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Schlagwort: The Wall

Flug entlang der Berliner Mauer, wenn sie heute noch stehen würde

Interessante Idee der Berliner Zeitung, mal mit Google Earth den alten Verlauf der innerstädtischen Berliner Mauer in das heutige Berlin zu pflanzen. Rein hypothetischer Natur natürlich, denn alles wäre heute ganz dolle anders, wenn die Mauer noch genau dort stehen würde. Die Satellitenaufnahmen und 3D-Modelle zeigen Berlin im Jahr 2009.

An vielen Stellen sieht es so aus, als hätte es die Teilung der Hauptstadt nicht gegeben. Nur noch ein Streifen von Pflastersteinen markiert den Verlauf der ehemaligen Vorderlandmauer, die Westberlin vom Staatsgebiet der DDR trennte.

Doch wie würde es aus der Vogelperspektive aussehen, wenn sie Berlin abermals in Ost und West trennen würde? Mit Hilfe von Google Earth haben wir den innerstädtischen Verlauf der Mauer nachempfunden – und zwar im Berlin der heutigen Zeit.


(Direktlink, via Barbara)

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Über die 500.000 Westdeutschen die damals in die DDR ausgewandert sind

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Ich wusste, dass es Westler gab, die in den Jahren 1949 bis 1989 in den Osten „rübergemacht“ sind. Ich dachte, das beschränkte sich auf ein paar 100 Menschen, die Leute der RAF eingeschlossen. Offenbar aber gab es davon doch mehr: um die 500.000 – und wohl die wenigsten gingen aus politischen Gründen. So zeigt es aktuell in Berlin die Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde in ihrer Ausstellung „Wechselseitig„. Deutschlandradio Kultur hat dazu einen hörenswerten Beitrag mit den damals Gegangenen.

„Wer die DDR verlassen, also „Republikflucht“ begehen wollte, musste sich in Lebensgefahr begeben. Es gab aber auch genügend Menschen, die in die DDR einwandern wollten – insgesamt etwa 500.000 Menschen aus dem westlichen Teil Deutschlands. Die Ausstellung „Wechselseitig“ in Berlin zeigt: Die Wenigsten gingen aus politischer Überzeugung.

„Geh‘ doch rüber!“ Das war oft die Antwort am Stammtisch oder bei Diskussionen im Familien- oder Freundeskreis, wenn es um Kritik am politischen System in Westdeutschland ging. Dieser Spruch verdeutlicht, wie absurd es in den Augen vieler Zeitgenossen war, auf der Suche nach dem besseren Deutschland auch die DDR ins Blickfeld zu nehmen.“

[audio:http://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2016/11/23/rueck_und_zuwanderung_in_die_ddr_zeitzeugen_berichten_drk_20161123_1331_022bf643.mp3]
(Direkt-MP3)

Über das Zentrale Aufnahmeheim Röntgental:

Die geheime Einrichtung wurde im April 1979 vom Ministerium des Inneren eröffnet und blieb als letztes von mehreren Aufnahmeheimen bis zum Frühjahr 1990 in Betrieb. Sie konnte bis zu 117 Personen aufnehmen.

Anfang der 1980er Jahre verfügte die Einrichtung über insgesamt 112 Mitarbeiter, die aus der Hauptabteilung Kriminalpolizei (Arbeitsgruppe der Volkspolizei, 51 Mitarbeiter), dem Bereich Innere Angelegenheiten (32 Mitarbeiter) und den Betriebsschutzkommandos der Volkspolizeiinspektion Pankow (29 Mitarbeiter) stammten. Hinzu kamen 19 hauptamtliche Mitarbeiter der Staatssicherheit. Im Zeitraum von 1981 bis 1985 wurden in der Einrichtung 1100 Personen überprüft, etwas mehr als die Hälfte der Personen wurde zurückgewiesen. Die Neubürger wurden nach ihrer Ansiedlung in der DDR weiterhin durch Staatssicherheit und Volkspolizei kontrolliert.

Während ihres Aufenthalts in der Einrichtung durfte das eingezäunte Gelände nicht verlassen werden. Es fanden routinemäßig mehrfache Vernehmungen durch Staatssicherheit und Volkspolizei statt. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Einrichtung durch Berichte von Rückkehrern, die aussagten, dass ihr Aufenthalt mit haftähnlichen Umständen und einschüchternden Verhören verbunden gewesen sei. Während ihres Aufenthaltes seien sie über das zukünftige Schicksal ihrer Person und ihrer Familie im Unklaren gelassen worden und zermürbt worden. Einige Personen hätten sich unter diesen Umständen das Leben genommen.

Zu den Zeitzeugen zählt der spätere Innen- und Sozialminister des Landes Brandenburg Alwin Ziel. Formal durchliefen auch einige RAF-Mitglieder, die in der DDR aufgenommen wurden, diese Einrichtung.
(Wikipedia)

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Doku-Reihe: Leben im geteilten Deutschland

Diese vierteilige Doku-Reihe lief im letzten Jahr bei ZDFinfo und taucht ein in die Lebenswelten von Ost- und Westdeutschen während sie durch die Mauer voneinander getrennt waren. Ich habe mir vorhin den hier 4. Teil „Schwarzer Kanal oder BILD“ angesehen, der sich auch mit der Jugendkultur Punk sowohl in Ost als auch in West auseinandersetzt. Sehenswert.

Irgendwer hat die Doku auf YouTube geladen, es gibt sie aber auch in der Mediathek.

In der Doku-Reihe werden Alltagserfahrungen und Alltagsprobleme gegenübergestellt und gezeigt, wie sich die Lebensentwürfe und -ziele im Osten und Westen unterschieden.

Im Blick aber auch, wie gewisse Vorstellungen und Eigenheiten sogar 40 Jahre deutsche Teilung mehr oder weniger schadlos überstanden.

Trabbi gegen Käfer, Grilletta gegen Hamburger: Wie lebte es sich wirklich – hüben und drüben im geteilten Deutschland? Wuchs 1989 zusammen, was zusammen gehört?
Oder passten die beiden deutschen Staaten längst nicht mehr zusammen?

Erziehung, Wirtschaft, Lebensstandard und sogar Promillegrenze: Nach Jahrzehnten der Entfremdung war bei den Nachbarn scheinbar alles anders. Der Blick auf das jeweils „andere“ Deutschland ist bis heute verstellt von Klischees
und Vorurteilen.

In der zweiten Folge der vierteiligen Doku-Reihe „Unser Leben im geteilten Deutschland“ macht sich ZDFinfo auf Spurensuche zwischen Ballermann und Balaton.

Ab Mitte der 50er Jahre zog es die Westdeutschen an die Nordsee und die Berge. Käfer und Isetta machten es möglich. Mit Einführung des gesetzlichen Mindesturlaubs ging die Reiselust dann richtig los, zumal die D-Mark überall willkommen war. Traumziel war Italien. Wer es sich leisten konnte, ließ das Auto stehen und düste mit dem Flieger auch mal nach Mallorca. Freie Wahl des Urlaubsziels – das gab es in der DDR nur innerhalb des Landes. Oft ging es auch in die „sozialistischen Bruderstaaten“. Der Westen war tabu – offiziell auch in Sachen Lebensstil und Mode. Wer im Osten cool sein wollte, musste sich mit Nähmaschine und Schnittmustern behelfen. Mit dem Verbot von „hektischen Modewechsel“ wollte der Staat Ruhe auf dem Modemarkt verordnen – doch die privaten Nähmaschinen ratterten weiter.

Teil 1: Trabbi oder Käfer (Mediatheklink)

(Direktlink)

Teil 2: Ballermann oder Balaton (Mediatheklink)

(Direktlink)

Teil 3: Plattenbau oder Reihenhaus (Mediatheklink)

(Direktlink)

Teil 4: Schwarzer Kanal oder BILD (Mediatheklink)

(Direktlink)

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18. März 1990: Volkskammerwahl

Wäre mir heute fast weggebrochen. Am Ende haben sich rückblickend viel zu viele Menschen für ihr Kreuz an einer Stelle entschieden, die ich schon damals für die nicht richtige hielt. Aber mich hat ja keiner gefragt und wählen durfte ich auch noch nicht.

Die Volkskammerwahl 1990 war die letzte Wahl zur Volkskammer der DDR und die einzige, die demokratischen Grundsätzen entsprach. Sie fand am 18. März 1990 statt. Ursprünglich war die Wahl für den 6. Mai 1990 vorgesehen, aber aufgrund der sich überschlagenden Ereignisse und der Notwendigkeit zur Herstellung einer handlungsfähigen und legitimierten Regierung wurde die Volkskammerwahl anderthalb Monate vorverlegt.

Die Wahlbeteiligung lag bei 93,4%. Sieger war das Wahlbündnis Allianz für Deutschland, bestehend aus der ehemaligen Blockpartei CDU mit dem Spitzenkandidaten Lothar de Maizière, der neu gegründeten und der bayrischen CSU nahestehenden Deutschen Sozialen Union (DSU) und dem Demokratischen Aufbruch (DA). Spitzenkandidat der DSU war Hans-Wilhelm Ebeling, der Spitzenkandidat des DA war Wolfgang Schnur, dem drei Tage vor der Wahl seine Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministerium für Staatssicherheit (MfS) nachgewiesen worden war.
(Wikipedia)

Berlin, Volkskammerwahl, Stimmzettel  Wahlkreis I


(Foto: Bundesarchiv, CC BY-SA 3.0)

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Die Reste der DDR zu ersteigern

Auctionata verscheuert gerade für richtig viel Geld das Bisschen von dem, was von der DDR bis heute noch übrig blieb. Sitzmöbel, Schrankwände, Geschirr, Werbetafeln, Fotos und Gemälde. All das, was unsere Eltern damals vor die Tür stellten, um es endlich hinter sich lassen zu können: Kunst & Kult der DDR.

Vielleicht hätten wir intervenieren sollen. Vielleicht intervenieren müssen. Vielleicht auch nur deshalb, um die Preise unten zu halten. Vielleicht auch nur deshalb, um Vergniaud heute nicht Recht geben zu müssen. Die Revolution frisst ihre Kinder. Die, der späten DDR, hängt gerade noch so im Enddarm fest. Aber für ein paar Euro löst sie sich dann dort auch. So traurig wie nachvollziehbar. Irgendwie.

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Heute vor 25 Jahren – Erinnerungen an eine Flucht

Heute vor 25 Jahren ist Jens aus dem Osten in die BRD geflüchtet. Zwei Tage später fiel die Mauer.

Jens dürfte einer derer sein, die hier zu den längsten Lesern gehören. Im Netz kennen wir uns schon eine halbe Ewigkeit, tatsächlich getroffen haben wir uns nie. Ich weiß schon länger, dass Jens im Herbst 89 „rüber gemacht“ ist. Ich fragte ihn letztens, ob er dazu nicht mal etwas aufschreiben mag. Das tat er. Hier seine ganz persönlichen Erinnerung an das Jahr 1989.

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(Symbolfoto unter CC BY-SA 2.0 von Sludge G)

Der Huddel begann so Mitte der 80er. Da wurde mir immer klarer, dass das so nicht weiter gehen kann. Zumindest nicht mehr all zu lange.

Dann nahm mich mein Kumpel mit nach Halle – in die dortige Punkszene. Das war für mich der Wendepunkt. Ab wollte ich revoluzzen. Ich hatte keinen Bock mehr auf das System und klinkte mich zusehends aus. Die damalige Szene in der DDR war sehr agil und aktiv, sodass wir echt viel Spaß hatten. Das meiste fand illegal in Kirchen statt, aber das wissen die meisten von euch ja eh…

Dann kam 89… das alles verändernde Jahr. So im April rum bekam mein damals bester Kumpel sein „Go“ für seinen Ausreiseantrag und war ziemlich schnell weg. War nicht so einfach für mich. Aber es war eh eine sehr veränderliche Zeit. Ein heißer Sommer. Meine Schwester…zack über Ungarn weg. Das war im August. Ohne mir Bescheid zu sagen. Ich bekam einfach irgendwann einen Anruf von ihr ausm Westen. Das war krass.

Zu der Zeit hatte ich den Gedanken, einen Ausreiseantrag zu stellen, schon verworfen, da es bereits zu spät war. Hier musste gehandelt werden. Dann die Sache mit der Prager Botschaft. Das gab uns den Rest. So kam es, dass wir uns auf einer Party bei mir dazu entschlossen, auch „rüber zu machen“.

Gesagt, getan. An einem trüben Montagmorgen im November hob ich alles Geld vom Konto ab und legte es meiner Mutter, die zu der Zeit in Kur war, samt eines Abschiedsbriefes auf den Küchentisch. Packte ein paar Sachen, brachte Ratte Wilma zu einer Bekannten, damit sie versorgt ist, und dann ging es auch schon ab zum Bahnhof. Unterwegs trafen wir noch den Vater eines meiner Freunde. Tränenreicher Abschied. Vergess ich nie! Dann Tickets nach Prag gekauft und ab in den Zug. Wir waren zu siebt. Meine Freundin, fünf Kumpels und ich. Wir vereinbarten, getrennt zu fahren, damit wir an der Grenze nicht auffallen. Bei Fragen wollten wir sagen, wir fahren in die Hohe Tatra, Skiurlaub machen. Über die tschechische Grenze war dann allerdings kein Problem und so kamen wir alsbald in Prag an. Hier hatten wir dann auch direkt den ersten Kontakt mit „dem Westen“. Auf dem Bahnsteig liefen Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes herum und sprachen uns an, ob wir flüchten wollten. (Man hat es uns dann wohl doch angesehen.) Man erklärte uns, dass es einen Sammeltransport in die BRD geben würde, welcher in ein paar Stunden abfahren sollte. Prima, das ging ja mal unproblematisch.

Wir also noch ne Runde in die Stadt, die letzte Ostmark in Kippen und Bier investieren.

Dann die Fahrt Richtung Biberach. Was war das für ein Fest, als der Zug die Grenze überquerte. Unglaublich. Werde ich auch nie vergessen.

Der Empfang in Biberach war echt erstaunlich. Sehr herzlich hat man sich um uns gekümmert. Zum einen von staatlicher Seite und zum Anderen auch durch die Bevölkerung. Untergebracht wurden wir erstmal für 3 Tage in einer Turnhalle. Zu Hunderten. Aber man hat uns sogar einen TV hingestellt, sodass wir das Geschehen in der Noch-DDR verfolgen konnten. Nach diesen 3 Tagen ging’s dann ins nächste Auffanglager. Ich sag euch, das war ein Traum! Und das meine ich so. Denn wir wurden in einem verschneiten Feriendorf im hessischen Wald untergebracht. Finnhütten mit Kamin und allem pi pa po… Jeweils für 6 Personen… da wir aber zu siebt waren, hatten wir ein Problem. Dachten wir zumindest kurz. Denn auch hier hatten die Verantwortlichen kein Problem gesehen und uns flux ein siebtes Bett in unsere Hütte gestellt, sodass wir zusammen bleiben konnten. HAMMER!

Es dauerte auch nicht lang, da hatten wir den ersten Kontakt mit den Anwohnern des angrenzenden Dorfes. Die dort lebende Jugend war schnell unser Freund. Und schon nach 2 Tagen saßen wir mit ner Kiste Bier in deren Häusern und haben Videos geschaut. So ging das dann gediegen 6 Wochen lang weiter. In der Zwischenzeit, und auch hier muss ich ein Lob der deutschen Bürokratie aussprechen (was mir heute eher schwer fällt!), hatten wir unsere neuen deutschen Ausweise und auch das Arbeitslosengeld war genehmigt. Mir wurden meine Arbeitsjahre in der DDR voll anerkannt und ich bekam ne stattliche Summe ALG. Soviel, dass ich mir direkt ein Auto kaufen konnte. Ein altes, gebrauchtes natürlich. Es war, (lacht nicht!), ein Opel Manta. Baujahr 76 mit schwarzem Velourdach, original Lackierung, ungetuned. Herrlich!

Natürlich ist uns nicht entgangen, dass inzwischen die Mauer gefallen war. Das machte uns allerdings nicht nur gute Gefühle. Zum Einen, weil uns klar wurde, dass wir das alles viel bequemer hätten haben können, ohne Flucht und so. Zum Anderen, weil jetzt auch jeder Volldepp rüber machen konnte. Und ja, auch davon hatten wir in der DDR genug. Was wir noch zu spüren bekommen sollten…

Irgendwann waren die 6 Wochen „Urlaub“ dann vorbei. Es ging für gottseidank nur eine Nacht ins Hauptauffanglager nach Gießen. Amok! Das war eine eher verstörende Erfahrung. Zu viele Leute, aller Couleur, auf zu engem Raum. Naja, es war nur eine Nacht. Für uns ging es weiter – in ein leeres Hotel. Ebenfalls in Hessen. (Korbach) Ich bezog ein Zweibettzimmer mit meiner Freundin. Hier sollten wir dann weitere 6 Wochen wohnen und es sollte auch unsere Endstation in Sachen Auffanglager werden.

Weihnachten kam und wir wollten alle zu unseren Familien in den Osten. Klar, die Grenze war ja offen. Allerdings gab es zu der Zeit immer noch den Zwangsumtausch von 25 DM pro eingereisten Tag. Die Aufhebung dessen sollte am 23.12.89 stattfinden. Da wir diesen Umtausch natürlich nicht mehr wollten, (klar, wer braucht schon Ostmark?), standen wir dann zu Hunderten an der „offenen“ Grenze und warteten, bis um 0:00 Uhr diese Regelung weg fiel. Dann fuhr ein riesen Konvoi an Autos ab in die Ex-DDR. In den anliegenden Grenzdörfern standen die Leute zu Hauf an den Straßen, wir konnten teilweise nur Schrittgeschwindigkeit fahren. Dabei trommelte man uns auf die Autodächer zur Begrüßung. Menschen standen mit allerlei Getränken am Straßenrand. Das war alles einfach fast surreal. Eine einzige Party.

Die Ankunft und der Empfang durch meine Mutter war damals erstmal etwas unterkühlt. Sie war wohl nicht so begeistert, dass ich weg bin. Sie brauchte, um sich damit abzufinden, einige Zeit.
Wir hatten den Kofferraum voller Lebensmittel. Quasi ein rollendes Westpaket. Das beschwichtigte ein wenig.

Wir verbrachten den Jahreswechsel dann in der Heimat und fuhren im neuen Jahr wieder zurück in unser Hotel. Dort lebten inzwischen auch sehr komische, fast kriminelle Leute. Es wurde zB. die Kasse, des im Hotel befindlichen Restaurants, geknackt. Ausgerechnet in der Nacht, in der wir wieder dort ankamen. Da ich kein echtes Alibi hatte, wurde ich von den Ermittlern erstmal verdächtigt und musste Fingerabdrücke und Co. abgeben. Kam dann aber irgendwie nix bei raus und ich glaube, das verlief sich im Sande.

Eines Morgens lag dann doch sogar ein Toter bei mir vor der Zimmertür. Die besoffenen Knaller hatten sich anscheinend geprügelt und einen hats erwischt. Da wurde es uns doch alles zu viel und wir nutzten das Angebot, welches sich just offenbarte. Denn ein Cousin eines Freundes lebte in Saarbrücken und in dem Haus, in dem er wohnte, war gerade ne Bude frei. Mein Freund fragte mich und meine Freundin, ob wir nicht mit wollten. WG und so. Erstmal musste ich auf der Karte schauen, wo Saarbrücken eigentlich liegt. Ich wäre gern in Hessen geblieben, aber raus aus dem Hotel war dringender. Also, dachten wir, erstmal nach Saarbrücken, dann schauen wir weiter. So trennten sich dann die Wege der glorreichen Sieben. Der Rest blieb in Hessen und wir verloren uns schnell aus den Augen.
(Übrigens sind, bis auf meine Ex und mich, alle früher oder später wieder zurück in die Heimat. Heute habe ich zu keinem mehr Kontakt.)

Angekommen in SB lebten wir die ersten Wochen mit Schlafsack aufm PVC Boden in leeren Räumen. Alles sehr abenteuerlich, aber, ich möchte diese Zeit nicht missen.

Dass Saarbrücken mal zu meiner neuen Heimat werden würde, hatte ich damals nicht aufm Schirm. Ich ging von einer Episode aus. Nun lebe ich bereits länger hier in Saarbrücken, als ich in der DDR lebte. Saarbrücken ist mein Zuhause.

Alles andere ist Geschichte…

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25 Jahre Mauerfall: Mikis‘ Oktober 1989

Diamant-Bier-DDR-by-jana-farley

Ich hatte hier schon etwas länger über das großartige Tagebuch von Mikis geschrieben, welches er heute aus dem Jahre 1989 ins Netz überträgt. Das hier war sein Oktober und es war ganz sicher nicht der leichteste.

07.10.
Ich werd wach und bin nicht allein. Müller und Schulz sind da. Müller spielt mit seiner Pistole. „Na Wesensbitter, heute schon was vor?“ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. „Ach, schon angezogen unter der Decke, das macht es ja einfacher. Aufstehen und Hände nach vorn!“ Und dann klicken die Handschellen und ich werd in den Stasi-Trabant verfrachtet. Davor darf ich noch pissen gehen.
Ich sitze auf der folienverkleideten Rückbank, einen Sack über dem Kopf und weiß nicht, wo sie mich hinbringen. Zur Stasizentrale kann es nicht sein, dafür fahren wir zu lange.
„Wesensbitter, sie sind echt ein totaler Vollidiot, aber jetzt werden sie mal was lernen. Das werden sie nie vergessen.“
Es knallt in meinem Gesicht und ich spüre wie Blut aus meiner Nase läuft. Das ist also die harte Tour jetzt. Danach ist wieder Ruhe, nur der Trabantmotor röhrt weiter und die Direktübertragung von der Jubel-Parade im Radio ist zu hören. Wir fahren bestimmt schon eine Stunde, mir ist schlecht und ich krieg kaum Luft, als wir anhalten. Ich werde aus dem Auto gezehrt und auf den Boden geworfen.
Ich höre es plätschern und dann wird es nass. Ich brauch nicht lange, um zu realisieren, dass ich gerade angepinkelt werde. „Happy Republikgeburtstag, du Punk-Votze!“ höre ich Müller sagen. „Erschießen wir ihn gleich hier, oder müssen wir ihn ordnungsgemäß entsorgen?“ fragt Schulz.
„Pack ein den Wichser. Wir liefern den ab.“
Hab ich Angst? Ich weiß es nicht. Ich hab mir geschworen, vor denen nicht zu kuschen und wenn das hier die Konsequenz ist, dann muss ich da durch.
Ca. 22.00 Uhr
Ich liege auf Betonboden, ich stinke, aber ich kann meine Hände wieder bewegen. Ich werde aus der Zelle abgeholt, bekomme einen schlabbrigen Dynamo-Trainingsanzug zum anziehen und werde ins Verhörzimmer gebracht. Mir gegenüber sitzt ein klassisches Schweinsgesicht.
„Name?“
„Alfons Zitterbacke.“
„Wolln wa witzich sein? Name!“
„Mikis Wesensbitter“
„Geboren am?
„12.12.1968“
„Geboren wo?“
„Berlin Lichtenberg.“
„Staatszugehörigkeit?
„DDR“
„Wohnhaft wo?“
„Dolziger Straße 45“
„Personenkennzahl?“
„Vergessen!“
„Wat?“
„Vagessen“
„Dit passt hier nich rin. Vagessen ist keene Zahl!“
„Ich kenn die doch nicht auswendig.“
„Jut, ick schreib jetzt 121268455555 rin.“
Ich zucke mit den Schultern. Mir ist egal, was er da reinschreibt.
„Häufig wechselnde Geschlechtsverkehrspartner?“
„Ja“
Er schaut mich an und leckt über seine Lippen.
„Echt?“
„Voll echt!“
„Muschis oder Pimmel?“
„Muschis!“
„Jott sei Dank! Mit die Schwulinskis hab ick Probleme. Durst?“
„Ja“
Er holt eine Flasche Fusel aus seinem Schreibtisch und gießt zwei Gläser voll.
Wir stoßen an.
Mit „Jut weiter!“ beendet er den inoffiziellen Moment.
„Union oder BFC?“
„Union!“
„Wußt ick! Ick och. Man, was haben die nachgelassen. Der Abstieg war doch echt die totale Scheiße. Mehr Durst?“
Ich nicke. Und er giesst den nächsten Schnaps ein.
„Fuss- oder Fingernägel?“
„Was?“
„Wat geeigneter ist, um deinen Willen zu brechen. Das Rausreißen deiner Fußnägel, oder deiner Fingernägel!“
„Pfff, beides Scheiße!“
„Geht so nich, ich muss mich für eins entscheiden.“
„Dann Fingernägel.“
„Würde ich auch sagen. Durst?“
„Sehr!“
Er gießt ein und wir trinken den nächsten Schnaps.
„Weißte, meine Alte betrügt mich, das macht mich total irre. Fickt mit dem Nachbarn Schulz, und das ist auch noch mein Kollege. Wie soll man denn dann bitte ein sozialistisches Kollektiv sein, wenn man so was weiß?“
Tja, was soll ich ihm denn da raten?
„Gieß mal den nächsten ein und dann lass mich raus. Sonst kommt meine Alte auch auf so komische Ideen!“ schlag ich vor.
„Echt? Nee das wünsch ich ja wirklich niemandem!“
Wir stoßen an.
Ich darf den abgetragenen Dynamo-Trainingsanzug behalten, meine eigenen Sachen sind in eine Tüte gestopft. Ich bekomme eine Behelfs-Fahrkarte und werde in einem Kübel-Trabant verfrachtet. Schweinsgesicht drückt mir die Hand und 20 Minuten später stehe ich in Oranienburg auf dem Bahnhof. Es stinkt nach ausgekochten Rinderhoden und laut Fahrplan fährt die nächste Bahn in drei Stunden. Die Mitropa hat zu, ich habe keine Kippen, kein Geld und nichts zu lesen.

Die restlichen Monate aus seinem Tagebuch aus dem Jahr 1989 in Ostberlin.

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