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Doku: Amiga – der Sound der DDR

Als Ostkind bin ich mit Pressungen von Amiga aufgewachsen. Besonders gerne mit den Lizenzpressungen aus dem Westen. Es gab ja nichts anderes. Wir hatten ja nüscht! Aber wir hatten eine Bekannte, die im Kaufhaus hinter der Theke stand, die für den Verkauf von Schallplatten zuständig war. Vorm Kaufhaus waren die Schlangen riesenlang, wenn es Platten von AC/DC, Rio Reiser, Die Ärzte, Michael Jackson, Trio, Nena, Tangerine Dream und oder Tracy Chapman gab. Viel weniger Menschen, als dort anstanden, bekamen dann tatsächlich auch das begehrte Vinyl. Wir hatten manchmal Glück, weil die Bekannte an uns dachte und bestimmte Platten für uns weglegte. Die Amiga-Pressungen von Rio, Die Ärzte und Nena stehen hier immer noch im einem Regal.

Das ganze „Ostrock“-Gedöns hat mich nie wirklich interessiert. Karat so langweilig wie die Puhdys. Ich war als Kind davon total übersättigt. Im Radio gab es wenig anderes und den daneben gespielten Schlager fand ich damals schon scheiße. Wir hatten Citys „Am Fenster“ und Sillys „Bataillon d’Amour„. Das reicht mir als „Ostrock“ bis heute, aber…

Ich stelle allmählich fest, dass es damals durchaus Songs gab, die es nicht bis zu mir geschafft haben, und die dennoch auch heute noch hörenswert wären. Electras „Die Kraniche fliegen im Keil“ zum Beispiel. Habe ich vor gut einem Jahr für mich entdeckt. Supernummer. Oder Karussells „Als ich fortging„. Und ich frage mich gerade, wo das ultimative „Ostrock“-Tape ohne Karat und die Puhdys bleibt. Weil von denen kennt man ohnehin alles. (Obwohl ich das Dieter „Maschine“ Birr -Feature auf Romanos letztem Album schon ziemlich geil fand.) Kann das bitte mal wer machen?

Das alles zieht gerade an mir vorbei während hier ich rumsitze und seit 1,5 Stunden die Doku „Amiga – der Sound der DDR“ gucke, die beim Ersten gerade in der Mediathek zu sehen ist und sich mit 70 Jahren Label-Geschichte aus dem Osten beschäftigt.

Das legendäre Plattenlabel Amiga feiert 70. Geburtstag – Es steht für eine turbolente Erfolgsgeschichte in Ost und West. Amiga ist sogar die Heimat einer eigenen Richtung, dem Ostrock.

Darauf „Am Fenster“ in originaler und so gar nicht radiotauglicher Version.


(Direktlink)

Und, was zur Hölle, macht Jürgen Drews in dieser Doku?! Ist bestimmt, weil sie Manne Krug dafür nicht bekommen haben, was echt schade ist.

3 Kommentare

  1. Sputnik23. Dezember 2017 at 20:58

    Heute müsste auch „Geh zu Ihr und frage ob du deinen Drachen steigen lassen darfst.“ singen.
    Schöne Tage

  2. Strugarkowski24. Dezember 2017 at 04:12

    Ob Amiga den Sound der DDR durchgehend repräsentierte, möchte ich bezweifeln. Nicht umsonst engagierten sich Leute wie Holger Luckas oder Lutz Schramm innerhalb des ihnen zur Verfügung stehenden Rahmens in Sachen DDR-Mugge. Dabei trafen sie, wie ihnen Vorausgehende, auf Verbündete oder auf Feinde. Manche Amiga-Produktionen der sogenannten Anderen Bands wären wohl beispielsweise ohne Lutz Schramms Radio-Sendung ‚Parocktikum‘ nicht zustande gekommen. (Anmerkung: Eine Diskussion über den Under- oder Overground-Status dieser Produktionen würde ich gerne vermeiden, weil ich der Meinung bin, daß der jeweilige Einzelfall in einem neutralen Rahmen unter die Lupe der ehemaligen Zeitgenossen oder der Nachgeborenen genommen werden sollte. Die Amiga-Single der Mixed Pickles oder die LP von Feeling B beispielsweise sind für mich bis heute innerhalb des damaligen gesellschaftlichen Rahmens völlig integer.)

    Davon abgesehen möchte ich an die Tape-Szene in der DDR erinnern. Das Buch ‚Spannung. Leistung. Widerstand.‘ nebst mitgelieferter CD sollte meiner Meinung nach ebenfalls hinreichend belegen, warum Zeitzeugen wie ich dem heutzutage bei Discogs einsehbaren Amiga-Katalog in Bezug auf eine Präsentation sogenannter DDR-Musik nur bedingt trauen.

    Alles andere von Ronny Gesagte kann ich nur bestätigen. Ich erinnere mich z.B. an die Lizenz-Pressung einer Tangerine-LP, für die ich mehrmals zum Händler lief, um sie endlich mit dem Plattenspieler meines Vertrauens anhören zu können. Wobei mir inzwischen bewußt wurde, daß mich da gar nicht soviel von ähnlichen Erfahrungen sogenannter Altbundesbürger während der 80er oder der beginnenden 90er trennt. Wer interessiert war, der musste sich kümmern. So ist’s bis heute geblieben, WWW hin oder her.

    In Bezug auf ‚Neuentdeckungen‘ von auch für mich eigentlich nicht mehr repräsentiven Ost-Bands seien von mir Panta Rhei mit dem immer noch aktuellen Titel ‚Schatten‘ erwähnt.

    P.S.: A probos Manne Krug: ‚Mach’s gut ich muß gehen‘ (https://www.youtube.com/watch?v=9FfJNxzuMVE) stellvertretend für andere Kindheitserinnerungen, die auch er in der verflossenenen DDR prägte. Egal, in welchem damals sogenannten ‚gesellschaftlichen‘ Haushalt. So gesehen: Amiga sei Dank, oder wem auch immer!

  3. Carl24. Dezember 2017 at 14:08

    Da ich selbst Kind des Jahres 92 bin, kann ich nicht viel aus eigener Erfahrung beitragen. Aber was ich von meinen Eltern (musikalisch) überliefert bekommen habe, hat mich ebenfalls ein Stück weit geprägt. Und das freut mich. Abgesehen von so tollen Dingen wie Citys „Am Fenster“ (was in dieser originalen Version viel schöner ist als im Radio) möchte ich auf einen Freund verweisen, der sich vielleicht von einer etwas anderen Seite mit dem Sound von Amiga beschäftigt hat. Und das hat mich doch tatsächlich zum Teil sehr erstaunt: https://soundcloud.com/escle/sets/amiga-express – meine Empfehlung für ruhige Stunden. Und abgesehen von diesen 3 Sets macht Simon auch ansonsten ganz wunderbare Arbeit.

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