
(Foto: Paul Stainthorp • CC BY-SA 2.0)
210 Kilometer. So weit war es damals mit dem Auto nach Mecklenburg, in das klitzekleine Dorf, in dem mein Vater groß wurde und meine Oma auf ihrem Hof lebte. Wir fuhren 2-4 Mal im Jahr mit dem Auto dort hin – manchmal auch öfter. Heute fährt man das in 90 Minuten weg, mit dem Trabbi meines Vaters allerdings planten wir damals immer drei Stunden Wegstrecke. Mindestens. Jede dieser Fahrten wurde zelebriert, als würde man ans Ende der Welt fahren. Überhaupt wurden alle unserer Urlaubsfahrten, die mit dem Auto unternommen wurden, so gestaltet: ans Ende der Welt fahren. So ganz falsch war das auch gar nicht, schließlich endete unsere doch recht kleine Welt an der Mauer. So waren unsere kurzen Reisen so gut wie immer etwas ganz Großes.
Den Abend davor wurden für die Fahrt Buletten oder Schnitzel in Senfteig gebraten und Kartoffelsalat angesetzt. Morgens wurde vor der Abfahrt, die immer sehr früh stattfand – schließlich galt es noch vor dem Mittag, das Oma kochte, das Ende der Welt zu erreichen – Kaffee für die Thermoskanne gekocht und es wurden Brote geschmiert. Was man halt für 210 Kilometer so brauchte damals. Wenn es mal in den Süden ging, war das Reiseproviant gerne noch etwas umfangreicher. Das Ende der Welt wollte niemand mit leerem Magen erreichen.
Auf den Fahrten wurde dann neben den von uns Kindern erzwungenen Pinkelpausen mindestens eine Essenpause eingelegt. An den Autobahnparkplätzen gab es damals fast überall noch so Sitzecken mit Tischen, die man wunderbar für ein Picknick nutzen konnte. Raststätten an Tankstellen, die heute fast die Größe des Flughafens Leipzig/Halle haben, gab es eher selten. Wenn es sie gab, gab es für uns eine Grilletta auf die Hand. Wenn nicht wurde das ganze vorbereitete Essen auf den Tisch gepackt und weggeputzt. Und zwar langsam, man hatte es fast nie sonderlich eilig. „Reisen statt rasen“ war ein Leitspruch meines Vaters, den er bis zu seinem Tode treu blieb, auch wenn die Autos da schon sehr viel schneller und die Wege sehr viel kürzer waren. Das Ende der Welt hatte sich verschoben, für 210 Kilometer brauchte kein Mensch mehr drei Stunden.
Wenn wir so mit dem alten Trabbi über die Transitautobahn richtig Schwerin fuhren beschäftigten wir Kinder uns damit, Automarken zu zählen. Auf jeder Reise kategorisierten wir jedes an uns vorbeifahrende Auto und führten Strichlisten über die Marken und Modelle. VW, Audi, Opel, Mercedes, BMW. Golf, 100er, Ascona, 190er, 3er und so weiter. In drei Stunden kam da so einiges zusammen und ich bin mir ziemlich sicher, das statistische Bundesamt wäre damals ziemlich stolz auf uns gewesen. Außerdem hätten sie einen guten Überblick darüber bekommen können, wie viele Bundesbürger mit welchen Autos auf den Autobahnen der DDR unterwegs waren. Sie haben nie danach gefragt.
Wenn uns das nicht auslastete, führten wir ähnliche Strichlisten mit den Anfangsbuchstaben auf Nummernschildern. Die meisten hatten immer ein „I“, das damals alle als Berliner erkennbar machte. Wenn wir mal einen Buchstaben nicht zuordnen konnten, sahen wir auf den letzten Seiten des DDR-Straßenatlas’ nach, wo die alle für den Osten der Republik gelistet waren. Dieser lag immer ordentlich im Kofferraum des kleinen, leuchtgrünen Kombis.
Den Rest der Zeit, von der dann gar nicht mehr all zu viel übrig blieb, stritten wir Brüder uns gerne und leidenschaftlich. Zum Leidwesen unserer Eltern, die wohl auch deshalb gerne eine Pause zu viel als zu wenig einlegten.
Jede dieser Reisen, war gemessen an dem, was mitunter heute im Auto an Strecke zurückgelegt wird, ein Klacks. Für uns waren es immer kurze Reisen bis ans Ende der Welt und somit – na klar – große Abenteuer.
Heute fahren wir 600 Kilometer in gut unter fünf Stunden. Ballern, wenn das Auto es zulässt, mit 160+ über die Autobahnen und halten, wenn es sich einrichten lässt, am liebsten gar nicht mehr an. Gegessen wird vorher und/oder hinterher. Wir haben doch keine Zeit! „Reisen statt rasen“ zählt nur noch selten. Fahren als Mittel zum Zweck, schnell von A nach B zu kommen. Und nicht mehr als großes Abenteuer, das es damals noch jedes Mal zu zelebrieren galt.
Die Kinder beschäftigen sich nicht mehr mit Strichlisten. Sie haben irgendwelches Elektronikspielzeug, Kopfhörer und auf dem iPad mindestens zwei Filme, die für solche Fahrten extra ausgeliehen werden. Für uns Eltern ein Segen. Sie streiten nichtmal mehr richtig, weil sie eh die ganze Zeit unter ihren Kopfhörern stecken, wo sie, jeder für sich, Musik hören können, die nur sie hören wollen. Wir Eltern hören derweil gleichzeitig unsere Spotify/Apple/Tidal/Whatever-Playlisten, die wir per Kabel ins Autoradio kriegen, wobei wir gleichzeitig unsere Smartphones laden. Die Musik, die unsere Eltern damals aus ihrem Autoradio ohne Kassettendeck holten, grenzte mitunter an akustische Folter und würde heute wahrscheinlich das Jugendamt auf den Plan rufen.
Das kurze Reisen hat sich verändert. Irgendwie traurig: irgendwann blieb das Abenteuer sprichwörtlich auf der Strecke. Irgendwie geil: zack, zack, von hier nach da. Schnell hin und wieder weg. Gegessen wird später. Es gibt viel zu sehen, keine Zeit, alles zu sehen – versuchen wir so viel wie möglich. Nebenbei sitzt man auf dem Beifahrersitz eines Bullis und schreibt Texte ins Internet. So wie ich gerade. Kurz vor der Ostsee, die das heute zu erreichende kleine Ende der Welt für uns sein soll.