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Chemnitz hat angerufen – es will die 90er zurück

Vorneweg eine positive Nachricht:

Dann zu den schlechten: Mich überrascht das alles wenig. Wir hatten das alles schon mal. Die 90er sind so lange nicht her. Eine Zeit, in der Neonazis durch Städte marodierten und Angst verbreiteten. Die Polizei schützte damals davor nicht. Zumindest dort, wo ich herkomme, schützte sie keinen vor den Nazis, die damals „ihre Zeit“ gekommen sahen. Meistens sahen sie weg, ebenso wie die Politik, die irgendwie wie gelähmt, so gar nicht auf die neuen Nazis reagieren wollte.

Dann gab es Jahre der Tabuisierung, die manchen vielleicht das Gefühl gab, dass sich irgendwas zum Besseren gewendet hätte. Das war ein Trugschluss, der sich jetzt vermeintlich wie ein Knallbonbon in marodierenden Horden aufreißt, von dem viele über die Zeit nichts mitbekommen haben wollen.

Das Problem: das alles war nie weg, es war nur ruhiger, „gesitteter“, aber dennoch, wenn auch leise, alltäglich. Die betrunkenen Gespräche in den Kneipen oder auf den Familienfeiern auf dem Land. Der ganz normale Einkauf im Supermarkt, die Unterhaltungen in der Bahn. Dort fand sich auch nach den 90ern all das wieder. Dieser Hass, diese Nichtfähigkeit der Empathie, der völlig überzogene Stolz auf eine Nation, für den die meisten, die ihn hegen, rein gar nichts getan haben.

Jetzt haben wir den Scheiß wieder auf der Straße. In Karl Marx Stadt Chemnitz. Unter dem Antlitz von Karl Marx, ausgerechnet, sammeln sich deutsche Neonazis, skandieren was von „Volk“, „Frei, sozial und national“, „Ausländer raus“ und was weiß ich nicht noch für hanebüchenen Bullshit. Sie heben den rechten Arm, die Polizei, die völlig unterbesetzt scheint, sieht zu, lässt sie machen, lässt sie, wie gestern, Menschen durch die Innenstadt jagen. Wenn ich mir die letzten beiden Tage unter #C2608 und #C2708 ansehe, habe ich Saures im Hals, das nicht vom Essig im Essen von vorhin kommt, sondern von weiter tiefer unten, weil es den Hals wieder nach oben zu kriechen versucht. Zu Recht auch.

In Chemnitz zeigt sich die deutsche Fratze so ungeschminkt wie zuletzt in den 90er Jahren. Auch weil viele in den letzten Jahren immer mit denen „reden“ wollten. Und jetzt haben wir den Salat, den mit den braunen Blättern, die nicht wieder grün werden. Zum Kotzen.

Fotos aus der Arschloch-Parade und die Stunden später folgende Reaktion der Polizei Sachsen, die wieder einmal mehr nicht sonderlich glänzen konnte. Im Gegenteil. Ein mittlerweile nur zu gewohntes Trauerspiel. Vom sächsischen Ministerpräsidenten ganz zu schweigen. Für den wäre „Trauerspiel“ in all diesem Kontext sogar fast noch ein Kompliment.

Und es wird so schnell nicht besser. Alles andere würde mich überraschen. Leider.

15 Kommentare

  1. der Benni28. August 2018 at 06:15

    Sachsen ist wie das Internet. Nur in echt.

  2. Lenin28. August 2018 at 10:36

    Sachsen ist wie Sachsen. Lass das Internet da raus.. ;-)

  3. Magnus28. August 2018 at 18:52

    Ich kenne Polizisten. Die sind braun. Kann mir nicht vorstellen, daß das in Sachsen anders ist. Viel Gegenwind hatten die Nazis durch die Polizei offensichtlich nicht.

  4. Alreech28. August 2018 at 20:03

    Zum Glück hat es in Chemnitz noch keine Toten und Verletzten gegeben.
    Jedenfalls sind das die Folgen der neoliberalen Wende 1988-89, als Chemnitz noch Karl Marx Stadt hies hätten die Vopos solche rechten Aufmärsche gnadenlos niedergeknüppelt.
    Das zeigt mal wieder das die DDR bei all ihren Fehlern im Kern doch ein antifaschistischer Staat war.

    • der Benni28. August 2018 at 20:33

      Jo, allerdings haben die Vopos auch alles niedergeknüppelt was sonstwie auch nur 1% von der Parteilinie abwich. Und dann nach Bautzen verfrachtet. Von wegen antifaschistisch…

      • Alreech31. August 2018 at 01:55

        weichst Du gerade von der Parteilinie ab ?

        • der Benni31. August 2018 at 07:38

          Wieso, juckt dir der Knüppel?

  5. sld28. August 2018 at 20:33

    „Die Polizei schützte damals davor nicht. Zumindest dort, wo ich herkomme, schützte sie keinen vor den Nazis, die damals „ihre Zeit“ gekommen sahen. Meistens sahen sie weg, ebenso wie die Politik, die irgendwie wie gelähmt, so gar nicht auf die neuen Nazis reagieren wollte.“

    weiß nicht, wann genau das war. Aber zu Beginn der 90er (also direkt nach der Wende) sahen die Cops doch generell weg. Wie so viele Autoritäten, da diese gar nicht wussten, wieviel Handlungsspielraum sie hatten, da man von einem System ins nächste gekickt wurde.
    Zumal der Westen ja generell als „faschistisch“ galt. Nehme an, vor dem Hintergrund sahen sich einige Polizisten/Ideologen ohnehin bestätigt.

    „Auch weil viele in den letzten Jahren immer mit denen „reden“ wollten.“
    Das halte ich für ganz gefährlich. Genau dieser Standpunkt oder vielmehr dieser Generalverdacht turnte mich von einigen Linken nur noch ab.
    Niemand mit halbwegs fester Konsistenz in der Rübe, will mit (solchen) Nazis reden.

    In der Debatte ging es immer um Mitte-rechts bis rechts-außen Positionen, denen man in einer öffentlichen Debatte entgegnen wollte. Vor allem auch für Menschen, die solche Debatten lediglich verfolgten war das wichtig.
    Leider setzte sich die „Mitte-rechts = Fascho“-Position so schnell fest, dass man der Meinung war, man müsse einfach nur auf alles feste draufkloppen, dann wird das schon. Damit liefert man nur noch mehr Vorlagen für Opferrollen und zeigt leider auch Ohnmachtszustände an.

    • sld28. August 2018 at 20:35

      warum löscht denn der die ganzen Absätze hier? Das liest doch kein Schwein :P

  6. Martin Däniken28. August 2018 at 23:22

    Man darf jetzt nicht den ökomomischen Backlash vergessen…
    „Investoren werden Sachsen wegen der freundlichen Atmosphäre lieben“!
    Und dann sie auch wieder die Ausländer,die Kanzlerin und Reptiloiden veranwortlich machen weil es keine Arbeitsplätze gibt…
    und auf die Strasse gehen weil irgendwas ihnen quergeht,
    das hassenswert ist und NPD/pegida/AfD frolockend den spontanen Mob wiedermal organisieren lässt.
    Ma schaun ob die Cops dann wieder zufällig in Unterzahl sind?!

  7. schwarzer punk28. August 2018 at 23:34

    tja kraak, g20 war ok. mordende asylforderer sind auch ok. nur leute die gut und gerne hier leben wollen und gelebt haben sind nicht ok?
    deine biografie die du hier seit jahren ausbreitest lässt mich vermuten, dass du einen gewaltigen schaden davongetragen hast. traurig, ich bemitleide dich.

    • Ronny29. August 2018 at 09:22

      Wenn du diese menschenverachtenden Arschlöcher auf „Leute die hier gut und gerne leben wollen“ runterreduzierst, solltest du dein Mitleid für dich selber sparen. Denn offenbar ist dein Schaden deutlich größer als meiner – und da brauche ich deine Biografie nicht mal kennen. 🤷‍♀️

      • der Benni29. August 2018 at 18:44

        Word!!!

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