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Frei.Wild beim Echo: Jennifer Rostock rufen zu Boykott auf

Ich bin etwas erstaunt, dass nach dem Riesentheater um die Echo-Nomminierung von Frei.Wild im letzten Jahr, es in diesem so scheint, als wäre das für alle Beteiligten irgendwie okay und man irgendwie auch hofft, dass die Leute sich daran gewöhnen würden, was sie sicher ja auch tun. Drohten Bands wie MIA und Kraftklub im letzten Jahr noch damit, dieser Veranstaltung nicht beizuwohnen, sollten Frei.Wild tatsächlich eingeladen werden, geschieht in diesem Jahr genau gar nichts in diese Richtung. Für alle Nominierten scheint es klar zu gehen zu gehen, sich die Liste der Auszuzeichnenden mit den Patrioten-Rockern aus Südtirol zu teilen. Frei.Wild wurde im letzten Jahr dann wieder ausgeladen.

In diesem Jahr nun „hatten die Veranstalter einen Beirat gegründet. Das unabhängig besetzte Gremium soll künftig in Zweifelsfällen bei der Nominierung beziehungsweise Auszeichnung von Künstlern eingeschaltet werden.

In seiner ersten Entscheidung war der Beirat im Februar zu dem Schluss gekommen, das aktuelle Frei.Wild-Album „Still“ solle nicht von einer Nominierung ausgeschlossen werden, da „hier insgesamt die Grenze vom künstlerisch Vertretbaren zum gesellschaftlich völlig Unvertretbarem nicht überschritten sei“. (SZ) Damit hat man sich auch recht einfach aus der Verantwortung zu nehmen versucht. Nun sollte alles ruhig und gesittet ablaufen, Frei.Wild darf kommen.

Einigen allerdings ist das nicht ganz recht und so ruft Christoph Deckert, Basser von Jennifer Rostock, auf Facebook zu einem Boykott der Veranstaltung auf:

Vorsicht: Lang! Und: kein Hoeneß! Aber: Echo! Und: Frei.wild! Da steht ihr doch auch ein bisserl drauf!

Verehrte Musikanten und Musikantenwirtschaftende.

Was ist 2014 los mit euch?

Der Echo steht auf der Türschwelle und nahezu NIEMAND hat sich bis dato zu der Thematik geäußert, die noch letztes Jahr für einen Riesen#aufschrei sorgte. Weder Künstler noch Industrielle. Ja, es geht natürlich um die Nominierung unserer allseits beliebten blut- und bodenneutralen tiroler Partisanenkapelle.

Es ist mir bewusst, dass der Echo stumpfen und damit quasi wertneutralen Regularien gehorcht. Du verkaufst, du bist nominiert. Dementsprechend gewinnt im Normalfall die konsenstauglichste Belanglosigkeit. Wobei ich es generell für schlechtweg dumm halte, Verkaufszahlen als Maßstab zur qualitativen Bewertung von Musik heranzuziehen. Diese Praxis sollte dringend überdacht werden, damit „Deutschlands wichtigster Musikpreis“ tatsächlich irgendwann mal so etwas künstlerische Authentizität erlangen kann. Vielleicht könnte 2015 ein weiterer hochproduktiver Rat zu dieser Thematik tagen. Höhö. Ich schweife ab, zurück zum Thema: denn wie schon letztes Jahr gibt es auch 2014 eine Abweichung von Normalfall, nämlich Frei.wild. Das Argument, die Band käme aus Norditalien und sie in einer „nationalen“ Kategorie untergebracht zählt leider nicht, diverse Mitglieder sind wohl mittlerweile in Deutschland gemeldet. Also bleibt einem als logische Konsequenz nur der aus dem letzten Jahr antrainierte Usus: Man geht einfach nicht hin!

Wir, Jennifer Rostock, halten es für ausgeschlossen, einer Veranstaltung beizuwohnen, in der eine Band nominiert ist, die im letzten Jahr aus gutem Grunde ausgeschlossen wurde. Und zusätzlich den Preis verhöhnte, indem sie ihre -berechtigte- Absage zur Eigen-PR ausnutzte und es sich daraufhin in der ihr allseits beliebten Opfernische bequem machte. Es ist uns nicht nachvollziehbar, wie nach dem allgemeinen Aufruhr, der letztes Jahr im Zuge der Nominierung von Frei.wild herrschte, eine erneute Ernennung überhaupt in Betracht gezogen werden konnte.

Ist es euch das wert, euch stundenlang von einer schmierigen Laudatio zur nächsten zu quälen in der Hoffnung, dass euch die Kamera kurz beim Applaudieren einfängt? Das bisschen Aufmerksamkeit? Oder sind es Freigetränke? Oder weil eure „Freunde“ auch alle hingehen? Zeigt doch lieber Haltung! Nehmt der Veranstaltung ihre Relevanz! GEHT NICHT HIN!

Wir jedenfalls möchten in keiner medialen Berichterstattung rund um die Preisverleihung „auf Augenhöhe“ mit dieser Band erscheinen, nicht in die selben Kameras grinsen müssen und neutrale Miene zum bösen Spiel machen. Jeder andere Musiker sollte sich das ebenfalls ganz dringend durch den Kopf gehen lassen. Wir tolerieren nicht, dass diese Form von reaktionärer Nationaltümelei als ganz selbstverständlich in der Mitte der Gesellschaft akzeptiert wird.

Schade um den Freifusel auf der Party, aber ich wünsche allen anderen Beteiligten viel Spaß, ein dickes Fell oder einen Eingebung der Vernunft.

Shalömchen,

Christough // Jennifer Rostock

Gut, dass es manche ganz so still und leise dann doch nicht hinnehmen möchten. Ja.

10 Kommentare

  1. da/Y\ax18. März 2014 at 10:24

    Ich finde das alles immer noch ziemlich albern. Den ECHO bekommen Bänds nicht für ihre politische Einstellung sondern für die Anzahl verkaufter Platten. Und da es offenbar genug Leute gibt, die frei.wild-Platten kaufen, ist es nur logisch, dass die dafür einen ECHO bekommen.

    Deal with it,

    Es steht natürlich jeder Band frei, den Preis nicht entgegenzunehmen oder der Veranstaltung gleich ganz fern zu bleiben. Aber frei.wild sind nicht daran schuld, dass es genügend Leute gibt, die ihre Musik gut finden und kaufen. DAS Problem liegt viel tiefer begraben und ist mit einem ECHO-Boykott auch nicht zu lösen.

    Da wäre Bildung und Aufklärung viel wichtiger.

  2. da/Y\ax18. März 2014 at 10:26

    PS: natürlich machen Jennifer Rostock genau das Richtige. Aus den richtigen Gründen. Keine Frage.

  3. Tom18. März 2014 at 10:46

    Und nun beginnt es von vorn. Jeder regt sich über FW auf – Naziband, nur braunes Gesocks, wäääh – und es wird diskutiert über Werte die sie vermitteln und irgendwelche schlimmen Inhalte die angeblich in den Texten vorkommen.
    Es wird wiedermal alles nachgeplappert was die Medien so los treten und bieten FW somit eine Plattform. Auch Kritik ist Werbung und schon der Boykott von Mia oder Kraftklub im letzten Jahr hatte FW bestimmt nicht ärmer gemacht. Im Gegenteil!
    Ganz ehrlich, meinetwegen können Bands den Echo (wiedermal) boykottieren und schlecht machen weil FW dabei ist. Ist ja ihr gutes Recht. Aber warum wurde die Band letztes Jahr rausgeschmissen? Der Echo bedient sich doch lediglich Verkaufszahlen und wenn in Deutschland nunmal das Album vom FW mehr kauft als von Mia oder sonst wem, dann wird das wahrscheinlich seinen Grund haben. Da gewinnt dann eine Band, die lediglich erster geworden ist, weil FW rausgeworfen wurden ist. Ja, das nenn ich ja mal Leistung.
    Ich muss zugeben, ich habe mir schon letztes Jahr die Mühe gemacht und mir paar Alben von FW ausgeliehen. Einfach nur um zu verstehen, warum gegen FW gewettert wird. Zu dem Zeitpunkt wusste ich gar nichts von der Band, also weder dass einer mal Nazi war oder ist noch sonst was. Lediglich dass ein „rechte“ Band extrem erfolgreich sein soll. Bin also völlig neutral an die Sache ran und habe die Lieder gehört. Ehrlich gesagt hab ich die Aufregung nicht so richtig verstanden. Gut, die Texte sind in der Wortwahl hart und direkt. Aber dafür ist es eben eine „Rockband“, aber als rechtsrock konnte ich persönlich nicht einstufen. Zumal man den Sänger oftmals gar nicht richtig versteht. Also wenn es Lieder geben sollte, die extrem kontrovers sein sollen, dann könnt ihr mich gerne berichtigen. ;) (Aber dann bitte mit genauen Zitaten)
    Naja, nun ist 2014 und diesmal ist das Spiel das gleiche, nur die Gegenspieler sind andere.

  4. Martin18. März 2014 at 18:06

    nun höre ich ka kein freiwild, deshalb wärs ganz nett, wenn jemand mal ein eines dieser „rechtsradikalen“ äußerungen zitieren könnte.

  5. cado18. März 2014 at 19:49

    ick bin ja für:
    frei.wild weiterhin scheiße finden. echo weiterhin scheiße finden weil irrelevant.
    also ziemlich egal, ob die da auftreten. letztlich also auch egal, ob JR hingehen oder nich.
    komplettes ding ignorieren, aber die relevanz von FW nich unterschätzen und drüber nachdenken, warum so viele leute die platte kaufen.

    pascow gehen auf ihrem neuen album sehr schön mit dem thema im lied „lettre noir“ um. auszug:
    Doch irgendwas ist schiefgegangen,
    in den zweieinhalb Minuten bis hierhin.
    Sprich leise, Alex, leise!
    Über Blödsinn aus Tirol
    werd’ ich nie mehr singen.

  6. Herr Bert18. März 2014 at 22:32

    *gähn….

  7. UnSoundaesthete18. März 2014 at 22:51

    Ich weiß, dass es eigentlich nichts zur Sache tut, aber Frei.wild finde ich allein musikalisch schon so mies, da brauche ich mir nichtmal über möglicherweise bedenkliche Texte Gedanken machen, um die Band abzulehnen.
    Ja, mit der Ansicht über diesen sog. „Preis“ stimme ich überein, aber… naja, wenn eine austauschbar-anbiedernde Kapelle wie „Jennifer Rostock ohne erkennbare Ironie über „konsenstaugliche Belanglosigkeit“ sprechen, dann finde ich das – gelinde gesagt – witzig. Die Echo-Verleihung ist halt nicht ernst zu nehmen, aber vor disem FW-Vorfall immerhin konsequent. Letztendlich weiß ich nicht, worüber sich der Bassist eigentlich beschwert: Darüber, dass die verkaufsorientierte Logik das Politische nicht miteinbezieht? Aber das ist doch so offensichtlich wie logisch. Und da kann ich da/Y\ax nur Recht geben. Der Echo funktioniert eben anders, ob man das nun sinnvoll findet oder nicht…

  8. Blah20. März 2014 at 01:43

    Tom,

    Und nun beginnt es von vorn… B-) Und nun beginnt es von vorn… B-) Und nun beginnt es von vorn… B-)

  9. marc25. März 2014 at 18:17

    @IronicMaiden

    Danke für den Link! Wer das liest und danach bei FW nichts nazistisches sehen will, der will das nicht sehen.

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