jap, die kriegen bis zu 10.000 euro im jahr von diesen firmen. und dann handeln sie NATÜRLICH total unabhängig und im sinne des volkes. is klar! unser netter ex-entwicklungsminister niebel holt seine gesamten parteifreunde ins ministerium – egal ob die einen plan von der materie haben oder nicht.

    alter, hör mir auf mit dieser drecks-bananenrepublik!

  19. […] Bürger*innen sind besorgt. Egal, ob es um die Redaktionsräume einer Obdachlosenzeitung geht oder um […]

  20. Dream 6. November 2013 at 16:47  zitieren  antworten

    Es ist interessant wie schnell die Leute das Elend vergessen und wie schnell eigentlich die Dekadenz um sich greift. Es gibt in Deutschland jede Menge Zeitzeugen, die sich erinnern können wie es sich anfühlt, in ausgebombten Häusern oder auf der Straße leben zu müssen. Schade dass die nachfolgenden Generationen nicht gelernt haben was Demut ist.

  21. […] Lasst uns die Fernseher rauswerfen und uns jeden Abend zu bester Sendezeit an markanten Plätzen unserer Wohnorte stellen. 20.15 Uhr. Sollen die Menschen doch mal erfahren, was hier alles so läuft. Wobei, wenn ich mir das so genau überlege, könnte es natürlich passieren, dass Menschen neben einem stehen, die kurz zuvor noch gegen die neuen Redaktionsräume einer Obdachlosenzeitschrift geflyert haben. […]

  22. […] genug wäre, hetzen in einem anderen Ort – mit dem Namen Münster – auf einmal Anwohner per Flyer gegen die Redaktion einer Obdachlosenzeitung, die neue Büroräume sucht. Man man […]

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