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Lesestoff für die „besorgten Bürger“

Eric hat beim Lower Class Mag einen sehr lesenswerten offenen Brief an all jene „besorgten Bürger“ geschrieben, von denen es von Woche zu Woche immer mehr zu geben scheint: Geht mal auf’n Kaffee bei Ali und Fatma statt die ganze Zeit vor irgendwelchen Internetrassistenblogs zu hocken.

Ich komme aus einer Arbeiterfamilie. Der überwiegende Teil meiner Freunde kommt aus ärmeren Familien. Ich bin in Gegenden aufgewachsen, die auch nicht schöner sind als Berlin-Hellersdorf, Marzahn, Buch oder Dresden-Prohlis. Ich weiß, wie scheiße es sich anfühlt, wenn man sich das ganze Blingbling nicht leisten, kann, das man jeden Tag im Fernseher sieht. Ich weiß, wie derbe es nervt, wenn man auf Hartz-IV ist und die ganze Zeit Münzen zählen muss. Oder wie beschissen es ist, wenn man zwar arbeitet, aber irgendeine dumme notwendige Anschaffung, eine kaputte Waschmaschine, ein Fahrrad fürs Kind oder sonstewas die gesamten Ersparnisse auffrisst, die man sich mühsam zur Seite gelegt hat. Und dann beschließen irgendwelche Penner, von denen man das ganze Jahr ohnehin nichts zu erwarten hat, einem auch noch einen Asyl-Container in den Bezirk zu stellen.

[…]

Kurz: Ihr, die ihr keinen Widerstand dagegen hinbekommt, dass US-amerikanische, europäische, deutsche Armeen andere Länder auch in eurem Namen zerstören, ihr wollt jetzt noch die hetzen, die aus diesem Elend hier her fliehen? Habt ihr denn überhaupt keine Würde? Legt euch doch mit richtigen Gegnern an, mit Staat und Kapital, nicht mit denen, die ihr als Sündenböcke durch die Straße jagen könnt.

Ihr sagt und denkt: „Weil die Ausländer soviel kosten, bleibt so wenig für uns.“ Erstens „kosten“ die „Ausländer“ gar nichts, wenn man schon im Rahmen dieses dummen Arguments bleiben will, sondern, weil sie immer schon stärker ausgebeutet wurden, und immer schon noch mehr abgezogen wurden als ihr, bringen sie diesem deutschen Staat sogar noch ein Plus an Einnahmen.

[…]

In Sachsen, da, wo ihr mit Eurem PEGIDA-Kram gegen „Islamisierung“ demonstriert, gibt es 0,1 Prozent Muslime. 0,1 Prozent – das ist für euch „Islamisierung“. Nun werdet ihr sagen: „Naja, aber wieviele gibt es in Berlin.“ Ja, da habt ihr ganz recht, da gibt es mehr, sogar 6,5 Prozent. Nur: Wir in Berlin, in Kreuzberg, in Neukölln, im Wedding, wir demonstrieren nicht gegen „Islamisierung“ und „kriminelle Ausländer“. Weil die „Ausländer“ hier unsere Nachbarn sind, unsere Freunde, ihre Kinder mit unseren Kindern zur Schule gehen. Weil wir jeden morgen bei Ali und Fatma unsern Kaffee trinken und uns nicht rund um die Uhr auf irgendwelchen Hirnfickblogs von ultrahässlichen Internetrassisten erfundene Horrorpropaganda über „kriminelle Ausländer“ reinwürgen, bis wir vor Angst in die deutschen Höschen koten. Solltet ihr auch mal probieren.

(via Tanith)

5 Kommentare

  1. haywood jablome3. Dezember 2014 at 13:29

    ähm ja, nett. aber die frage ist doch: liest das auch einer von denen? und: was sind die reaktionen?

  2. Gerstl4. Dezember 2014 at 09:10

    Es gibt genug Leute die das lesen und den Link im Kopf gut gebrauchen können, bevor sie Sätze mit „Ich bin ja kein Rassist, aber…“ beginnen und noch nicht genau wissen, ob sie vor der Islamisierung jetzt Angst haben müssen, oder nicht.

  3. Helmut5. Dezember 2014 at 11:44

    Die Frage ist doch nicht ob sie es lesen – die Frage wäre doch vielmehr ob sie es auch verstehen (können)!!! Und da habe ich so meine Bedenken….

  4. Bürger9. Dezember 2014 at 23:46

    Es gibt für alle Beteiligten keine Alternative zu Lessings Ringparabel. B)

  5. Thorben Arminius13. Dezember 2014 at 00:31

    haywood jablome,

    Ja, zufälligerweise kommt so was manchmal vor. Bringt nur nix wenn man kein Marxist ist, und man erkennt das dies halt einfach nur Unsinn ist. Der Text dient aber auch nicht diesem Zweck, sondern der moralischen Selbsterhöhung.

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