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Das Kraftfuttermischwerk Beiträge

Wein für Katzen

Darauf hat die Katzenwelt gewartet: die japanische Tierfutterherstellungsfirma (Tolles Wort!) B & H Lifes hat auf Nachfragen der Kundschaft mit Nyan Nyan Nouveau einen Wein entwickelt, den die Pelzis zu besonderen Anlassen trinken können. Er enthält keinen Alkohol, dafür aber Katzenminze. Außerdem haben die wohl auch Bier für Hunde im Shop. Prost!

Nyan Nyan Nouveau


(via Arbroath)

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R&S Records haut zum 30-jährigen Jubiläum eine 30er Compi raus

Das erste Techno-Album, was ich jemals auf Platte kaufte war Kenny Larkins ‎“Metaphor. Ich liebe es bis heute, es ist absolut zeitlos. Auch wenn die Produktionstechnik der 90er heute alles andere als zeitgemäß klingt, was man eben auch hört. Das Album ist dennoch nach wie vor ein Meilenstein.

Ich kaufte auch vorher schon jede Menge Techno-Platten, aber nie zuvor ein Album und von dem belgischen Label R&S Records hatte ich bis dahin auch nichts gehört. Belgien war damals eher so „Happy Hardcore“-Müll, dachte ich.

Nach diesem Album aber kaufte ich massenhaft R&S Releases. Auch gerne nach. Auch weil die damals schon keinen Fick auf eine klanglich konstante Veröffentlichungspolitik gaben. Da gab es dann halt auch mal die, ich möchte fast meinen, sagenumwobenen In Order to Dance Compilations, die strikt Drum ’n‘ Bass versammelten, auch wenn, wie eben bei Larkin, gerne der Detroit Sound veröffentlicht wurde, oder wie mit den Golden Girls sogar Tracks mit Disco Anleihen. Und überhaupt: Jaydees „Plastic Dreams“ kam von dort. Wisst ihr noch? ❤


(Direktlink)

Auch Ken Ishii releaste hier, Aphex Twins „Selected Ambient Works“ kam auf R&S. DJ Krush & Toshinori Kondo, Biosphere, John Beltran, Model 500, Cabaret Voltaire und was-weiß-ich-wer-noch-alles brachten ihren Platten auf R&S Records raus. Die Discographie von denen liest sich bis heute wie mindestens ein Drittel des internationales IDM-Zirkus‘. Sie zu lesen birgt ein bisschen das Risiko in Andacht zu versinken, aber das wollen wir hier ja nicht. Wie auch immer.

Irgendwann trennten sich unsere Wege. Aphex Twins „Selected Ambient Works“ hatte ich im Regal, Larkin begleitete mich immer noch und die Model 500 Platten waren ein liebgewonnener Spleen. Mein Weg ging woanders hin, ich hatte R&S nicht mehr auf dem Radar. Das war um die Jahrtausendwende. Psy-Trance fand ich da viel spannender. Und irgendwie gab es dann auch ein Loch. Die veröffentlichten zwar später weiterhin wieder Musik, aber zwischen den Jahren 2002 bis 2006 gab es erstmal kein Release. Danach wurden alte Sachen von Dave Angel, Joey Beltram und Derrick May als „Classics“ wiederauferlegt. Musik, die zu dem Zeitpunkt keine Sau brauchte. Wirklich nicht. 2008 lies, für mich erstmalig wieder interessant, dann Radioslave einen gucken. Die Sache mit dem Psy-Trance war für mich da auch wieder ein bisschen durch. Trotzdem dachte ich nicht, dass die jemals wieder an ihren Glanz der Mitte-90er anknüpfen könnten. Dann aber war es 2010, es kam ein junger trauriger Engländer mit dem Namen James Blake. Mit seiner EP „CMYK“ war R&S für viele da draußen, zumindest zu diesem Zeitpunkt, mindestens genau so groß wie für mich Mitte der 90er. Das räumte so ziemlich alles ab.

cmyk-james-blake

Wohl auch deshalb schob man gleich die „Klavierwerke“ von Blake hinterher. Aber ich will keinen langweilen…

Nun also feiert die olle Techno-Oma R&S ihren 30. Geburtstag (Auch wenn die erste VÖ 1984 kam und wir jetzt erst 2013 haben. Egal.) Dafür bringt man dann auch schon mal die wirklich dicksten Line-Ups in die europäischen Clubs.

Und man bringt zu seinem 30. eine 30er Compi auf den Markt, in der schon alleine die Tracklist all das versammelt, was ich oben angesprochen habe. Awesome! (Und das schreibe ich so gut wie nie.) Die nämlich liest sich wie folgt:

R&S Records – 30 Years Anniversary
01. 69 – Desire
02. Airhead – Pyramid Lake
03. Alex Smoke – Dust
04. Aphex Twin – Xtal
05. Biosphere – Cloud Walker II
06. Blawan – Shader
07. Capricorn – 20 Hz
08. Cloud Boat – Bastion
09. DJ Krush & Toshinori Kondo – Toh Sui
10. Egyptian Hip Hop – SYH
11. Jacob’s Optical Stairway – Solar Feelings
12. Jam & Spoon – Stella
13. James Blake – I Only Know (What I Know Now)
14. Jaydee – Plastic Dreams
15. Joey Beltram – Energy Flash
16. Ken Ishii – Extra
17. Lone – Airglow Fires
18. Model 500 – I Wanna Be There
19. Mundo Musique – Andromeda
20. Nadine Shah – Floating
21. Outlander – Vamp
22. Pariah – Prism
23. Robert Leiner- Dream Or Reality
24. Second Phase – Mentasm
25. Space Dimension Controller -The Love Quadrant
26. Sun Electric – O’Loco (Karma Sutra mix)
27. Synkro – Broken Promise
28. Tree – Demons
29. u-Ziq – phi*1700 (u/v)
30. Vondelpark – California Analog Dream

Da gratuliere ich doch mal ganz ungezwungen und sage, Danke R&S! Hoch die vollen Tassen! Ohne Dich wäre Techno für mich nie zu dem geworden, was er eben auch heute noch ist und klingen würde er vermutlich auch ganz anders. Ganz sicher sogar.

Jetzt sitze ich hier, höre die mir liebste „In Order to Dance“ Compi und schwelge. Wieder einmal. Hihi. Und Model 500 veröffentlichen da auch heute noch, auch wenn ich da kaum noch hinhöre.

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Über die erste Skater-Rampe in Äthiopien: Ethio Skate

Ein kurzes aber mitnehmendes Potrait von Aaron Hutchinson über Israel Dejene, Gründer von “Love in Action” Ethio Skate in Addis Ababa. Dejene will mit diesem Projekt Kinder und Jugendliche über das Skaten zusammenbringen und gemeinsam mit ihnen neue Möglichkeiten schaffen. Also besorgte er ein paar Decks und alle bauten zusammen sie die erste Skater-Rampe in Äthiopien. Weil Skaten verbindet. Das weiß man nicht erst seit Skateistan. Tolles Projekt.

„By a village situated in the mountains of Addis Ababa, I saw kids sliding down the asphalt with plastic fixed to the underside of their shoes.
As a passionate skater, this inspired me to bring skating to this particularly tough neighbourhood as a way of empowering kids.
As a result “Love in Action” Ethio Skate project was born in my heart.
The community includes boys and girls between the ages of 6 and 19 in the Intoto area of Addis Ababa. Many of the kids are hawking in the city day by day and are slipping through the cracks in the system.
Ethioskate uses skateboarding as a tool for empowering youth, to create new opportunities and to be the potential for change.
We hope to grow a sustainable organization that is recognized locally and globally for changing the lives of youth through skateboarding.“

http://vimeo.com/72047036
(Direktlink, via Flyod)

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40000 Berufsmusiker als Opfer der Technik arbeitslos!

„Kann mechanische Musik und Musik-Übertragung die lebendige Musik vollständig ersetzen? Nein! Niemals!

Vieles hat sich seitdem geändert, die Ängste und damit verbundenen Probleme allerdings sind nicht unähnlich, wenn man den heute über Ähnliches Klagenden glauben darf. Heute hingegen klagt eher die Industrie, die genau hiervon damals profitierte und ein neues Zeitalter für die Verbreitung von Musik einläutete. Daran hat man sich heute gewöhnt. Und wer gibt schon gerne das her, woran er sich so gemütlich gewöhnt hat? Damals war die Musik-Industrie das Arschloch, zu dem sie heute am liebsten das Netz und die damit neu entstandenen Vertriebswege machen möchte. Gestört hat sie das damals wenig.

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(von Moppelkotzer, via Neumusik)

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Dopebeatz damals und heute: Finest Ego Monthly Mix #032 „Kaleidoscope“ mixed by Nachtschade

Ich habe diesen Mix schon seit ein paar Tagen im Reader, aber bisher keine Zeit gehabt den auch zu hören. Hier geht es gerade drunter und drüber. Drei Jahre des KFMW Adventskalenders sind gemeinsam mit dem grandiosen Soundcloud-Account von Rico Passerini offline gegangen und aktuell nicht mehr im Netz. Ich bin gerade dabei, die 75 Mixe erneut auf die Soundcloud zu uppen und schonmal die diesjährige Ausgabe zu organisieren. Dauert alles, braucht alles mehr Zeit als ich aktuell eigentlich habe. Sei es drum.

Unabhängig davon allerdings schrieb mir gestern Malte von Finest Ego mit dem Hinweis auf diesen Mix und ich dachte, „dann höre ich jetzt mal rein“. Und siehe da: ein herrlicher Bogen, gespannt über dopebeatlastige Klassiker bis hin zu frischen Housesounds, die dennoch gut zum Dope gehen und trotzdem tanzbar. Eine Bremse für stressige Tage wie diese, gemixt von den dem immer guten bel­gi­schen DJ-Duo Nacht­scha­de.

Und die Freude auf den diesjährigen Kalender.


(Direktlink, via r0byn)

Tracklist:
01. DJ Cam – “Dieu Re­con­nai­tra Les Siens”
02. Felix La­band – “Step Two”
03. @Peace – “Home”
04. Air – “Les Pro­fes­si­onnels”
05. Tosca – “Su­zu­ki”
06. Pre­fu­se 73 – “Love You Bring”
07. R.H.C. Fea­turing Plav­ka – “Move Ya (Born Free Dub Mix II)”
08. Night­ma­res On Wax – “Ca­pum­cap”
09. Tom Day & Mons­o­on­si­ren – “Ele­giac”
10. Lo Tide – “Yello Brick”
11. Do­mi­nik Eul­berg – “Ae­ro­naut”
12. Bon­dax – “All In­si­de”
13. Faws – “Take No­ti­ce”
14. Bal­morhea – “Can­dor (Botay Remix)”
15. CFCF – “Co­me­true”
16. To­tal­ly Enor­mous Extinct Di­no­saurs – “Waul­king Song (Lone Remix)”
17. Floa­ting Points – “Va­cu­um Boo­gie”
18. Todd Terje – “Snoo­ze 4 Love”
19. Julio Bashmo­re – “Ribb­le To Ama­zon”
20. Tomáš Dvořák aka Floex – “Game­boy Tune”
21. Four Tet – “Uni­corn”

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Gastbeitrag von Ursula Demitter: Ein Leben in der DDR – Kindheit, Teil 6

Ursula Demitter aus Potsdam ist 67 Jahre alt, lebte und arbeitete in der DDR. Unter anderem bei der DEFA. Heute gibt sie Nachhilfeunterricht und schreibt hin und wieder ihre Erinnerungen von damals in Textdokumente. Da ich ohnehin ein großes Interesse an DDR-Biografien des Alltags habe und möchte, dass derartige Erinnerungen nicht auf irgendwelchen Festplatten verschimmeln und irgendwann einfach den Tod einer Festplatte sterben, packe ich die Texte von Ursula ab jetzt hier in unregelmäßigen Abständen rein. Hier finden sich alle ihrer Texte.

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(Foto: Richard Peter, unter CC von Deutsche Fotothek)

Wir hatten in der Schule viele Angebote, uns nachmittags zu beschäftigen.

Da gab es zuallererst den Schulchor, geleitet von der Musiklehrerin, die ein enges Verhältnis zu den Schülern pflegte und die sehr verehrt wurde. Eine Gruppe auserwählter Schüler durfte sie sogar zu Hause besuchen. Ich gehörte nicht dazu, hatte irgendwie den Anschluss verpasst und war furchtbar neidisch. Später , als wir älter wurden, war ich froh, mit einer Lehrerin nicht so befreundet zu sein. Man konnte sich leichter von ihr abwenden.

In den unteren Klassen hatten wir in der Schule noch das Fach „Handarbeit“, oder hieß es „Nadelarbeit“? Es gab wohl beide Begriffe. Der Unterricht fand für die ganze Klasse statt, also auch für die Jungs. Später, so ab der sechsten Klasse, fiel das Fach weg. Ich glaube, die Lehrerin ging in Rente.

Es begann ganz harmlos mit ein paar Häkelmaschen und ein bisschen Stricken. Dann sollten wir einen Beutel stricken, damit wir das seitliche Maschenabnehmen, das man zum Strümpfestricken braucht, lernen konnten. Ich war in dem Fach nicht begabt, denn meine Motorik hielt sich in Grenzen. Obwohl auch bei uns zu Hause unter Omas Anleitung hauptsächlich das Stricken hochgehalten wurde, hatte ich im Handarbeitsunterricht keine Chance. Wenn wir Hausaufgaben bekamen, strikte meine Oma immer heimlich ein Stück an meinem Beutel. Leider sahen ihre Maschen viel gerader und gleichmäßiger aus als meine und so blieb der Lehrerin die Schummelei nicht verborgen.

Irgendwann nähten wir eine Schürze und begannen sie zu besticken. Ich hatte mich für eine Halbschürze aus weißer Baumwolle entschieden. Am unteren Rand sollte eine Kreuzstichkante in Braun, Rot und Grün entstehen. Bis zur Mitte bin ich tatsächlich gekommen. Noch Jahre danach mahnte mich das unvollendete Stück vorwurfsvoll an meine Unfähigkeit zu feiner Handarbeit. Irgendwo bei den angefangenen Näharbeiten, die in dieser Zeit fast jeder Haushalt besaß, denn man konnte um Himmels willen, ein Stück Stoff nicht einfach wegwerfen, lag meine halb gestickte Schürze.

Warum ich später freiwillig in die Arbeitsgemeinschaft Handarbeit gegangen bin, ist mir bis heute ein Rätsel. Na schön, die Lehrerin war sehr nett. Es ging auf den Herbst und es machte nicht mehr so viel Spaß, sich draußen herumzutreiben, weil es schnell dunkel wurde. In der Arbeitsgemeinschaft trafen wir uns einmal wöchentlich für ca. 2 Stunden in einem Klassenzimmer im kleinen Schulhaus. Jegliches Material wurde uns gestellt. Die Lehrerin arbeitete wahrscheinlich ehrenamtlich. Aber genau weiß ich es nicht. Als erstes stellten wir Untersetzer für Kaffekannen her. Eine dicke Paketstrippe wurde umhäkelt und gleichzeitig zusammengefasst. Immer eine Masche umhäkeln und eine Masche zum verbinden mit der vorherigen Runde. Das Garn war billig und ließ sich schlecht verarbeiten. Es hatte keinerlei Spannung. Auch die Farben waren sonderbar: Wir hatten nur Lila, Grün und Grau zur Verfügung.

Nach dem einige Kannenuntersetzer tatsächlich entstanden waren, machten wir uns an einen runden Behälter mit Deckel. Es sollte eine Art Schmuckkästchen werden. Meines wurde tatsächlich fertig, es war halt ein langer Winter. Wenn wir vom Handarbeitskurs nach Hause gingen, war es schon dunkel. Zusammen mit meiner Schulkameradin Regina musste ich vom Dorf Drewitz zum Stern, die endlose Sternstraße entlang laufen. Am Ende der Sternstraße wohnte Regina in einem der letzten Häuser. Dann musste ich allein noch ein Stück unbebauten Feldweg am Kiefernwald entlang, bis ich unsere Straße erreichte, die beleuchtet war und in der ich mich sicher fühlte. Einmal verfolgte uns ein Radfahrer, der sich seinen Pullover über den Kopf gezogen hatte. Wir begannen zu rennen. Plötzlich fuhr er mitten zwischen uns hindurch und rief: Huhu. Wir rannten jeder in eine Richtung wie um unser Leben. Keine drehte sich nach der anderen um. Zu Hause schämte ich mich dann, dass ich jede Art von Solidarität hatte vermissen lassen. Aufgeregt schilderte ich den Vorfall und konnte die Person sehr genau beschreiben. Auch einen Sack mit Grünfutter auf dem Gepäckständer hatte ich gesehen. Meine Schwester wusste sofort, wer aus ihrer Klasse jeden Abend Karnickelfutter holen musste. Es war Kalle. Am nächsten Tag suchte meine Mutter die Familie auf, Kalle wurde befragt, überführt und bekam von seiner Mutter zwei schallende Ohrfeigen. Der Fall war erledigt, die Untat gesühnt. Trotzdem machte ich von da an um Kalle immer einen großen Bogen.

In der siebenten Klasse wurde uns mitgeteilt, dass in Potsdam eine Station Junger Techniker eröffnet worden sei. Wir bekamen Hinweise auf verschiedene Arbeitsgemeinschaften, unter anderem Fotografie. In unserer Familie wurde das Fotografieren immer wichtig genommen. Zu unzähligen Anlässen mussten wir drei Geschwister uns aufstellen, lächeln, „nicht bewegen“, rief meine Mutter, bis sie das Bild im Kasten hatte. Es waren immer die gleichen gestellten Szenen, nie war ein Schnappschuss darunter. Dennoch war meine Mutter auf ihre Kamera Marke Voigtländer mit ausziehbarem Lederbalgen unendlich stolz. Sie hatte sie sich als junges Mädchen von einem der ersten Gehälter gekauft.

Eine Gruppe von acht oder zehn Mädchen aus beiden siebenten Klassen meldete sich zum Fotoclub. Wir fuhren immer mit dem Fahrrad bis zur Schlaatzstraße. In der Friedhofsgasse in einer Villa aus gelben Klinkern war der Club. Die Fotoarbeitsgemeinschaft hatte ihr Domizil im Souterrain. Dort lernten wir nicht nur Fotografieren sondern auch den ganzen labortechnischen Ablauf: Negativentwicklung in der Entwicklerdose, Film aufhängen, trocknen lassen. Dann mittels Vergrößerungsgerät Positive herstellen und mit Plasteklammern in die drei bekannten Schalen werfen: Entwickler, Wasser, Fixierbad. Wir waren eine sehr fröhliche Arbeitsgemeinschaft bestehend aus Mädchen der zwei siebenten Parallelklassen. Ich erinnere mich, dass ich verwundert war, dass manche Mädchen, die in der Schule so absolute Schlusslichter waren, so nett und lustig sein konnten. Das heißt, wir waren in unserer bisherigen Freizeit in recht sortierte Gruppen geteilt. Ich unterschied in der Schule zwischen den „Guten“, die meine Freunde waren und den „Doofen“, mit denen es nicht lohnte, sich zu befassen. Die Teilnahme in der AG sowie das ganze fototechnische Material, das wir nach und nach vernichteten, kostete uns keinen Pfennig. Wir durften soviel Bilder wie wir wollten anfertigen und mit nach Hause nehmen. Auf unsere eigenen Porträts waren wir immer besonders scharf. Die Foto AG hat mir später geholfen, eine Lehrstelle zu bekommen. Als ich mich nach der zehnten Klasse im DEFA-Spielfilmstudio um die Ausbildung als Filmkopierfacharbeiter bewarb wurde ich gefragt, warum gerade etwas mit Film. Da konnte ich natürlich vom Leder ziehen und in den wärmsten Farben meine Begeisterung fürs Fototechnische Fach schon seit der siebenten Klasse schildern. Das saß. Ich hatte den Job.

Zu Schuljahresbeginn waren wir in der Drewitzer Schule plötzlich zwei siebente Klassen geworden und das kam so. Die Enklave Steinstücken, die zu Westberlin gehörte war bis ca. Mitte der Fünfziger Jahre noch nicht eingezäunt. Es standen einfach nur Schilder da. Man wusste, die eine Straßenseite war Westen und die andere war Osten. Rund um Steinstücken patrouillierten DDR-Grenzpolizisten in Doppelstreife, voll bewaffnet. Ein kleine Grundschule, die sogenannte „Waldschule“ grenzte so nah an Steinstücken, dass man aus dem Fenster in den Westen hätte springen können. Das war natürlich Unsinn, denn man konnte sowieso dorthin ungehindert laufen. Jedoch wurde die Schule geschlossen, die Schüler auf umliegende Schulen verteilt und das Gebäude abgerissen. Diese, irgendwie doch schon vorbereitenden Maßnahmen wurden knapp drei Jahre vor dem Mauerbau getroffen.

Auf der Westseite der Steinstraße gab es einen kleinen Tante Emma-Laden. Von Klassenkameraden habe ich damals gehört, dass sie im Westladen eingekauft hatten. Sie warteten, bis die Grenzposten auf ihrer Runde außer Sichtweite waren und flitzen dann auf die andere Straßenseite . Mit ein paar Westgroschen von Oma wurde Kaugummi gekauft, der nicht nur wunderbar duftete, sondern in jedem der flachen Päckchen, wenig größer als eine Streichholzschachtel, lag ein farbiges Schauspielerfoto einer Hollywoodberühmtheit. Viele von uns sammelsten und tauschten die Bilder. Meine Schwester besaß einen Campingbeutel aus braunem Kord aus dem Westen. An der Seite war ein Täschchen aus durchsichtiger Plaste mit einem Druckknopf. Aus diesem Plastesfenster lächelte vom Kaugummibildchen Harry Bellafontee. Ich hatte keinen Campingbeutel und ich liebte Harry Bellafonte von Anfang an. Gleich nach der Wende sah ich ihn das erste Mal leibhaftig im Konzert im ICC. Er wurde von einem Damenbackround begleitet, damit man nicht merken sollte, dass er die großen Höhen nicht mehr packte. „Harry,“ dachte ich, „wir haben zu lange gewartet“.

Ich hätte mich nie getraut, in Steinstücken einkaufen zu gehen, denn es war „politisch“ und streng verboten. Außerdem hatte ich kein Westgeld zu meiner eigenen Verfügung.

Einmal kam meine Schwester von der Tanzstunde. Weil es schon spät war und sie sich graulte lief sie auf der Westseite entlang, denn die hatten schließlich Laternen. Zwei junge Grenzer hielten sie auf und verlangten, sie solle auf der Ostseite laufen. Sie wollten ihr Angst machen, kraft ihrer Wassersuppe als Grenzorgane. Aber meine Schwester durchschaute das Geschehen und blieb stur. Sie zeigte keinen Ausweis und gab keine Auskunft wo sie herkam und ging auch nicht auf die Ostseite. Sie fand die beiden Jungs einfach frech. Das Ganze endete mit einem Telfonanruf bei uns zu Hause. Spät abends musste sich mein Vater ins Auto setzen um meine Schwester auszulösen. Die Sache hatte kein Nachspiel. Niemand fand etwas dabei. Auch kann ich mich nicht erinnern, dass meine Eltern meiner Schwester Vorwürfe gemacht hätten. Es war halt dumm gelaufen. Eine Plänkelei unter jungen Leuten.

Später, noch vor der Mauer, wurde ein Zaun um Steinstücken gebaut und die Bevölkerung bekam einen Korridor durch den sie nach West-Berlin fahren konnten. Er wurde auf halber Strecke von DDR-Grenzern kontrolliert. Die Mauer, die den Korridor vom Osten trennte, sah schon genau so aus, wie später die Berliner Mauer. Als die Mauer stand, habe ich davon gehört, dass ein amerikanischer Hubschrauber in Steinstücken gelandet sei. Es war eine Provokation gegen die DDR hieß es und man könne froh sein, dass die Russen nicht geschossen haben. Der Laden hatte dann auch schon dicht gemacht.

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Moderat mit „Gita“ für UNICEF gegen häusliche Gewalt

Moderat hat mit „Gita“, einer Nummer vom aktuellen Album „II“, bei der Unicef einen Song abgegeben, die dort genutzt wurde, um eine Initiative gegen häusliche Gewalt zu unterstützen. Gute Sache, das.

This video follows the evocative single ‚Gita‘ from Moderat’s latest album, ‚II‘. A coordinated project between UNICEF and Monkeytown/ Mute, the video puts the spotlight on the ground breaking #ENDviolence against children initiative, a global movement to raise awareness and spark local action to combat violence against children by making ‚the invisible, visible.‘ The video, directed by Juan Carlos Maneglia and Tana Schembori, focuses on breaking the cycle of abuse, telling a story of domestic violence through the eyes of a child experiencing it in his own home.


(Direktlink, via René)

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