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Auf ins Kinderferienlager!

Als ich das erste Mal von meinen Alten ins Ferienlager geschickt wurde, hasste ich es in diesem Moment. Zum Schluss der DDR war ich während der Sommerferien gerne drei mal für zwei Wochen weg und liebte es. Meine Alten auch – die hatten dann immer schön „kinderfrei“. Was ich dann immer dabei haben sollte:


(via DDR Museum)

13 Kommentare

  1. Robert26. Juni 2020 at 10:35

    @RONNY: Gab es dort, also in den Ferienlagern wo du warst, auch „politischen Unterricht für die jungen Leute“? Zumindest lese ich das hier: https://www.ddr-museum.de/de/blog/archive/ferienlager-der-ddr-die-pionierrepublik-wilhelm-pieck-am-werbellinsee
    Über die Pionierlager heißt es auch: „Die Inhalte des Ferienlebens wurden durch Beschlüsse des Zentralrates der FDJ inhaltlich festgelegt.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Zentrales_Pionierlager
    Stimmt das? Hast Du, habt Ihr, damals einige Dinge dieser „BEEINFLUßUNG“ erlebt oder war das vielleicht eher ganz subtil? Kann mir aber auch vorstellen, daß man sowas als Kind vielleicht nur sehr beschränkt wahrnimmt oder auch gar nichts davon bemerkt. Als Wessi, ohne diese Erfahrung, interessiert mich das wirklich. Eine kurze (aber gern auch längere) Antwort von Dir wäre toll – Danke!

    • Ronny26. Juni 2020 at 12:29

      Da mein Vater Soldat bei den Grenztruppen war und ich so immer in Armeeferienlagern war, blieb eine politische Beeinflussung wahrscheinlich nicht aus, wobei es aber keine Unterrichtseinheiten oder Ähnliches gab. Morgens war immer Fahnenappell mit singen und täglichem Blahblah. Inhaltlich kann ich mich daran nicht mehr genau erinnern, gehe aber davon aus, dass dort schon auch politisches Alltagsgeschehen moderiert wurde. Ähnlich den Fahnenappellen in der Schule.

      Worin wir geschult wurden war bspw. der Umgang mit Karten und Kompass, mit denen wir uns durch die Wälder navigierten, was ich damals sehr wohlwollend angenommen habe.

      Dennoch war der ganze Bums in den Armeeferienlagern ziemlich militärisch organisiert. Sport wurde ausschließlich leistungsorientiert betrieben und Sanktionen bei Fehlverhalten waren im Zweifelsfall immer körperorientiert. Wer nachts nicht schlafen wollte und lieber etwas Spaß haben wollte, musste mitunter Liegestütze oder Kniebeugen machen. Zumindest in jenen Lagern, in den junge Soldaten für die Nachtwachen zuständig waren. In Prora musste ich mal eine halbe Nacht lang mit ausgestreckten Armen und gebeugten Knien auf dem Flur stehen. Miese Erfahrung.

      • Robert26. Juni 2020 at 14:03

        „Centrum“ (habe ich gegoogled) war wohl ein Kaufhaus. Und dem Informationsblatt bzw. Plakat sieht man das überhaupt nicht an. Finde ich faszinierend. Vielen Dank für den Einblick!

  2. Datenhamster26. Juni 2020 at 18:16

    Den ganzen Polit-bums gabs ja auch in der Schule die ganze Zeit. Angefangen bei gamifiziertem „wir sammeln Altpapier“ – wahrscheinlich gabs zu dem Zeitpunkt gerade Knappheit an Altpapier um neues herzustellen, übers blaue Halstuch und dem weißen Jungpionierhemd – also eine Art Uniform -, Gedichte, die gelernt werden sollten, Schulappelle zu denen in 3er-Reihen auf den Hof marschiert wurde und ältere Schüler irgendwas an einem Pult verlasen, das ich nicht verstanden habe. Ein rotes Halstuch gabs für mich nicht mehr, da wars dann aus mit der DDR. Mit dem roten Pionierhalstuch hätte es dann wohl auch das FDJ-Büchlein gegeben. Ach ja, dann gabs noch den Klassensprecher, der den Lehrer mit militärischem Gruß (Hand wie eine Haifinne übern Kopf halten) begrüßte, Meldung machte und die ganze Klasse nachsprechen musste „Seid bereit — immer bereit“. Das alles war schon irgendwie eine Vorbereitung auf Militär und Einstimmen auf Gehorsam gegenüber dem Staat. Ich war aber 9 als die DDR zerbröselte und habe den Kram damals nicht wirklich verstanden. Ich glaube, dass die älteren Mitschüler das eher einordnen konnten und mitmachten weil „ist halt so“ aber nur die wenigsten echte Verfechter der Parteilinie waren. Da muss ich mal meine älteren Geschwister fragen, wie die das wahrgenommen haben.

    • Ronny26. Juni 2020 at 23:20

      Ist jetzt auch nicht so, dass ich all das unreflektiert als unpolitisch einstufen würde. Das war es nie. Alles, was im Osten passierte, hatte eine politische Agenda. Und das will ich auch gar nicht wegreden. Ich hatte immer den größten Batzen Altpapier, weil mein Vater Tonnen der „Jungen Welt“ mitbrachte, den seine Zwangssoldaten in seiner Kompanie bekamen, aber nie gelesen haben. Hab ich dann bei diesen „SERO“-Wettbewerben in der Schule ankarren lassen. Und natürlich kam da neben mir kaum jemand anders mit tonnenweise Altpapier.

      Und ich habe mich nach dem Fall der Mauer nicht grundlos dazu entschieden, ZIvildienst zu machen.

      • Datenhamster28. Juni 2020 at 00:51

        Hab ich auch nicht so verstanden. Zum Wettbewerb mit dem Alpapier: Ich hatte eine Nachbarin, die hatte eine ganze Schrankwand voll mit gesammelten „VOLKSWACHT“-Zeitungen. Ich konnte immer nachfassen wenn einer in der Klasse mehr hatte als ich :) Das Interessante daran war ja, dass damals auch schon Gamifizierung funktioniert hat und bewusst genutzt wurde. Ich kann nicht behaupten, eine schlechte Kindheit gehabt zu haben. Dagegen hatte die Zeit nach der Wende schon recht grausame Züge.

        • Kris9. Juli 2020 at 11:06

          Bin etwas spät dran mit meinem Kommentar, aber mich würde wirklich interessieren, wie du das erlebt hast, was du meinst damit, dass die Nach-Wende-Zeit recht grausam war? Ich war auch 9 beim Mauerfall, hab aber die (süd-)westdeutsche Perspektive. Viele Grüße!

  3. Matthias Beck28. Juni 2020 at 12:19

    Sehr interessante Ausführungen. Ich als „Thüringer“ habe die Ferienlager völlig unpolitisch erlebt. Wir hatten nie Fahnenappell oder ähnliches. Im Rest der Republik hat man wohl vieles lockerer gesehen. Die Erlebnisse meiner Berliner Freunde decken sich nicht mit meinen Erfahrungen. Vielleicht hätte ich da aber einfach nur Glück.

  4. asti28. Juni 2020 at 22:17

    Ich habe nur Frühsport in Erinnerung, ansonsten wenig Stress. Unser Ferienlager wurde von Robotron betrieben. Politik kam da kaum vor, außer bei einer Fahrt nach Buchenwald – und die finde ich im Nachhinein immer noch völlig angebracht.

    Das wichtigste Utensil war die Tischtenniskelle, die fehlt komischerweise auf der Liste… Die polnischen Mädchen, die in den anderen Gruppen oft mit dabei waren, hießen alle Agnieszka und waren bei der Abschlussdisko Göttinnen. :-)

  5. Harry30. Juni 2020 at 00:23

    Es ist ja nun nicht so, dass Schule oder Ferienlager im Westen völlig unpolitisch wären. Damals noch weniger als heute. Die tatsache, dass sie als unpolitisch wahrgenommen werden zeigt in der Regel nur, dass die Beeinflussung entweder subtiler ist oder der Ideologische Schleier noch fester sitzt als in der DDR und man halt alles für die wirkliche Wahrheit hält, was man da so beigebracht bekommen hat. So als ob es eine unpolitische Pädagogik gäbe etc. Wird halt bis heute im Westen alles schön von Bertelsmann auf Effizienz und Leistung optimiert und durch die Verlagseigenen Schulbücher und Unterrichtsmaterialien schön in die Köpfe der Kinder transportiert von der Krabbelgruppe bis zum Abi. Aber böse Beeinflussung gibts ja bei uns nicht, sondern gabs nur in der DDR.,

    • Heike8. Juli 2020 at 02:03

      Bitte nicht sauer sein, wenn ich Dir widerspreche, denn Deine Vorstellung vom ehemaligen DDR-Alltag hat nichts mit Deiner Kritik am von Dir erlebten BRD-Alltag zu tun.

      Für mich war nach den befreienden Erfahrungen des Herbst 89 ziemlich ernüchternd, daß es eben auch in der Bundesrepublik Ideologen gibt, die sich, ähnlich wie die Genossen der SED, ihre ihnen gemäße Wahrheit ‚zusammenzimmern‘. Insofern stimme ich Dir zu.

      Andererseits dürften Bücher wie ‚Der Sonnenküsser‘ von Jürgen Landt ( http://www.satt.org/literatur/08_09_landt.html ) oder ‚Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass.‘ von Ines Geipel ( https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ines_Geipel#Leben_in_der_DDR ) verdeutlichen, warum die DDR um einiges ‚krasser‘ war, wenn nicht gar ‚von einem anderen Planeten‘. Nicht umsonst lautete der Titel einer Ausstellung zum Thema Ost-Punk ‚Too much Future‘ ( https://www.jugendopposition.de/themen/145334/too-much-future-punk-in-der-ddr ).

      Ich würde mir wünschen, daß an diesem Punkt nicht Birnen mit Äpfeln verglichen werden, auch wenn ich Deinen gedanklichen Ansatz nachvollziehen kann.

      In diesem Sinn!

      • Harry9. Juli 2020 at 11:46

        Sauer sowieso nicht. Ich kenne den DDR-Alltag ja nicht, von daher ist mir durchaus bewusst, dass ich meine Einschätzungen dazu nicht mit der selben Sicherheit vertreten kann, wie zu den Sachen, die ich selbst direkt erlebt habe.
        Für mich sind die hier genannten Beispiele wie das Altpapiersammeln noch relativ harmlos. Mir ist allerdings durchaus bewusst, dass sich sie ideologische Prägung des Alltags in der DDR nicht auf Altpapier-Wettbewerbe beschränkt.
        Ich merke an solchen Momenten immer, wie wenig das Verhältnis zwischen ehemaliger DDR und ehemaliger und heutiger BRD tatsächlich geklärt ist. Es ist offiziell so geklärt, dass die BRD gewonnen hat, die DDR also falsch war und damit hats sich. Das man mit so einer „Klärung“ keinen Konflikt ernsthaft löst und diese Konflikte dann munter weiter brodeln führt dann zu der Situation, dass man immer wieder aushandelt, wie man denn jetzt zur DDR steht. Es steht sehr schnell der Verdacht im Raum entweder die DDR zu verklären oder auf der anderen Seite bloß die verblödeten Phrasen des westlichen Antikommunismus nachzuplappern – auch wenn dieser Verdacht dann trotzdem nie wirklich ausgesprochen wird.
        Ich habe für mich auch noch keinen Standpunkt gefunden, von dem ich behaupten kann, dass er sowohl das Ausmaß an Unfreiheit und Unterdrückung, genauso wie die real und praktisch ja durchaus existierenden fortschrittlichen Momente an der DDR auf der einen Seite ernst nimmt ohne zu verklären oder zu dämonisieren – und auf der anderen Seite aber auch nicht einfach den Blödsinn zu reproduzieren, der in der BRD das quasi-offizielle Bild der DDR ausmacht und der meistens doch eher die Funktion hat das Ausmaß von Unfreiheit und Unterdrückung in der BRD zu verschleiern.
        Und um das klar zu stellen, falls das nicht klar geworden sein sollte: Dass das Regime der DDR gestürzt wurde ist für mich eine absolut positive Sache. Von allem was ich weiß war es wohl nicht wirklich das Ziel derjenigen, die das Regime praktisch gestürzt haben, einfach von der BRD einverleibt zu werden. Ich bin auch skeptisch was den Anteil derer Betrifft, die sich mit Einparteienherrschaft und Stasi durchaus hätten arrangieren können, solange sie Nivea-Creme und Levis Jeans bekommen hätten (Ich würde das auch vielen im Westen unterstellen). Nichts desto trotz war der Sturz dieses Regimes notwendig, sinnvoll und tatsächlich auch ein bisschen bewundernswert.

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