Nachdem die Mauer fiel, kamen sie und kauften preiswert Land in einem Land, das sich gerade für eine Veränderung von allem entschieden hatte. Vornehmlich kamen sie aus Berlin, wollten etwas Ruhe im Grünen, kurze Wege zur Arbeit, der sie nach wie vor in Berlin nachgingen. Weil es dort welche gab, auch weil sie dort besser bezahlt wurde. Früher gingen sie in den Reformhäusern in Kreuzberg oder Neukölln einkaufen, weil das zu ihrem Lebenstil gehörte. Weil es sich eben gerade überhaupt so gehörte, weil das alle um sie herum machten, und weil das eines der wenigen Dinge war, die sie sich nach ihrer „Wir-wollen-die-Welt-verändern“-Phase bewahrt hatten. Dass, und der Umstand, sein Kreuz regelmäßig bei den Grünen zu machen reichte irgendwann aus. Heute fahren sie mit ihren Mini-Vans ein mal die Woche in die Bio Company und machen den Wochenendeinkauf. Ist ja aus dem Berliner Umland ja auch etwas weit nach Neukölln und hier gibt es ja auch alles auf einmal. Ist ja viel praktischer. Gewählt werden immer noch die Grünen. Man ist ja schließlich noch irgendwie so was wie linksalternativ. Nicht zu viel, dann müsste man ja konsequenterweise die Linke wählen und das geht so ja auch nicht. Konservativ wählen kommt gar nicht in die Tüte, das verbietet die eigene Geschichte. Klar.
Es lebt sich recht ruhig im grünen Umland. Man hat keinen urbanen Stress, der Weg zu Arbeit ist erträglich – auch mit der Bahn. Und die Bioläden? Ja, die kommen schon nachgerückt, die Ketten vor allem, die ganz nebenbei die Einzelhändler, die schon lange in Bio machten, verdrängen. Aber die braucht hier ja keiner.
Zwei – drei Mal im Jahr geht es dann in den Urlaub. Gerne mit dem Flieger, der Harz oder die Ostsee sind ja eher was Konservatives und das geht so ja nicht. Asien ist immer toll, zumindest aber Südeuropa. Der Flugplatz ist ja in der Nähe, in einer Stunde bist du mit dem Auto da. Nun wird er vergrößert. Das ist toll. Das ist so lange toll, wie die Flugrouten über alle anderen Städte und Gemeinden führen, nur nicht über die hier. So weint das gesamte Berliner Umland momentan im Chor. Alle wollen fliegen, aber bitte nicht hier lang. Oder zumindest nicht hier lang, wenn ich nicht in dem Flieger sitze. Da bilden sich flächendeckend Bürgerinitiativen und das erinnert irgendwie ja auch an die „alten Zeiten“ in der Berliner WG – politisch war man schließlich ja schon immer. „Sowas _kann_ man sich doch nicht Gefallen lassen. Die Preise für die Grundstücke werden im Keller verschwinden! Das wollen wir nicht.“
Aber damit nicht genug. Da hinten sollen jetzt Windkrafträder gebaut werden. „Die wollen wir nicht! Ja, Ökostrom gerne, wir gehen ja nicht umsonst in die Bio Company, aber warum hier bei uns? Nein!“ Da vorne muss die Raststätte ausgebaut werden. Der auch von ihnen mit erhöhte Verkehrsfluss verlangt danach. „Das wollen wir nicht! Klar, mit dem Auto nach Berlin, an der Tanke schnell noch was holen. Aber das war es schon. Warum hier bei uns? Kann man das nicht eine Gemeinde weiter machen? Bei denen da?“ Mittendrin soll Flüsterasphalt verlegt werden. „Wollen wir nicht. Also eigentlich schon, weil ist ja leiser und gegen den Lärm sind wir ja, wie die eigens gegründete Initiative gegen den Fluglärm beweist. Aber wir hätten gerne den anderen und wenn überhaupt dann den auch flächendeckend und überall, sonst wird das hier nichts.“
So trägt es sich momentan im Umland des Berliner Südens zu. Da, wo sich vor 22 Jahren jede Menge Menschen dazu entschlossen haben, ihre Welt zu verändern und damit unfassbar viele, auch persönlich verheerende Konsequenten in Kauf zu nehmen bereit waren. Viele von denen wohnen dort schon lange nicht mehr. Man möchte sich in der Erinnerung daran für die neuen Bürger schämen.