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Under Pressure

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(Sybmolfoto unter CC von Mueritz)

Es war unser letzter gemeinsamer Sommer. Wir hatten alle gerade die 10te Klasse hinter uns, nach den Ferien würde jeder seine ganz eigenen alltäglichen Wege gehen. Die Zeugnisse waren bei fast allen mäßig bis dürftig – für fast alle reichte es da nur für eine Ausbildung auf dem Bau. Aber immer noch besser als nichts und immerhin nicht zum Straßenbau. Das gemeinsame nachmittägliche Rumhängen auf dem Schulhof mit den billigen 0,33er Schultheiß Blasen würde wegfallen und überhaupt würde nach diesem Sommer alles ganz anders werden.

Es war heiß. Viel zu heiß, um fünf, sechs Tage in Zelten an einem kleinen See in Teltow-Fläming zu verbringen. Wir taten es trotzdem. Natürlich. Wir soffen Bacardi mit pisswarmer River-Cola, rauchten mehr als unsere noch jungen und dennoch schon schwarzen Lungen vertragen konnten, spielten Karten und nachts angelten wir. Allerdings eher nur so alibimäßig – man konnte ja nicht nur Saufen, was wir natürlich trotzdem taten. Wenn der Bacardi alle und der schon geschnittene Käse am Tage in der Sonne mal wieder zu einem Klumpen verschmolzen war, liefen wir morgens vier Kilometer, um in dem kleinen Tante Emma Laden im nächsten Kaff Nachschub zu holen. Bacardi. Der Käse war dann nicht mehr wichtig.

Wir hatten einen riesigen Ghettoblaster dabei, den wir – ganz Ostler – „Doppelkassettenrekorder“ nannten. Und mindestens 34,7 Kilo Batterien für das Ding. Tagsüber hassten uns alle badenden Familien dafür, aber wir waren jung und das war unser letzter gemeinsamer Sommer. Die konnten uns also alle mal. Und das ordentlich. Mittelfinger hoch. Nachts waren wir immer allein und ballerten drei Platten über den dann ganz ruhig vor uns liegenden See. Erasures „Chorus“, 2 Live Crews‘ „Banned in the USA“ und „Hot Space“ von Queen. Die eigentlich nur wegen einem Lied, „Under Pressure“. Ein paar Jahre vorher hatte Vanilla Ice dieses eine Sample davon benutzt, dafür liebten ihn alle. Wir aber wussten, wo das im Original herkam und hassten alle, die davon keine Ahnung hatten. Am Ende lief dann meistens nur dieses Lied, „Under Pressure“.

Es lief morgens beim ersten Bacardi-Cola, mittags, wenn der See langsam aber stetig von den Familien umlagert wurde, abends als mein Bruder dieses Mädchen mitbrachte, das mich besuchen wollte. Es lief, als wir beiden im Zelt dann so taten, als würden wir viel mehr machen als uns nur zu unterhalten, was dafür sorgte, dass wir danach für alle „zusammen“ waren. Tatsächlich sollte es noch gut ein halbes Jahr dauern, bis wir das auch so sahen. Wir sehen das bis heute so. Und wenn wir dann nachts in den benebelten Schlaf der trunkenen Jugend fielen, lief „Under Pressure“ natürlich auch. So lange, bis die Batterien mal wieder den Geist aufgaben. Am Ende hatten wir ein Tape, dass wir damals – ganz Ostler – „Kassette“ nannten, auf dem nur dieses eine Lied war.

Es war unser letzter gemeinsamer Sommer. Und auch wenn keiner sich in diesem Bewusstsein von seinen Eltern dort hinfahren lies, wussten wir es irgendwie still und heimlich alle, als uns die Eltern nach diesen Tagen wieder abholten. Es blieb dabei. Nach diesem Sommer gingen wir alle irgendwelchen Ausbildungen auf allen möglichen Baustellen Berlins nach und verloren uns aus den Augen. Manche für immer.

Und jetzt sitze ich hier in der Küche, backe einen Mohn-Kirsch-Käse-Marzipan-Kuchen, während das Mädchen, das mich damals besuchte und mit dem ich im Zelt so tat, als ob, an der Nähmaschine Hoodies für unsere Kinder näht. Dann höre ich wie aus dem Nichts „Under Pressure“ und muss an damals denken. Und an den Sommer, der mir wie jedes Jahr so fehlt. Vielleicht fahren wir im nächsten einfach mal für eine Nacht an diesen See, trinken Barcardi-Cola und hören dort die ganze Nacht „Under Pressure“. Der alten Zeiten wegen und weil dieser eine Sommer für uns gar nicht der letzte gemeinsame, sondern erst der erste war.


(Direktlink)

22 Kommentare

  1. freddl19. Januar 2014 at 15:13

    Toll! (:
    *Fläming

  2. Thomas F.19. Januar 2014 at 15:33

    wunderschön…

  3. B.19. Januar 2014 at 15:53

    Wie treffend, wie schön! Als wäre ich dabei gewesen. Es gibt tatsächlich das ein oder andere Lied, das genau diese Sehnsucht auch bei mir auslöst. Der Erasure-Platten-Inhalt gehört absolut dazu! Danke für die kleine Zeitreise!!!

  4. Frank19. Januar 2014 at 16:32

    Ich weiß genau was du hier beschreibst. Nur das es bei mir (uns) in Markgrafenheide war und bei uns OMD „Enola Grey“ lief. Diese Sommer vergißt man nie, nur manchmal wenn du zurück blickst dann überlegst du ob du es in einem Buch gelesen oder doch wirklich erlebt hast. Wenn du aber dann mal im Auto sitzt und die Lieder hörst, dann weißt du das du es wirklich erlebt hast.

  5. nappel219. Januar 2014 at 17:47

    in der DDR gabs Kassettenrecorder? WTF!!!

  6. Ronny19. Januar 2014 at 18:09

    B.,

    Lustig ist, dass Du alle von denen, die damals mit an diesem See waren, ja auch kanntest. ;)

  7. Andreas Dolf19. Januar 2014 at 19:19

    Danke, dass du uns mitnimmst auf einen Trip in deine Vergangenheit, …
    und schickst auf einen in unsere Eigene.
    Weiter so.

  8. Florian19. Januar 2014 at 19:26

    Dieser Beitrag und dein Musikgeschmack lassen mich deine Beiträge lesen!

  9. jense19. Januar 2014 at 20:54

    sowas macht blogs lesenswert. katzenvideos liefert mir auch gmx.

  10. piet19. Januar 2014 at 21:23

    Seufz … !

  11. Mark Schneider20. Januar 2014 at 09:30

    Montag morgen mit diesem Text. Kurz noch mal wieder zurück in einem Traum geschlüpft, schön warm, schlaftrunken und ganz, weit weg. Schöne Geschichte, schöne Erinnerungen und toll so Liebe zwischen den Menschen und so. Danke, dass du teilst.

  12. Vasilie20. Januar 2014 at 09:50

    Ich hab letzte Woche achtlos drübergeschaut und wollts nicht lesen, aber jetzt hab ich und der Text ist einfach ziemlich gut, gerade weil man es selber ähnlich erlebt hat. Karma – My Resting Place und die Elbwiesen …..

  13. Thomas20. Januar 2014 at 10:58

    Bei uns war es, einige Jahre später, Kling Klang von Keimzeit. Zaubert mir auch heute immer noch ein Lächeln ins Gesicht, auch wenn das mit meinem Mädchen nicht so lange gehalten hat wie bei dir. ;)

  14. Jacob20. Januar 2014 at 11:51

    Diese wunderbare unterschwellige Melancholie… Sehr schöner, direkter, unsentimentaler Schreibstil, von innen nach außen. Bin tief beeindruckt.

  15. The One20. Januar 2014 at 15:15

    Danke für diesen schönen Text.

  16. martin20. Januar 2014 at 16:23

    wow … schön

  17. Hotze21. Januar 2014 at 08:54

    Wunderschön geschrieben…. Und Appetit bekommen… auf Mohn-Kirsch-Käse-Marzipan Kuchen
    :-) Kannste mal das Rezept für posten oder schicken? Fänd ich Klasse!

  18. Geil21. Januar 2014 at 21:06

    Merci – ich brauchte das Video gar nicht anzumachen und hörte das Lied doch – verbunden mit Gefühl an genau diesem See des Nächtens zu sitzen.

  19. kOOk22. Januar 2014 at 15:45

    Ganz große Klasse. Ok, bei uns war’s an der Weser und im Casi lief Solsbury Hill, aber das Gefühl kommt absolut authentisch. Vielen Dank!

  20. tikerscherk23. Januar 2014 at 23:07

    So schön!
    Wir Westler sagten übrigens auch Kassette.

  21. Ben4. Februar 2014 at 15:01

    Man kann die Sehnsucht spüren!

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