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Schlagwort: Potsdam

Wie ich mich heute mit einem pöbelnden AfD-Sympathisanten in der Bahn anbrüllte

Vorhin in der Tram: ich las auf dem Phone Augstein zur AfD, wie ich eigentlich immer was auf dem Phone lese, wenn ich unterwegs bin, manchmal halt Augstein. Meistens habe ich Kopfhörer auf – heute nicht. Um mich herum sitzen ein Dutzend Menschen, von denen fast alle aufs Phone gucken. Normal. 5-6 Haltestellen vor der Endstation beginnt ein älterer Herr, Ende 50, der mit seiner Frau auf einem Zweier saß, unmissverständlich rumzupöbeln. „Hier, kiek se dir an! Alle kieken nur auf ihr Smartphone, das wir Deutschen für sie bezahlen müssen. Diese ganzen Arschlöcher!“ Es war nicht nur eine Mitteilung an seine Frau, die hätte er leiser tätigen können. Es war eine Mitteilung an alle. Auch an mich, zumal ich ja auch aufs Phone guckte, das er garantiert nicht bezahlen musste, weil ich das selber tat.

Wir saßen in der Linie, an deren Endstation ein Zubringerbus einmal die Stunde bis runter zum Flüchtlings- und Obdachlosenheim am Stadtrand fährt. Mein Bus, weil ich dort um die Ecke wohne und morgens/mittags/abends immer mit Flüchtlingen und Obdachlosen im Bus sitze. Normal. Offenbar dachte sich dieser Mann, dass alle, die nicht deutsch aussehen würden, aus diesem Flüchtlingsheim kommen und somit auch Flüchtlinge sein müssten. Was total egal gewesen wäre und an dieser Situation auch nichts geändert hätte. Er roch nach Obstwein, ich vermute, er kam vom Baumblütenfest in Werder, wo die Deutschen eine Woche lang gerne auf ihre Normen und Werte bei furchtbar ekelhaft süßem Obstwein saufen. Er war zweifelsohne angeballert, was seine Zunge wohl locker und vor allem seine Stimme überdurchschnittlich laut werden ließ.

Nachdem ihm auf seine erste, eindeutig pöbelnde „Meinungsoffenbarung“ kein Widerspruch entgegengebracht wurde, fühlte er sich wohl bestätigt und meinte weiter pöbeln zu müssen. 40 Zentimeter vor ihm saßen zwei junge Männer, die für ihn wohl nicht aus Deutschland zu kommen schienen. Ein paar Meter weiter saßen noch 2-3 Menschen, die er offenbar ebenso für Flüchtlinge hielt. Ohne sie gefragt zu haben, wo sie denn herkämen und was sie hier so machen würden. Das wollte er gar nicht wissen. Er wollte einfach mal nur „abladen“. Das tat er auch.

„Diese Pisser haben hier nie was bezahlt und kriegen jetzt alles! Von meinem Geld! Nicht mal ich kann mir so ein Smartphone leisten! Aber die… Die haben alles! Von meinem Geld! Ich musste dafür 40 Jahre arbeiten! Alles Arschlöcher!“ (Lautstärke Capslock.)“

Ich bin in so einer Situation nicht sonderlich gut in Intervention. Mich regt das tierisch auf. Auch weil ich weiß, dass ich in so einer Situation kommunikativ bei so einem Menschen nichts erreichen kann. Aber ich wollte halt auch nicht so tun, als würde ich weghören wollen. Also sagte ich was.

Ich fragte ihn, warum er mich Arschloch nennt, nur weil ich auf mein Smartphone gucken würde. Ich fragte auch, warum er andere so nennt, die nicht kennen, und anhand ihrer Hautfärbung über sie urteilen würde. Er schrie mich an.

„Du Arschloch musst Dich hier gar nicht einmischen, nur weil ich mal meine Meinung sage! Ich habe 40 Jahre gearbeitet, damit diese Pisser und du sich eure Smartphones leisten können! Ich kann das nicht!“

Ich sagte ihm, dass das ja nicht mein Problem wäre und fragte ihn, wovon er denn leben würde. So 40 Jahre Arbeit und dann schon „soziale Hängematte“ kam mir etwas komisch vor. Er schrie wieder, so wie er offenbar am liebsten seine „Anti-Mainstream-Meinung“ schreiend in der Bahn zum Ausdruck bringt:

„Ich krieg Rente, Du Arschloch! Dafür habe ich 40 Jahre gearbeitet! Du hast noch nichts für Deutschland getan. Du guckst hier nur auf dein Smartphone und hältst deine Fresse, weil auch du vom Staat durchgefüttert wirst! Und jetzt sei bitte still! Du hast von nichts eine Ahnung. Ich werde ja wohl noch meine Meinung sagen dürfen!“ (Besoffen und pöbelnd.) „Meinung sagen“ und so.

Ich versuchte es erneut mit so was wie Kommunikation und sagte ihm, dass ich gerade von der Arbeit käme. Arbeit, der ich täglich nachgehe, und die auch dafür sorgt, dass er seine Rente kriegen würde. Ich fände es okay, wenn meine Steuern an ihn und an Geflüchtete gehen würden. Haben ja alle was von. Er fand das nicht.

Seiner Frau wurde die Situation zunehmend peinlich, so das sie ihn bat, jetzt damit aufzuhören. „Die Leute gucken schon.“ Natürlich guckten sie. Verschämt, sich mit dem Blick auf ihre Phones versteckend. Aber sie bekamen die Situation mit. Allein, sie sagten nichts. Er fuhr seine Frau an, dass er „ja wohl noch seine Meinung sagen dürfe“ und das sie still sein sollte.

Ich sagte ihm deutlich lauter werdend, dass er natürlich seine Meinung äußern, aber in einer dreiviertelvollen Bahn eben nicht erwarten könnte, dass jeder seinen Bullshit unwidersprochen hinnehmen würde. Da hätte ich so gar keinen Bock drauf. Die, die er eigentlich angesprochen hatte, duckten sich nachvollziehbarer weise weg und ich weiß nicht, ob sie froh waren, in dem Moment nicht mehr Ziel seiner primären Attacken zu sein. Ich hoffte es vielleicht. Außerdem ging mir dieser Kerl so auf den Saque, dass die mir eigentlich gegebene Gelassenheit vier Stationen vor Endhaltestelle ausstieg und ich mich dummerweise auf seine Kommunikationsform hinreisen ließ. Ich mag mich nicht, wenn ich laut werde, weil andere mir gegenüber laut werden. Ich mag es auch nicht, ausfällig zu werden, wenn andere mir das gegenüber sind, aber ich konnte in diesem Moment nicht anders. Denn noch weniger mag ich Menschen, die aufgrund der Kritik an ihrem Weltbild andere für Arschlöcher halten und meinen, dass diese nichts für die Gesellschaft getan haben könnten, eben nur deshalb, weil sie die Meinung dieser Knetbirnen nicht teilen würden. Es wurde noch lauter, seine Begleitung noch bittender, dass er doch endlich damit aufhören sollte, ihm wildfremde Menschen vollzupöbeln. Er sagte ihr, dass sie bitte still sein sollte und kam richtig in Fahrt. Ein Gedächtnisprotokoll in Capslock:

Er: „JETZT MISCHE DICH HIER NICHT EIN, DU ARSCHLOCH! DEUTSCHLAND WIRD UNTERGEHEN. UND DU MERKST DAS AUCH NOCH! ICH HABE 40 JAHRE GEARBEITET! MIR HAT NIEMAND WAS GESCHENKT!

Ich: DOCH! ICH MISCHE MICH EIN! UND WENN DU HIER IN DER ÖFFENTLICHKEIT SO DERMASSEN RASSISTISCHE KACKSCHEISSE ABSONDERST, FRAGE ICH MICH, WARUM ICH FÜR MENSCHEN WIE DICH LIEBER MEINE STEUERN ZAHLEN SOLLTE, ALS FÜR JENE DIE VOR KRIEG UND IHREM EIGENEN TOD FLÜCHTEN MÜSSEN? NACH 40 JAHREN ARBEIT. DU BIST DOCH IM VORRUHESTAND. ALLE ANDEREN MÜSSEN BIS 67 RAN! DU SCHAUKELST DIR SCHON MIT NOCH NICHT MAL 60 DIE EIER, ALTER!“

Er: „ARSCHLOCH SO EIN ARSCHLOCH! MISCHT SICH HIER EINFACH EIN…

DU NENNST MICH EINFACH SO ALTER! BELEIDIGUNG! ICH RUFE GLEICH DIE BULLEN.“

Ich: „*LOL*! MACH DOCH! BITTE.“

Er: „WARTE, BIS DIE ASYLANTEN IN DEINER NACHBARSCHAFT WOHNEN!“

Ich: „NORMAL! TUN SIE. KEIN PROBLEM.“

Er: „WARTE, BIS DER MUEZZIN IN DEINER NACHBARSCHAFT ZUM GEBET RUFT.

STELL DIR MAL VOR, ICH WÜRDE IM IRAK, IRAN, IN SYRIEN EINE KIRCHE BAUEN WOLLEN. WAS MEINST DU, WAS DIE DANN MACHEN WÜRDEN?!“

Ich: „JA, MACH DOCH, ICH FÜR MEINEN TEIL GLAUBE NICHT AN GOTT.“

Er: „DIE WÜRDEN MICH ABSCHLACHTEN. SO WIE IN ÄGYPTEN HEUTE! HABE ICH GELESEN!“

Ich: „DU GLAUBST AN GOTT?! DU SIEHST AUS WIE EIN OSTLER WIE ICH, NACH EINEM, DER NIE AN GOTT GEGLAUBT HAT! UND DU WILLST MIR WAS VON GOTT ERZÄHLEN?!“

Er: „UND WIE DIE MIT IHREN FRAUEN UMGEHEN. WILLST DU ARSCHLOCH DAS SO HIER HABEN?“

Seine Begleitung ihm: „Jetzt sei doch bitte mal still! Die Leute gucken jetzt alle schon!“

Er zu ihr: „NEIN! DU BIST JETZT STILL. ICH SAGE HIER NUR MEINE MEINUNG! DAS WIRD MAN JA MAL NOCH TUN DÜRFEN!“

Seine Begleitung ihm: „Bitte!“

Er zu ihr: „NICHTS BITTE! HALT JETZT DEIN MAUL! ICH WÄHLE AfD! DIE MACHT ALLES BESSER! WENN WIR ERSTMAL AN DER MACHT SIND. UND DIESE GANZEN WICHSER, DIE HIER AUF UNSERE KOSTEN AUF IHRE SMARTPHONES GUCKEN, KÖNNEN DANN WIEDER NACH HAUSE FAHREN. UND ZWAR SOFORT. ALLE RAUS!“

Ich: „DU, DER SEINE FRAU ANBRÜLLT, SIE MÖGE BITTE ‚IHR MAUL HALTEN‘, WEIL DU ÜBER DAS FRAUENBILD VON GEFLÜCHTETEN REDEN WILLST, WILLST DAS FÜR DAS ZU HALTENDE DEUTSCHE FRAUENBILD TUN. WAS GENAU EIGENTLICH IST BEI DIR SCHIEF GEGANGEN, ALTER?!“

Er: „DU HAST SCHON WIEDER ‚ALTER“ GESAGT! ICH RUFE JETZT DIE BULLEN. DAS IST BELEIDIGUNG!

ES WIRD ZEIT, DASS DIE HAKENKREUZFAHNEN WIEDER ÜBER DEUTSCHLAND WEHEN!“ (Ich habe mir das wirklich nicht ausgedacht. Menschen wie diese sind dort draußen tatsächlich unterwegs.)

Ich: „MAN RUFT NICHT DIE BULLEN. ABER WENN DU DAS TUN MÖCHTEST, UM ÜBER DEINE IDEE DER WEHENDEN HAKENKREUZFAHNEN ZU REDEN, WEIL ICH DICH ‚ALTER‘ GENANNT HABE, NUR ZU, DU RIESENARSCHLOCH!“

Eine junge Frau mit Fahrrad, keine 20, die hinter ihm stand, erstaunlich gelassen zu ihm: „Kannst du Wichser jetzt bitte mal einfach deine erbärmliche Fresse halten?!“ Ein Lichtblick.

Er zu seiner Begleitung: „SIEHSTE! NOCH SO EIN ARSCHLOCH, DAS KEINE AHNUNG VON GAR NICHTS HAT. DIE WISSEN ES HALT NICHTS! WEIL SIE IMMER NUR AUF IHRE SMARTPHONES GUCKEN! UND DIE HIER ALLE! IHRE SMARTPHONES, MEIN GELD, HABEN NIE WAS FÜR DIESES LAND GETAN. MEINE RENTE, DEUTSCHLAND, AfD! DIE MACHT ALLES BESSER“ Und alles!

Er zu mir: „DU WIRST ES AUCH NOCH MERKEN! WENN DEINE RENTE FÜRS LEBEN NICHT MEHR AUSREICHEN WIRD. WENN DEINE RENTE FÜR DEIN LEBEN NICHT MEHR AUSREICHEN WIRD!“

Seine Begleitung ihm: „JETZT SEI ENDLICH STILL! DER JUNGE MANN WIRD DIR BEIM AUSSTEIGEN NOCH IN DIE FRESSE HAUEN!“

Nicht meine Art, aber ich hatte in diesem Moment wirklich Bock auf genau das gehabt, was ja aber auch nichts bringt. Wissen wir. Ich entschuldigte mich beim kollektiven Aussteigen mit einem für diese Situation furchtbar peinlichen „Sorry“ bei jenen, die er für Geflüchtete hielt und die er deshalb vollzupöbeln meinte. Sie gingen dann Richtung „Tech-Center“ und lächelten verhalten. Eine ältere Frau rief – endlich – dem Arschloch entgegen, wie peinlich das war. Ich sagte ihr, „das war mehr als nur peinlich“ und lief immer noch völlig aufgeregt die Straße hoch. Seine Begleitung sorgte bewusst dafür, dass wir uns nicht nochmal näher kamen. Ich habe es verpasst, ihm zu sagen, dass ich mittlerweile zweifach privat rentenversichert bin und dafür zahle. Weil ich Frau und Kinder habe. Er hätte das nicht hören, und wenn doch, dann nicht verstehen wollen.

Ich kam aufgrund der vor Aufregung zitternden Hände nicht mal dazu, den Augstein-Artikel zum Ende zu lesen und seit dem nicht mal zum Essen. Arschloch!

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Der hier ist für jene

Jaja, schon voll alt und so. Aber ich war bisher nicht in der Stimmung, das hier so drin haben zu wollen. Jetzt aber komme ich gerade aus einer Ecke meiner Stadt, in der 1030 Cops 130 Pegida-Spaten an die Hand nehmen, um sie erst 1400 Meter durch ein multikulturelles Stadtgebiet, das quadratkilometerweit komplett hermetisch abgeriegelt wurde und an einem Flüchtlingsheim vorbeiführte, um die Menschenfeinde dann später in der Tram zu den umliegenden Bahnhöfen zu führen. So wie eine Mutti oder ein Vati, die ihre Kinder gerade vom Hort abholen. Eine Schande für diese Stadt.

Ich hab am Rande der 1000 Menschen starken Gegendemo mit ein paar Cops gesprochen, wenn sie mich mal nicht nur wie irgendwelche Disco-Prolls auf dem Land angebrüllt und weggeschubst haben. Wohlwissend über ihre eher gute Ausgangssituation. Stark, wie sie dann natürlich sind, pöbelnd wie schlecht erzogene Kids an den Bahnhöfen der Großstädte. Versteckt hinter der Vermummung, die sie uns lauthals verbieten. Alles so frustrierend gerade. Und traurig auch. Die AfD liegt bundesweit aktuell bei 12, im Osten bei 16 Prozent. Und der hier ist für jene, die sich zum Teil dessen machen! So.

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Und vielleicht brauchen wir dann doch noch mal ein neues Album von Muff Potter.


(Direktlink)

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Fehlende Baugenehmigung: Bußgeld für einen Holzstapel

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Hier in Potsdam ist die städtische Bauverwaltung der Meinung, dass man für einige Feuerholzstapel eine Baugenehmigung beantragen müsse. „Der Stapel sei nun mal durch seine ‚eigene Schwere‘ mit dem Boden verbunden und stelle daher eine bauliche Anlage dar.“ Deshalb fordert die Stadt jetzt 1250,00 EUR Bußgeld von einem Hotelier, der auf der Halbinsel Hermannswerder schon seit 20 Jahren sein Holz genauso lagert.

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Hausprojekte in Potsdam übergeben freiwillig gefährliche Gegenstände an die Polizei

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(Foto: Indymedia, CC BY-NC-SA 2.0 DE)

Aus Solidarität mit der Rigaer Straße, in der aktuell ein Kuchenbasar von der Polizei aufgelöst wird, haben sich hier in Potsdam linke Hausprojekte zusammengetan und überlegt, wie sie mit den Sachen umgehen, die die Woche in Berlin als „gefährliche Gegenstände“ von der Polizei beschlagnahmt wurden. Sie sammelten also bei sich all das Zeug ein und brachten es gestern der Potsdamer Polizei.

„Wir haben am Samstag den 16.1.2016 um 21:00 Uhr die Potsdamer Polizeiwache aufgesucht. Ziel unseres Besuchs war es im Hinblick auf die Ereignisse in Berlin einer Hausdurchsuchung vorzugreifen und alle eventuell „gefährlichen“ Gegenstände selbst auszuhändigen.

Wir übergaben den Beamten mehrere Eimer voll mit Schrauben, Steinen, Flaschen, Holz, Kohle, Fahrradschläuchen, etc.

Dazu verlasen wir folgenden Text:

„Wir, Hausprojekte aus Potsdam, sind schockiert über die Ereignisse rund um die Rigaer Straße in Berlin.
Entweder hat es eine Verschärfung des Waffengesetzes gegeben und Holz, Bauzäune, Kohle, Matratzen und Steine gelten seit Anfang der Woche als Mordwaffen – oder wir haben es mit dem größten Fall von Polizeiwillkür der Gegenwart zu tun.

Wir glauben, dass Letzteres zutrifft!
Wir sind besorgt und erschreckt.

Um dieser neuen „Polizeitaktik“ hoffentlich zu entgehen, übergeben wir freiwillig die Gegenstände, die uns mit viel Phantasie als „gefährlich“ ausgelegt werden könnten.

Denn die Polizei hat in den letzten Tagen ja bewiesen, wie viel Phantasie sie hat.

Da wird aus einer Körperverletzung ganz schnell ein Akt des Terrors, der es rechtfertigt, vier Häuser gewalttätig zu öffnen, die Bewohner_innen zu demütigen, Nachbar_innen zu terrorisieren und Privaträume zu verwüsten.

Wir verurteilen das Vorgehen der Polizei aufs Schärfste und bringen hiermit unsere Solidarität mit den Betroffenen zum Ausdruck.

Ein Angriff auf einige von uns ist ein Angriff auf alle!“

Der diensthabende Beamte Hr. K. versicherte uns, dass es sich bei den Gegenständen nicht um gefährliche Objekte handele und wir uns keine Sorgen machen sollen. Er wollte die Gegenstände daher auch nicht annehmen. Vorsichtshalber haben wir sie trotzdem dagelassen.

Wir hoffen der Beamte K. infomiert seine Kollegen in Berlin schnell über den aktuellen Stand der Gefahrengutklassifizierung, bevor die Berliner Beamten noch mehr Satellitenschüsseln von Dächern sammeln.

Solidarische Grüße!“

(via Milena)

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Das Potsdamer Stadtschloss, der Brandenburgische Landtag, darf morgen mit Steinen beworfen werden

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(Foto: Neues Palais, Potsdam, Ronile, Public Domain)

Also mit Styropor-Steinen. In Gedenken an den Radikaldemokraten und Revolutionär Max Dortu. Die linksalternative Wählergruppe die Andere will damit „an Ereignisse aus dem November 1848 erinnern, als im benachbarten Berlin gerade die Reste der sogenannten März-Revolution niedergeschlagen wurden und in Potsdam unter Führung des später hingerichteten Max Dortu wütende Bürger Steine gegen das preußische Stadtschloss warfen.“

Die Polizei hatte dieses Vorhaben erst untersagt, „unter anderem mit dem Argument, dass selbst Styropor-Steine, geworfen mit „ausreichend Kraft“, für Kopfverletzungen sorgen könnten.“ Ein Richter hat diese Entscheidung jetzt kassiert und so kann morgen jeder Steine auf das lange und zu recht diskutierte Stadtschloss werfen. Wollte ich schon immer mal, muss allerdings arbeiten.
(Danke, Profemo!)

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Wenn Zeitungen die Ersthelfer zu Flüchtlingsgegnern machen

Auch hier in Potsdam konnten in den letzten Wochen endlich hunderte Flüchtlinge ein vorläufiges Ende ihrer Flucht und somit eine Bleibe finden. Wie fast überall ging das nur, weil sich ehrenamtliche Helfer die Tage und die Nächte um die Ohren geschlagen haben, da die Städte, die Kommunen und letzendlich der Staat schlicht nicht in der Lage sind/ist, sich angemessen um die Flüchtenden zu kümmern und diese zu versorgen.

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Hier war für diese Hilfe ein Verein mit ausschlaggebend: das Potsdamer freiLand. Ein linksalternatives Jugendzentrum, das sowohl die Organisation als auch die Koordination und letztendlich die Umsetzung der Erstbetreuung übernahm. Dafür wurde nicht nur eine Facebook-Gruppe gegründet und ein Tumblr aufgesetzt, sondern am Ende natürlich auch vor Ort Arbeit geleistet, die ohne diese Menschen eben keiner leisten würde. Schon gar nicht die Stadt. Es wurde Wasser und Essen besorgt, ein WLAN gebaut, Spenden gesammelt und sortiert und an die Ankommenden weitergeleitet. Von Seiten der Stadt waren in diesen Nächten kaum Helfer vor Ort, nach ein paar Tagen übernahm dann das DRK die Orga und die Koordination. Wie die Menschen dort empfangen worden wären, wenn die Initiative des freiLands nicht stattgefunden hätte, kann ich nicht beurteilen, zunehmend aber habe ich das Gefühl, dass der Staat sich auf die Hilfe von Freiwilligen verlässt und auch deshalb eher träge reagiert – wenn überhaupt.

Eigentlich sollte die Arbeit, die Freiwillige Land auf, Land ab leisten, Sache der Kommunen sein, die damit absolut überfordert scheinen. Mely Kiyak hat darüber einen ganz großartigen Artikel geschrieben, der mir aus der Seele spricht: Brot dringend, Wasser sehr dringend!

„Und der Landwirtschaftsminister könnte mal die Industrie zwingen, dass sie den gesamten Bedarf an Milch und Brot für die Versorgung der Flüchtlinge übernimmt. Wer als Lebensmittelunternehmen die Felder der Welt plündert, Menschen und Ressourcen ausbeutet, soll sich anschließend um die Handvoll Hungrigen kümmern, die bei uns landen. Nestlé und Co! Ihr seid gemeint! 70 % der Agrarflächen Rumäniens werden von ausländischen Unternehmen kontrolliert. Aber sich aufregen, wenn arme Rumänen Deutschland betreten!

Nein, nein, Leute, wir müssen wütender werden. Und genauer aufpassen, dass wir nicht an die Stelle von Pflicht und Grundversorgung Hilfsbereitschaft setzen. Wir leben gerade den Traum der FDP. Der Staat zieht sich zurück und die Bürger springen ein. Ich möchte daran erinnern, dass wir als Bürger dieses Landes Steuern zahlen. Wir dürfen nicht nur, wir müssen laut werden und an unsere Politiker gerichtet sagen: Wir gehören zu den reichsten Ländern dieser Erde. Es ist Eure Aufgabe die Bedarfslisten durchzuklicken. Nicht unsere! Unsere Aufgabe ist es, die Flüchtlinge in unsere Mitte zu nehmen. Jeder, wie er kann.“

So sieht’s nämlich aus!

Nun ist es so, dass auch hier gesagt und geschrieben wird, dass die räumlichen Kapazitäten zur Unterbringung „knapp“ werden. Kein Wunder. Die Stadt verscherbelt seit Jahren alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt, um dort dann Eigentumswohnungen bauen zu lassen. Proberäume und oder Ateliers gibt es hier auch deshalb kaum noch welche, weil fast alle alternativen Kulturstädten über die Jahre auf Hochglanz saniert wurden, und auch deshalb jetzt zwangsläufig wirtschaftlich arbeiten müssen, weshalb aus den einst „alternativen“ Kulturstädten ganz fix kommerzielle wurden, die eigentlich immer nur furchtbar Langweiliges bieten. Manche Ateliers sind in alten noch nicht sanierten Immobilien von Leuten untergekommen, die sich Kunst „leisten wollen“ und das auch können. Freiräume, die noch nicht zu Geld gemacht wurden, gibt es kaum noch.

Nun ist die Stadt auf der Suche nach Möglichkeiten, Flüchtende unterbringen zu können. Dass man mit Krampnitz über die Jahre hinweg eine alte Russenkaserne mit der Infrastruktur einer Stadt hat schlichtweg vergammeln lassen, bis sich ein Investor finden konnte, scheint vergessen – darüber spricht ja auch keiner so gerne. Darüber, dass trotzdem in der Stadt immer noch Immobilien leer stehen, die von irgendwem in den letzten Jahren gekauft wurden, auch nicht. Auch darüber nicht, dass das erste Hotel im Zentrum immer miserabel gebucht ist, weshalb man es von Seiten der Stadt am liebsten hätte auch schon abreißen wollen. So gesehen wird es halt schon eng. Meint auch ein Autor des lokalen Tagesspiegel-Ablegers PNN, der jetzt in seiner Printausgabe ausgerechnet den Menschen vom freiLand vorwirft, keine Flüchtenden auf ihrem Gelände haben zu wollen.

Kurz zur Erklärung: Das freiLand ist hier in Potsdam die letzte echte alternative Kulturstädte. Sie bietet Proberäume, mit dem Spartacus den letzten echten, besuchbaren Dancefloor, einen Jugendclub, Ateliers und eine für Potsdamer Verhältnisse große Außenfläche.

Nun kam die Stadt wegen der oben, gänzlich selbst gebackenen Probleme, auf die Idee, dem Freiland ein paar Zelte auf die Freiflächen zu stellen, in denen sie Flüchtlinge unterbringen will. An sich kein Ding, machen die dort sicher gerne. Weiß ich. Weil genau die es ja auch erst möglich machen, dass das hier an anderen Stellen überhaupt erst funktioniert! Das Problem daran ist, dass man das auf der staatlich mittlerweile gerne gefahrenen Sparflamme zu machen gedenkt. In sogenannten Container-Zelten. Mit dutzenden Menschen, die auf engstem Raum zusammen leben sollen. Diese Art von Unterbringung also, die keiner wirklich gutheißen mag. Auch die immer engagierten Leute vom Freiland nicht. Zudem sind keinerlei Gemeinschaftsräume für die Flüchtenden geplant, ebenso wenig wie Küchenräume. Weil Container-Zelte eben scheiße sind. Zumal dann, wenn es wie hier, zur Genüge menschenwürdige Alternativen gäbe, wenn die Stadt sich endlich mal an ihre Pflichten erinnern und die Nummer mit der Sparflamme vergessen würde.

Also schreibt das freiLand einen offenen Brief an die Stadt, den ich hier mal komplett zitieren will, weil der Kontext das verlangt.

Offener Brief des freiLand 22.09.2015

freiLand: Refugees Welcome! – Containerzelte? No Way!

Seit Beginn der letzten Woche kommen immer mehr Flüchtlinge in Potsdam an. Das freiLand unterstützt die vielen Freiwilligen in der Heinrich-Mann-Allee 103 mit seinen Ressourcen von Beginn an. Dass diese Unterstützung auch auf dem eigenen Gelände weiter geführt werden soll, ist für alle Aktiven des Kulturzentrums selbstverständlich.

Am Montag dem 14.09.2015 erreichte uns über eine Arbeitsgruppe der Stadt Potsdam die Anfrage, ob auf dem freiLand-Gelände über einen längeren Zeitraum Unterkünfte für Geflüchtete aufgestellt werden könnten. Längerer Zeitraum bedeutet hier eine Unterbringung von Flüchtlingen über mehrere Jahre und nicht ein vorübergehendes Provisorium.
Nach den Plänen der Arbeitsgruppe handelt es sich um zwei Container mit Stoffdächern, welche mit einer Größe von 12 mal 30 Metern, jeweils 48 Geflüchteten Platz bieten sollen. Diese “Containerzelte” enthalten laut Angaben der Arbeitsgruppe nur Schlafplätze. Sanitäreinrichtungen würden zusätzlich auf dem Gelände installiert werden. Auf die Einrichtung von Gemeinschaftsräumen und Küchen soll nach Angaben der Arbeitsgruppe verzichtet werden. Es ist an eine Essensversorgung über ein Cateringunternehmen gedacht. Die Beheizung dieser Containerzelte soll über ein Heißluftgebläse erfolgen. Weitere sechs Container sollen an anderen Standorten in und nahe Potsdam platziert werden. Aus unserer Sicht ist diese Form der massenhaften Unterbringung von Geflüchteten über Monate und Jahre hinweg unzumutbar. Sie nimmt den Menschen die letzten Möglichkeiten, selbstbestimmt zu leben und zu handeln. Das ist einfach würdelos sowohl für die Flüchtenden, als auch für uns, die aufnehmende Gesellschaft. Mit den Prinzipien der Solidarität ist diese Art der Unterkunft nicht vereinbar. Wir sind überrascht ob der Ideenlosigkeit von Politik und Verwaltung.

Das freiLand ist sich in Anbetracht der aktuellen Situation seiner Verantwortung als öffentlicher Raum im vollem Umfang bewusst und absolut bereit, Menschen einen Zufluchtsort – auf bestimmte oder unbestimmte Zeit – zu bieten. Eine Unterbringung von Geflüchteten im freiLand ist für das freiLand-Plenum nur unter Voraussetzungen denkbar, die für die Menschen ein Mindestmaß an Wohn- und Lebensraumstandard und auch einen weiteren Betrieb des freiLand als Kulturzentrum zulassen.

Wir bieten an, gemeinsam mit der Stadt und anderen Akteuren Lösungen zu erarbeiten, welche für die Untergebrachten eine gewisse Lebensqualität ermöglichen.

Wir fordern die Stadt auf, für die Unterbringungen von Geflüchteten alle leerstehenden Immobilien zu nutzen, denn eine Behausung in gebläsebeheizten Containerzelten über Monate oder Jahre kann nicht eine in Betracht zu ziehende Antwort einer wohlhabenden Gesellschaft auf die humanitären Katastrophen unserer Zeit sein. Die Ertüchtigung von leerstehenden Gebäuden wie der ehemaligen VHS in der Dortustraße, der Fachhochschule am Alten Markt, des Kreiswehrersatzamtes in der Berliner Straße oder auch Gebäudeteile des Rechenzentrums müssen von der Stadt ernsthaft geprüft werden, anstatt finanzielle Ressourcen in die Errichtung dieser menschenunwürdigen “Zeltcontainer” zu investieren.

Wir laden andere Kultur- und Sozialeinrichtungen dieser Stadt ein, sich mit der langfristigen Unterbringung von Flüchtlingen zu beschäftigen. Wir sehen darin die Chance, ein gemeinsames Netzwerk aufzubauen, welches uns hilft diese Aufgaben kollektiv zu bewältigen.

Wir sehen eine weitere Möglichkeit in der momentan in Berlin diskutierten temporären Beschlagnahme leerstehender Gewerberäume gegen Entschädigung. Es existieren einige in Frage kommende Objekte, die wenigstens halb leer stehen, zum Beispiel in der Gartenstraße in Babelsberg oder in der David-Gilly-Str. in Bornstedt. Auch wenn eine Unterbringung in Büroräumen nicht optimal sein mag, ist sie einer Containerlösung allemal vorzuziehen.

Wir wollen alle möglichen Ressourcen zur Aufnahme von Geflüchteten ausschöpfen und trotzdem nicht den Fokus und die Kritik an den Fluchtursachen und gesamtgesellschaftlichen Problemen verlieren. Aktuell steht eine unsinnige und unmenschliche Asylrechtsgesetzesverschärfung an, die 100.000 Geflüchtete obdachlos und ohne Unterstützung zurückzulassen droht. – Das muss verhindert werden! In diesen Zeiten kann die lokale Hilfe nur ein Teil der Änderungen der gesamtgesellschaftlichen Zustände sein.

Öffnet die Grenzen und Häuser!

Ein sehr deutliches Statement, wie ich finde. Ihr Pfeifen in den Parlamenten, macht endlich eure Arbeit! Und macht sie endlich mal in voller Verantwortung.

Aber dann kam eben die PNN und versucht mit diesem Artikel, aus den immer Engagierten und Helfenden Flüchtlingsgegner zu machen.

„Die Nutzer des linksalternativen Jugendzentrums „Freiland“ wollen nicht, dass Asylbewerber neben ihrem Gelände untergebracht werden – zumindest dann nicht, wenn die Flüchtlinge in Hallen unterkommen und ihr alternativer Kulturbetrieb dadurch eingeschränkt würde.“

freiland

Geschrieben wurde das von Henri Kramer, der offenbar so was wie der Bild-Wagner der PNN werden will. Wenn man sich nur mal drei Minuten Zeit nimmt und das diesbezügliche Engagement des freiLands recherchiert, kann man Absurderes kaum noch schreiben. Delikater Weise kam die Printausgabe mit einer gänzlich anderen Headline. Dort stand nämlich sinngemäß, dass das freiLand keine Flüchtlinge haben will. Ausgerechnet das freiLand.

Vielleicht war er betrunken, vielleicht wusste er auch gar nicht, was er da schrieb, aber das ist der größte Mumpitz, den ich seit langem aus und über diese Stadt lesen musste. Ich meine, wie drüber kann man sein, wenn man schreibt, „Die Landeshauptstadt ist engagiert, macht im Vergleich zu vielen anderen Kommunen eine vorbildliche Flüchtlingspolitik.“, wenn ausgerechnet die Leute vom freiLand dafür sorgen, dass diese Menschen erstversorgt werden? Wo waren eigentlich die Vertreter der Stadt an dem Abend als die Busse aus Passau ankamen? Die Leute vom freiLand waren vor Ort. Und wo war Henri Kramer?

Und wenn wir gerade bei Mumpitz sind, ist die Bild natürlich nicht weit, die diesen Rotz einfach und offenbar unnachgefragt übernimmt. Um linke Alternativen diskreditieren zu können. Na klar. „Wir helfen“ und so. Am liebsten immer uns selber. Wir erinnern uns.




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Neulich in Potsdam: Betrunkener pinkelt gegen Polizeiauto


(Symbolfoto: Martin Rapp, CC-BY-SA 3.0)

Hier in Potsdam war am Wochenende so wie jedes Jahr „Stadtwerkefest“. Eine Veranstaltung für die der ortansässige Energieanbierter jährlich abgehalfterte Stars aus den Bereichen Rock und Pop auf die Bühne bringt und für die Massen singen lässt. Grundsätzlich kein Grund, dafür das Haus zu verlassen. 

Offenbar gab es auch in diesem Jahr wieder welche, die mit dem Gebotenen nicht ganz glücklich waren und ihr Adrenalin über andere Wege in Wallung bringen wollten. So pinkelte ein Betrunkener im Beisein von Beamten gegen ein Polizeiauto. Er landete nach einer dann von ihm ausgehenden Tätlichkeit in Gewahrsam. 

Pipi, Haue, Fesseln, Knast – mit diesen vier Worten lässt sich in etwa der Abend eines 49-Jährigen Berliners zusammenfassen.

Der Mann war am Samstag zu Gast auf dem Potsdamer Stadtwerkefest und hatte offenbar Spaß oder zumindest viel getrunken oder beides. 

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Murhaf Husam Eddins „Blind Trust Project – Germany 2015“ in Potsdam

Murhaf Husam Eddin auf der Brandenburger Straße in Potsdam. Die Idee ist nicht ganz neu, AsoOmii Jay hatte sie schon Ende Januar und stellte sich in Toronto auf die Straße. Murhaf Husam Eddin holt die Idee jetzt nach Deutschland, genauer nach Potsdam. Ich mag meine Stadt.

Ich bin Murhaf Husameddin und ich komme aus Syrien.
In Syrien nannten sie mich Terrorist, aber das bin ich NICHT!
Niemand vertraut mir.
Doch ich vertraue euch!
Wenn du mir vertraust, UMARME MICH!


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Ganz schön doof, Ronny: hast du wirklich gedacht, dass es in deiner Stadt anders wäre, wenn Flüchtlinge kommen würden?

tl;dr:

Geil ist ja auch immer, dass jene, deren fremdenfeindliches Geblubber nicht unwidersprochen von allen hingenommen wird, dann meinen, alle würden sie gleich ‚Nazi‘ nennen. Auch wenn das fast niemand tut. Da überholt das Selbstbild dann wohl immer das Metabild. Das ist lustig.

Und na klar kann man sagen, „Ich bin fremdenfeindlich und das ist meine Meinung!“, aber dann ist man halt ein Arschloch. Ganz einfache und klare Angelegenheit.

¯\_(ツ)_/¯

Ronny, du denkst immer, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus würde irgendwo in Dresden, MaHe, Dortmund, Hannover, Meck-Pomm oder Schneeberg oder überhaupt irgendwo anders stattfinden, obwohl du es eigentlich besser weißt. Du denkst dann trotz allem, aber doch nicht in deiner Stadt, die du schon seit langem für überwiegend antifaschistisch hältst. Weil du sie so kennen und lieben gelernt hast über die Jahre. Weil du so doof warst, dich überwiegend in den Kreisen aufzuhalten, in denen es selbstverständlich war, Menschen nichtdeutscher Herkunft, woher auch immer sie kamen, als das zu akzeptieren, was sie in erster Linie mal sind: Menschen. „Ey, hier in Potsdam doch nicht! Bei uns doch nicht. Diese Stadt ist bunt. War sie immer.“, redest du dir fälschlicher- und oberfläschlicherweise ein und unterschlägst dabei, dass die hier schon in den 90er Jahren Schutzgeld erpressende und Angst verbreitende Nazi-Hool-Clique das damals schon ganz anders gesehen hat. Obwohl du es besser wissen müsstest, nachdem sich dich gejagt und dir auf die Fresse angeboten haben.

Nach dem Angriff auf Ermyas M., den sie in B-West 2006 fast tot geprügelt haben.

Nachdem die dich in den späten 90ern jagenden Nazi-Hools nach der Jahrtausendwende zu Nazi-Rockern wurden und sich am Wochenende immer in der Rockerkneipe trafen, neben der genau deine Mietswohnung lag und wo du sie immer schön wieder erkennen konntest.

Nachdem du wusstest, dass die JN in Waldstadt weit vertreten war und sich an den Wochenenden auch „über die Brücken“ traute, um am Platz der Einheit junge Antifas aus der Tram zu schubsen und sie dort im schlimmsten Fall vermöbelten.

Nachdem du selber Psy-Partys machtest, auf denen du eigenhändig Nazis rausschmeißen musstest, weil sie, wie sie sich rechtfertigend sagten, „diese ekelhaften Zecken nicht ertragen würden“, die neben ihnen auf dem Dance kifften und ihnen ohne jegliche Vorwarnung auf die Fresse hauten, was dir mehr als nur unsagbar peinlich war.

Nachdem du wusstest, dass dunkelhäutige Freunde und Bekannte immer wieder darüber berichteten, dass sie sich in dieser Stadt abends und nachts alleine nicht ganz so wohl fühlen würden. Weil sie das Gefühl hatten, dass andere ihnen zumindest verbal übergriffig wurden, was ja eigentlich schon genug des Übels wäre.

Du hast es dir in den letzten Jahren ganz schön gemütlich gemacht. Erst im besetzten Archiv, wo du offensichtliche Nazis an der Tür einfach nicht auf deine Veranstaltungen gelassen hast. Und später dann hin und wieder im Spartacus, wo die junge Antifa das Sagen hat, was du seit jeher zu schätzen weißt. „Die kümmern sich schon darum.“, hast du so gedacht, „Sollen die mal jetzt unsere alten Kämpfe austragen, die machen das schon.“ Und irgendwie schien das ja auch zu laufen. Irgendwann würde das hier alles mal besser werden, hast du gehofft und vielleicht sogar tatsächlich geglaubt.

Du hast es dir mit deinem linkslastigen Umfeld immer schön einfach gemacht. Keine Rassisten dabei, keine Arschlöcher. Alle, die irgendwie glaubten, irgendwer anders würde sich schon darum kümmern. Obwohl du selber weißt, dass junge politisierte Menschen mittlerweile eine echte Minderheit geworden sind, weil alle anderen an wenig Arbeit für viel Geld interessiert sind und im Regelfall primär nur daran.

Obwohl du weißt, dass einige von denen extreme Vorurteile gegen Nichtdeutsche und überhaupt alles irgendwie anders wirkende in sich tragen. Und das sie diese auch nach außen kehren, ohne das sie sich jemals neben der in den letzten Jahren ach so alles irgendwie alles okay findenden Mitte „politischen Mitte“ eintakten würden. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ „Ich bin kein Nazi, aber…“ und diese ganze Scheiße, über die du dich auch ganz gerne schon mal lustig machst. Nur leider ist das so lustig gar nicht.

Du gehts immer schön arbeiten, betreust u.a. täglich eine Handvoll syrischer Flüchtlingskinder, die vor einem Jahr in die Gemeinde kamen, in der du halt arbeitest, hast ihre Wunden gesehen und bildest dir ein, jene erahnen zu können, die du nicht sehen kannst. Du Narr.

Du findest es gut, dass ein paar hundert Meter weiter demnächst ein Flüchtlingsheim entstehen wird. Na klar. Dass die dort Ankommenden in Containern hausen müssen, findest du total beschissen. Auch weil du weißt, dass diese „Integration“, die immer alle fordern, viel besser individualisiert funktionieren kann und auch weil du weißt, das es für alle dort endlich Frieden Suchenden nur zwei in Vollzeit bezahlte Sozialarbeiterstellen geben soll. Für 150 Menschen. Ein Betreuungsschlüssel von 1:80. Ein Betreuer für 80 Menschen. Und das auch nur von 09:00 bis 18:00 Uhr. „Den Rest übernimmt ein Sicherheitsdienst“. Wir erinnern uns…

Du siehts ja täglich, wie gut Integration funktionieren kann, wenn man ihren Ursprung nicht über Massenunterkünfte zu gebären versucht. Allein, dafür gibt unser Land nicht die Mittel aus. Obwohl die da wären. Das allerdings wäre mehr als nur sinnvoll – es wäre nötig – aber irgendwie scheint der ökonomische Gedanke da in den Amts- und Regierungsstuben Vorrang zu haben. Diese „Integration“, die paradoxerweise auch aus jenen gerne gefordert wird, wird eben aus diesen nicht sonderlich unterstützt. „Man tut dort halt, was man kann“, wird gesagt, was am Ende bedeutet, dass man nicht mehr tut, als für diese Menschen nötig ist. Aber immerhin können diese Menschen so überhaupt irgendwo hin und irgendwie exogenen Frieden finden, der endogene wird noch lange auf sich warten lassen, wenn er denn überhaupt irgendwann mal Einzug halten sollte. Wir haben keine Ahnung, was diese Menschen tatsächlich durchgemacht haben, um hier irgendwann in einem abgefuckten Containerdorf landen zu können.

Und du… Ausgerechnet du warst so blöde, zu glauben, dass es überall außer in ausgerechnet deiner Stadt so laufen würde, wie es in Dresden, MaHe, Dortmund, Hannover, Meck-Pomm oder Schneeberg oder überhaupt irgendwo anders halt so läuft. Dort, wo die von ausgemachten Fremdenfeinden Angeführten, ehemals ostdeutsche Parolen (Fickt euch dafür!) propagierend, auf die Straßen gehen und meinen, ja nur „besorgte Bürger“ sein zu wollen. „Sein zu wollen“ ist in diesem Kontext rhetorisch übrigens wichtig, weil sie es vielleicht auch wirklich gar nicht besser wissen. Weil sie davon ausgehen, ja nur Teil dieser „politischen Mitte“ zu sein, die man uns allen seit Jahren zu verkaufen versucht. Bei denen hat das halt gefruchtet. Dagegen hat ja aber leider auch kaum einer was zu tun versucht. Alle wollten schön bequem Teil der neuen „politischen Mitte“ sein. My ass.

Und so dachtest du halt, dass auch wenn es überall anders scheiße laufen würde, es in ausgerechnet „deiner Stadt“ aber irgendwie besser funktionieren würde. Weil du halt mal wieder davon ausgingst, dass in dieser Stadt fast alle so ticken würden, wie es eben du und deine Freunde so tun. Am Arsch. Fremdenfeindlichkeit und offener Rassismus kennt keine geographischen Grenzen, auch nicht in Potsdam. Und wenn du ehrlich bist, wusstest du genau das auch immer schon. Auf einmal aber verfliegt deine über die Jahre ach so schön eingerichtete Gemütlichkeit. Und es wird dir gar ein bisschen peinlich, weil du eigentlich ganz genau weißt, das es überall da draußen täglich genau so läuft. Dabei warst du mal einer derer, die bis vor kurzem noch meinten, „Seit den 90ern hat sich nichts geändert.“

Das alles, weil du die Facebook-Kommentare unter einer Gruppe gelesen hast, die sich primär um Fotos aus deiner Stadt bemüht und in der jemand ein Infoschreiben bzgl. eines geplanten Flüchtlingsheimes thematisierte und du kotzt dir nach diesen die Seele aus dem Leib.

fuckyouall

Ein paar Auzüge:

Zum Glück gab es in dieser Gruppe auch viele der Gegenstimmen, die genau du in genau diesem Kontext erwartet hast. Aber es waren viel zu wenige.

Und trotzdem, Ronny, du warst in den letzten Monaten/Jahren ganz schön naiv, oder besser noch auch ganz schön doof. War ja bis hier auch irgendwie okay. Aber nun: Zeit, den Arsch mal wieder hochzukriegen. Für alle.

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