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Schlagwort: Potsdam

Ganz schön doof, Ronny: hast du wirklich gedacht, dass es in deiner Stadt anders wäre, wenn Flüchtlinge kommen würden?

tl;dr:

Geil ist ja auch immer, dass jene, deren fremdenfeindliches Geblubber nicht unwidersprochen von allen hingenommen wird, dann meinen, alle würden sie gleich ‚Nazi‘ nennen. Auch wenn das fast niemand tut. Da überholt das Selbstbild dann wohl immer das Metabild. Das ist lustig.

Und na klar kann man sagen, „Ich bin fremdenfeindlich und das ist meine Meinung!“, aber dann ist man halt ein Arschloch. Ganz einfache und klare Angelegenheit.

¯\_(ツ)_/¯

Ronny, du denkst immer, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus würde irgendwo in Dresden, MaHe, Dortmund, Hannover, Meck-Pomm oder Schneeberg oder überhaupt irgendwo anders stattfinden, obwohl du es eigentlich besser weißt. Du denkst dann trotz allem, aber doch nicht in deiner Stadt, die du schon seit langem für überwiegend antifaschistisch hältst. Weil du sie so kennen und lieben gelernt hast über die Jahre. Weil du so doof warst, dich überwiegend in den Kreisen aufzuhalten, in denen es selbstverständlich war, Menschen nichtdeutscher Herkunft, woher auch immer sie kamen, als das zu akzeptieren, was sie in erster Linie mal sind: Menschen. „Ey, hier in Potsdam doch nicht! Bei uns doch nicht. Diese Stadt ist bunt. War sie immer.“, redest du dir fälschlicher- und oberfläschlicherweise ein und unterschlägst dabei, dass die hier schon in den 90er Jahren Schutzgeld erpressende und Angst verbreitende Nazi-Hool-Clique das damals schon ganz anders gesehen hat. Obwohl du es besser wissen müsstest, nachdem sich dich gejagt und dir auf die Fresse angeboten haben.

Nach dem Angriff auf Ermyas M., den sie in B-West 2006 fast tot geprügelt haben.

Nachdem die dich in den späten 90ern jagenden Nazi-Hools nach der Jahrtausendwende zu Nazi-Rockern wurden und sich am Wochenende immer in der Rockerkneipe trafen, neben der genau deine Mietswohnung lag und wo du sie immer schön wieder erkennen konntest.

Nachdem du wusstest, dass die JN in Waldstadt weit vertreten war und sich an den Wochenenden auch „über die Brücken“ traute, um am Platz der Einheit junge Antifas aus der Tram zu schubsen und sie dort im schlimmsten Fall vermöbelten.

Nachdem du selber Psy-Partys machtest, auf denen du eigenhändig Nazis rausschmeißen musstest, weil sie, wie sie sich rechtfertigend sagten, „diese ekelhaften Zecken nicht ertragen würden“, die neben ihnen auf dem Dance kifften und ihnen ohne jegliche Vorwarnung auf die Fresse hauten, was dir mehr als nur unsagbar peinlich war.

Nachdem du wusstest, dass dunkelhäutige Freunde und Bekannte immer wieder darüber berichteten, dass sie sich in dieser Stadt abends und nachts alleine nicht ganz so wohl fühlen würden. Weil sie das Gefühl hatten, dass andere ihnen zumindest verbal übergriffig wurden, was ja eigentlich schon genug des Übels wäre.

Du hast es dir in den letzten Jahren ganz schön gemütlich gemacht. Erst im besetzten Archiv, wo du offensichtliche Nazis an der Tür einfach nicht auf deine Veranstaltungen gelassen hast. Und später dann hin und wieder im Spartacus, wo die junge Antifa das Sagen hat, was du seit jeher zu schätzen weißt. „Die kümmern sich schon darum.“, hast du so gedacht, „Sollen die mal jetzt unsere alten Kämpfe austragen, die machen das schon.“ Und irgendwie schien das ja auch zu laufen. Irgendwann würde das hier alles mal besser werden, hast du gehofft und vielleicht sogar tatsächlich geglaubt.

Du hast es dir mit deinem linkslastigen Umfeld immer schön einfach gemacht. Keine Rassisten dabei, keine Arschlöcher. Alle, die irgendwie glaubten, irgendwer anders würde sich schon darum kümmern. Obwohl du selber weißt, dass junge politisierte Menschen mittlerweile eine echte Minderheit geworden sind, weil alle anderen an wenig Arbeit für viel Geld interessiert sind und im Regelfall primär nur daran.

Obwohl du weißt, dass einige von denen extreme Vorurteile gegen Nichtdeutsche und überhaupt alles irgendwie anders wirkende in sich tragen. Und das sie diese auch nach außen kehren, ohne das sie sich jemals neben der in den letzten Jahren ach so alles irgendwie alles okay findenden Mitte „politischen Mitte“ eintakten würden. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ „Ich bin kein Nazi, aber…“ und diese ganze Scheiße, über die du dich auch ganz gerne schon mal lustig machst. Nur leider ist das so lustig gar nicht.

Du gehts immer schön arbeiten, betreust u.a. täglich eine Handvoll syrischer Flüchtlingskinder, die vor einem Jahr in die Gemeinde kamen, in der du halt arbeitest, hast ihre Wunden gesehen und bildest dir ein, jene erahnen zu können, die du nicht sehen kannst. Du Narr.

Du findest es gut, dass ein paar hundert Meter weiter demnächst ein Flüchtlingsheim entstehen wird. Na klar. Dass die dort Ankommenden in Containern hausen müssen, findest du total beschissen. Auch weil du weißt, dass diese „Integration“, die immer alle fordern, viel besser individualisiert funktionieren kann und auch weil du weißt, das es für alle dort endlich Frieden Suchenden nur zwei in Vollzeit bezahlte Sozialarbeiterstellen geben soll. Für 150 Menschen. Ein Betreuungsschlüssel von 1:80. Ein Betreuer für 80 Menschen. Und das auch nur von 09:00 bis 18:00 Uhr. „Den Rest übernimmt ein Sicherheitsdienst“. Wir erinnern uns…

Du siehts ja täglich, wie gut Integration funktionieren kann, wenn man ihren Ursprung nicht über Massenunterkünfte zu gebären versucht. Allein, dafür gibt unser Land nicht die Mittel aus. Obwohl die da wären. Das allerdings wäre mehr als nur sinnvoll – es wäre nötig – aber irgendwie scheint der ökonomische Gedanke da in den Amts- und Regierungsstuben Vorrang zu haben. Diese „Integration“, die paradoxerweise auch aus jenen gerne gefordert wird, wird eben aus diesen nicht sonderlich unterstützt. „Man tut dort halt, was man kann“, wird gesagt, was am Ende bedeutet, dass man nicht mehr tut, als für diese Menschen nötig ist. Aber immerhin können diese Menschen so überhaupt irgendwo hin und irgendwie exogenen Frieden finden, der endogene wird noch lange auf sich warten lassen, wenn er denn überhaupt irgendwann mal Einzug halten sollte. Wir haben keine Ahnung, was diese Menschen tatsächlich durchgemacht haben, um hier irgendwann in einem abgefuckten Containerdorf landen zu können.

Und du… Ausgerechnet du warst so blöde, zu glauben, dass es überall außer in ausgerechnet deiner Stadt so laufen würde, wie es in Dresden, MaHe, Dortmund, Hannover, Meck-Pomm oder Schneeberg oder überhaupt irgendwo anders halt so läuft. Dort, wo die von ausgemachten Fremdenfeinden Angeführten, ehemals ostdeutsche Parolen (Fickt euch dafür!) propagierend, auf die Straßen gehen und meinen, ja nur „besorgte Bürger“ sein zu wollen. „Sein zu wollen“ ist in diesem Kontext rhetorisch übrigens wichtig, weil sie es vielleicht auch wirklich gar nicht besser wissen. Weil sie davon ausgehen, ja nur Teil dieser „politischen Mitte“ zu sein, die man uns allen seit Jahren zu verkaufen versucht. Bei denen hat das halt gefruchtet. Dagegen hat ja aber leider auch kaum einer was zu tun versucht. Alle wollten schön bequem Teil der neuen „politischen Mitte“ sein. My ass.

Und so dachtest du halt, dass auch wenn es überall anders scheiße laufen würde, es in ausgerechnet „deiner Stadt“ aber irgendwie besser funktionieren würde. Weil du halt mal wieder davon ausgingst, dass in dieser Stadt fast alle so ticken würden, wie es eben du und deine Freunde so tun. Am Arsch. Fremdenfeindlichkeit und offener Rassismus kennt keine geographischen Grenzen, auch nicht in Potsdam. Und wenn du ehrlich bist, wusstest du genau das auch immer schon. Auf einmal aber verfliegt deine über die Jahre ach so schön eingerichtete Gemütlichkeit. Und es wird dir gar ein bisschen peinlich, weil du eigentlich ganz genau weißt, das es überall da draußen täglich genau so läuft. Dabei warst du mal einer derer, die bis vor kurzem noch meinten, „Seit den 90ern hat sich nichts geändert.“

Das alles, weil du die Facebook-Kommentare unter einer Gruppe gelesen hast, die sich primär um Fotos aus deiner Stadt bemüht und in der jemand ein Infoschreiben bzgl. eines geplanten Flüchtlingsheimes thematisierte und du kotzt dir nach diesen die Seele aus dem Leib.

fuckyouall

Ein paar Auzüge:

Zum Glück gab es in dieser Gruppe auch viele der Gegenstimmen, die genau du in genau diesem Kontext erwartet hast. Aber es waren viel zu wenige.

Und trotzdem, Ronny, du warst in den letzten Monaten/Jahren ganz schön naiv, oder besser noch auch ganz schön doof. War ja bis hier auch irgendwie okay. Aber nun: Zeit, den Arsch mal wieder hochzukriegen. Für alle.

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Potsdam 1990: Mit der Straßenbahn vom Platz der Einheit zur Kastanienallee

Ich bin zwar in dieser Stadt geboren, aufgewachsen allerdings bin ich 30 Kilometer östlich von ihr und bis zum Fall der Mauer war ich auch verhältnismäßig selten in Potsdam. Auch weil die Wahrscheinlichkeit H-Milch, Werder Ketschup oder einen neuen Kotflügel für Vaters Trabbi zu bekommen in Berlin immer höher war, weshalb die Eltern dann eher 3-4 Mal im Jahr den Weg nach Berlin auf sich nahmen, worüber ich hier vor sieben Jahren schon mal konkreter schrieb.

Potsdam war damals gut, um hin und wieder im „Russenmagazin“ einzukaufen, oder auf der Brandenburger, die Potsdamer liebevoll „Broadway“ nannten, im „Delikat“ nach Neuem zu stöbern. Meistens machten wir Familienausflüge nach Sanssouci, wenn mal Geschwister von meinem Vater aus dem Norden in die Mitte der DDR kamen, um uns dort zu besuchen.

Vielmehr verband mich und Potsdam damals eigentlich nicht. Vielleicht noch der Schwimmunterricht, den die Schule am Brauhausberg durchführte und gelegentliche Punktspiele, die das beste Handball-Team Brandenburgs auswärts zu bestreiten hatte. Die BSG Teltow. Mit mir im Tor.

Wichtig wurde Potsdam erst, als die Mauer dann weg war. Die S-Bahn fuhr über Nikolassee und Grunewald, wo es die besten Strecken zum S-Bahn Surfen gab, weil die Bahnhöfe ewig weit auseinanderliegen. So starteten wir manche Wochendabende bei Burger King auf dem Ku’damm, surften fuhren dann von Zoo aus mit der heutigen S7 nach Potsdam und ließen uns im frisch besetzten Waschhaus den Arsch mit Techno versohlen. 1993 muss das gewesen sein.

Drei Jahre vorher ist dieses Tram-Video hier gemacht worden. Es zeigt den Weg der heutigen Linie 94 vom Platz der Einheit zur Kastanienallee und es ist echt krass, wie sehr sich diese Stadt in den letzten 25 Jahren verändert hat. Klar, sind 25 Jahre auch eine lange Zeit, die viel Raum für Veränderungen zulässt, das so zu sehen allerdings ist dennoch irgendwie beeindruckend.

Start: Platz der Einheit, den hier alle PdE nennen. Die Wilhelm-Galerie gab es damals noch nicht, stattdessen stand dort ein kleines Kaufhaus. Einfahrt Charlottenstraße, wo auf der Ecke heute ein Designer-Laden ist, vorbei am Scharwarma, wo nun die besten Falafel der Stadt gemacht werden. Café Olga, der Buchladen Sputnik, das recht neue Hipster-Café Höhe Dortustraße, damals alles noch Ideen der kommenden Jahre, alles noch nicht da. Der Stadtwächter, dann fährt die Bahn über den Luisenplatz, der bis 1993 Platz der Nationen hieß. Was sie heute nicht mehr tut. Heute nimmt sie den Weg hinter der Sparkasse und dem ehemaligen autonomen Frauenzentrum entlang.

Zeppelin-, Ecke Feuerbachstraße, entlang an den ewig langen Platten, die heute schön bunt sind. Zeppelin 25/26, die damals, so glaube ich, noch nicht besetzt waren. Gerade zu auf den heutigen Späti und vorbei an dem Haus, auf dessen Fassade bis vor kurzem noch „Schallplatten“ in großen Lettern prangte. Geschwister-Scholl-Straße, vorbei an der heutigen Avanti-Pizzeria und der Waschbar…

Ein wundervolles Zeitdokument, aufgenommen im Juli 1990. 8 Monate nach dem Mauerfall. In einer Stadt, die heute mehr und mehr zu einem begehbaren Museum mutiert.


(Direktlink)

Den Ton könnt ihr ruhig runterdrehen und stattdessen Michael Harris‘ wunderschöne „Reflection EP“ laufen lassen, die es hier zum Download gibt. Das passt ganz perfekt.


(Direktlink)

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Die letzte Aufnahme eines gefundenen Smartphones

Tobi hat heute Morgen im Potsdamer Park Babelsberg ein Smartphone nicht angegebener Marke gefunden und das letzte Video aus der Mediathek auf Instagram geladen. Vielleicht erkennt da ja wer irgendwas oder irgendwen, was zur Rückgabe des Telefons führen könnte.

Ich für meinen Teil meide heute mal diese Seite der Stadt.

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Vor 20 Jahren: Hausbesetzer in Potsdam

Spiegel TV war Mitte der 90er in Potsdam und hat sich die Situation der Hausbesetzungen angesehen. Das ist vor allem interessant, weil deutlich wird, wie zerfickt diese Stadt zur Nachwendezeit aussah und wie man dennoch nicht bereit war, das alles ohne weiteres aufzugeben oder dem generellen Zerfall durch Leerstand zu überlassen. Und auch wenn damals die Investoren manchmal mit dem Koffer voller Geld und unverrichteter Dinge wieder abzogen, ist heute so gut wie fast alles hier verkauft, geputzt, auf schön geföhnt und nur schwerlich bezahlbar. Auch für nicht mehr Jugendliche. Auch außerhalb des Stadtzentrums.

Die Hausbesetzer-Bewegung der achtziger Jahre feiert 1994 in Potsdam im holländischen Viertel Wiederauferstehung — aus den Ruinen der DDR-Wohnungswirtschaft ebenso wie aus den Ruinen des Einigungsvertrages.


(Direktlink, via FB)

Hier noch die tollen Fotos, die Jörg Schäfer zu der Zeit von der Szenerie gemacht hatte und nach dem Klick noch unkommentierte Aufnahmen von 1993.

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Wahlkampf in Potsdam: grandios gefakte SPD-Plakate, Plakate der AfD fast gänzlich deplakatiert

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Hier in Potsdam ist am 25.05. nicht nur Europa-Wahl sondern auch gleichzeitig Kommunalwahl. Die ist nicht allen egal. Einige derer, die diese Stadt zumindest in Teilen einst zu dem gemacht haben, was sie auch heute – zumindest in Teilen – immer noch ist, sind frustriert. Wenn sie überhaupt noch hier sind. Die Mieten kann man als Normalverdiener kaum noch zahlen, Orte an denen alternative Kultur damals überhaupt für kulturelles Leben sorgte, wurden gnadenlos auf schön geföhnt und totsaniert, die Stadt verkommt zum preußischen Museum, einige gehen weg. Dorthin wo noch Platz ist für kulturelle Freiräume. Für bezahlbare Ateliers, Proberäume, Visionen oder gar nur für bezahlbaren Wohnraum. Probleme, wie viele Städte sie halt haben. Man kennt das.

Es wäre vermessen, das nur der SPD ans Knie kleben zu wollen. Auch Die Linke fingert hier seit dem Fall der Mauer in der Stadtpolitik mit rum, wenn auch nicht immer mehrheitsfähig und schon etwas preußisch zurückhaltender als eben die SPD es tut. Die aber bleibt hängen, wenn man sich in der Stadt umhört. Ob das fair ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Man schwenkt hier nur allzu gerne die Fahne der Sozialdemokratie, die städtische Entwicklung hingegen spricht für viele der Alteingesessenen offenbar eine andere Sprache.

Vielleicht wurden in den letzten Wochen auch genau deshalb hier von irgendwelchen Leuten Plakate geklebt, die Aussagen im Namen der SPD verbreiten, die die SPD so nie von sich geben würde. Auch wenn die kommunalpolitische Entwicklung das durchaus vermuten lassen könnte. Die SPD allerdings ist über die gefakten Plakate alles andere als amüsiert, Vertreter der Linken sprechen von Satire. Wenn man es allerdings ganz genau nimmt, ist das sehr viel ernster als Satire zu sein versucht. Irgendwer hat da mit einem 800-Gramm-Hammer in Form von in der Stadt geklebten DIN-A2 Plakaten so einigen realistischen Nägeln auf den Kopf getroffen. Die SPD kotzt.

… im Regine-Hildebrandt-Haus [Geschäftsstelle des SPD-Landesverbands Brandenburg] an der Friedrich-Ebert-Straße versteht man diesbezüglich nicht mal ein Späßchen. „Das ärgert uns enorm, das sind ja schließlich nicht unsere Inhalte, die wir vertreten. Deshalb haben wir Anzeige gegen Unbekannt gestellt, wegen unerlaubten Benutzens unseres Logos und wegen Sachbeschädigung“, sagte SPD-Unterbezirksgeschäftsführerin Nadine Lilienthal gestern.

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Ich finde diese Guerilla-Art im Sinne von „denk mal noch mal drüber nach, was Du hier wählen willst“ allerdings ziemlich großartig. Wir brauchen viel mehr davon. Auch auf Bundesebene, wenn mich einer fragt. Warum auch sollen nur die Parteien ihre Sicht der Dinge auf Wände kleben dürfen, während das dem Wähler verwehrt bleibt und seine Meinung dazu einzig an der Wahlurne abgefragt wird?

Aber das ist hier längst nicht alles. Wenn man diesen Artikel der MAZ liest, denkt man ja fast an mafiöse Strukturen auf Ebene des kommunalen Wahlkampfes. Denn nicht nur die SPD ist erzürnt, nein, die Eierköppe von der AfD jammern gar ein bisschen. Darüber nämlich, dass im gesamten Stadtgebiet fast jedes AfD-Plakat „von seiner Halterung gerissen und teils in einem solchen Ausmaß demoliert“ worden sei, „dass eine Wiederanbringung nicht mehr möglich ist“, erklärt AfD-Sprecher Dennis Hohloch und trocknet sich die Tränchen. Auch darüber lacht die Linke, die sich für meinen Geschmack hier viel zu oft hinter den anderen zu verstecken versucht, obwohl sie hier Politik sowohl auf Kommunal- als auch auf Landesebene mitgestaltet. Wohl auch deshalb kamen bei der letzten Bundestagswahl jede Menge Plakaten des Linken-Kandidaten abhanden.

Nur die CDU hat keinen Grund zum Weinen, aber die wählt hier eh keiner.

Alles in allem ist auf diese Stadt dann immer noch Verlass. Vielleicht in der Hoffnung, letztlich nicht ganz im preußischen Antlitz ersaufen zu müssen.

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Die Telekom verscheuert ihre alten Telefonzellen

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(Foto unter CC von iwanp)

Wisst ihr noch, damals? Als man erst mit Kleingeld und später dann mit diesen Telefonkarten eine Telefonzelle suchen musste, um mal eben wen anrufen zu können? Eine tolle Zeit. Keiner, den man gerade nicht sprechen wollte, ging einem per Handy auf den Saque.

Heute gehört die Telefonzelle zur aussterbenden Art, kaum noch irgendwo findet sich eine. Hier am Hauptbahnhof gibt es noch eine – aus dem Stadtbild ist sie sonst so gut wie gänzlich verschwunden. Die Telekom rüstet ab und baut diese ganzen Teile zurück. 3000 davon werden hier um die Ecke in Michendorf zwischengelagert. So richtig wissen die wohl auch nicht, was die damit anstellen sollen. Nun geht die Telekom in die Offensive und verkauft die Teile.

Die klassische Telefonzelle ist eine aussterbende Art: Dank der immer stärkeren Verbreitung von Handys und Smartphones ist sie schon aus vielen Ortsbildern verschwunden. Nicht wenige würden sie gerne wieder aufstellen, wenn auch nicht zum Telefonieren: Immer wieder erreichen die Telekom private Anfragen, ob der Konzern nicht eine ihrer ausrangierten Telefonhäuschen verkaufen könne, doch bis vor kurzem wurden Interessenten stets mit dem Hinweis abgewiesen, dass man die Zellen noch brauche.

Die neueren, schon magenta-farbenen, „TelH90“, gibt es je nach Zustand ab 350,00 EUR. Für die wirklich klassische, olle und gelbe Telefonzelle, „TelH78“, muss man mindestens 450,00 Tacken auf den Tisch legen und abholen muss man den Kasten auch selber. Aber was damit anstellen?

Ich könnte mir so ein Ding ganz wunderbar als „Festnetzanschluss“ im Garten vorstellen. Man würde es von dort aus nie klingeln hören und hätte dann, wenn man doch mal muss, eine durchaus intime und konzentrierte Möglichkeit, telefonieren zu können, die ich, wenn ich schon telefoniere, sehr gerne mag. Gerner noch ohne dem Gestank nach Pisse und kaltem Rauch, wofür Telefonzellen ja seit jeher stehen. Ich würde dafür auch gerne auf die halb weggekokelten Telefonbücher verzichten, die womöglich seit 27 Jahren eh kein Mensch mehr brauchte. (Wie geht es eigentlich den Telefonbuch-Verlagen so?)

Und wenn nicht kann man sich so ein Häuschen immer noch als Dusche ins Bad bauen. Die vielleicht beste Recycling-Form dessen. Nicht umsonst sprachen wir Ostler damals schon immer von „Telefonduschkabinen“, die sich mal wieder irgendwer per Genex gekauft hatte. Dann doch aber bitte schön in Gelb. Natürlich.

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1992: Potsdamer Jugendliche beklagen fehlenden Jugendraum

Die ganz frühen 90er im Osten. Die Mauer war gerade innerhalb kürzester Zeit Geschichte geworden, die Sache mit der neu gewonnenen „Freiheit“ war das ganz, ganz große Ding. Nicht nur für die Alten – gerade für die Jungen, für die dieses Wort nichts weiter als ein völlig abstrakter Begriff war. „Was meint sie überhaupt, diese Freiheit?“ war der Soundtrack dieser Tage. Zumindest wir probierten damals nahezu alles aus. Irgendwer würde uns schon sagen, wo genau die Grenzen dieser neuen Freiheit überschritten wurden.

Wir klauten in der Schulpause mit 25 Leuten bei Rewe, der vor nicht mal drei Jahren noch „die Kaufhalle“ im nun so genannten „Ghetto“ war, wogegen keiner was unternehmen konnte, weil 25 Leute schlicht viel zu viele waren, gegen die man hätte was unternehmen können. Und an Einzelpersonen ging man nicht ran, weil 25 junge Leute in so einem Laden einen Höllen-Respekt erzeugen konnten. Eine wirkliche Konsequenz ergab sich daraus nicht, außer dass der Rewe ein Verbot für Schülergruppen während der Pausen erließ. Damit konnten wir gut leben und gingen nach Schulschluss eben mit 10 Leuten darein.

Wir zerstachen dem Erdkunde-Lehrer in der Pause alle vier Reifen seines Ladas, weil er im Unterricht immer seine Schülerinnen begrapschte, die auch unsere Freundinnen waren. Konsequenzen gab es auch darauf hin nicht. Er wusste wohl, dass das, was er der im Unterricht trieb nicht das war, was einem Lehrkörper in seine Stellungsbeschreibung geschrieben gehört. Außerdem war er ein – mit Verlaub – ein echtes Arschloch, den sie aufgrund seiner politischen Vergangenheit übergangsweise an unserer Gesamtschule geparkt hatten. So wie viele andere der damaligen Lehrer auch. Nur wenige blieben für die restlichen drei Jahre unserer Schullaufbahn überhaupt an der Schule, „schieden aus“, wie das damals offiziell genannt wurde, was am Ende meist „hatte eine MfS-Vergangenheit“ meinte.

Mit dem selben Lehrer kloppten wir uns, wenn er sich in Rempeleien auf dem Schulhof einmischte, was an der Tagesordnung war. Keine Konsequenzen. Wir schlossen Lehrer in Räume ein, brachen den Schlüssel ab und verklebten den Rest des demolierten Schlosses mit Sekundenkleber zu, worauf hin der Hausmeister einen Schlüsseldienst rufen musste, der die arme Frau erst zwei Stunden später aus dem Raum befreien konnte, was mir heute rückblickend wirklich irgendwie sehr leid tut. (Entschuldigung, Frau Behrend!) Keine Konsequenzen.

Wir traten am Morgen nach einem Karate-Kid-und-Chuck-Norris-Abend ein Loch in die Tür des Lehrerzimmers, weil wir wissen wollten, wer sein Bein wohl höher bekommen würde. Der Paul rammelte seinen Fuß so dermaßen hart gegen die Pressspantür mit Pappwaben, das er mit diesem darin hängen blieb und auf einem Bein rückwärts hüpfen musste, als von innen mit einer Heidenaufregung diese Tür geöffnet wurde. Wir hatten keine Ahnung, dass dort Lehrer drin waren. Konsequenzen? Dafür? Keine. Vielleicht eine schriftliche Ermahnung, die unserer Eltern nie erreichten und die wir manchmal selber unterschrieben. Telefone waren damals noch nicht so.

Wir flaggten die komplette Inneneinrichtung eines Klassenzimmers aus dem dritten Stock, so dass das komplette Ghetto dieser Party zumindest aus sicherer Entfernung beiwohnen konnte. Und auch dafür gab es keine Konsequenzen. „Was wir ein geiles Ding, diese Freiheit!“, dachten wir damals. „Davon nehmen wir gerne noch mehr.“

Aber letztendlich gab es dann doch eine Grenze, die nicht überschritten werden durfte. Nachdem sich Paul ob eines Schlüsselbundwurfes des Direktors, der genau Pauls Stirn landete, mit dem Direktor ins Flicken bekam, kassierte er einen endgültigen und konsequenten Schulverweis. Ein halbes Jahr vor dem Abschluss der 10. Klasse. Ab da wurde es ruhiger, auch diese Freiheit also hatte Grenzen. Hätte man uns ja auch früher mal mitteilen können, aber ich glaube, die Lehrer wussten eben auch alle nicht so genau, wer nun wie weit gehen konnte. Sie waren das ja alles nicht gewohnt, woher also sollten sie das auch wissen. Das mit der Freiheit.

So war das zu Beginn der 90er in wahrscheinlich einigen Schulen im Osten. Vor allem in denen, in denen sich jene sammelten, die kein Bock auf Abitur und die Pfeifen an den Realschulen hatten. In den Gesamtschulen. Sicher landeten dort auch welche, die leitungsspezifisch keinen Platz am Gymnasium oder der Realschule bekamen, aber das waren nicht alle. Einige wollten eben nur mit den „coolen Leuten“ zur Schule gehen.

Wir drehten also schon im Schulalltag ziemlich bis sehr am Rad, mit dem nachmittäglichen Freizeitprogramm will ich erst gar nicht anfangen. Jugendclubs gab es zumindest in meinem Kaff damals noch keine, die sollten erst ein-zwei Jahre zum Thema werden, als man feststellen musste, dass sich die ehemaligen Jung- und Thälmannpioniere, die ihre Nachmittage in den Jahren zuvor noch in Sportvereinen, Betriebssportgemeinschaften und Musiknachmittagen verbrachten, auf der Straße sammelten, was kein schönes Bild abgab und nach 3,4,5,6,7 Bier ganz sicher auch keines mehr war.

Dabei sammelte sich dort in den Ansammlungen junger Menschen nicht nur übermäßig viel rechtes Gedankengut, sondern auch der Wunsch nach Jugendhäusern. Beides passte meistens nicht so gut zusammen, denn wer wollte schon Truppen von Rechtsradikalen Häuser stellen, in denen die sich dann auch nachmittags noch treffen und gemeinsam betrinken konnten. Städte und Gemeinden tat sich schwer damit zu begreifen, dass man in derartigen Jugendhäusern auch politisch aufklärerische Arbeit leisten konnte. Durch Sozialarbeiter beispielsweise, die sich auch damals schon durchaus über politische Brisanz junger Rechter im Klaren waren, was in der Politik noch sehr viel mehr Zeit in Anspruch nehmen sollte, wie die 90er heute rückblickend und mitunter auf tragische Art und Weise verdeutlichen.

Dieser kurze Film hier ist ein Zeitdokument aus dem Jahre 1992. Er zeigt Jugendliche in Potsdam, die im Stern (einem ziemlich großen Neubaugebiet) täglich auf der Straße rumhingen und offenbar das Ding mit der neuen Freiheit ausprobierten. Sich betranken, Scheiben einschmissen, rechte Ideologien als Meinung zu verkaufen versuchten und vieles taten, um diese zu relativieren, was zu jener Zeit im Osten ganz weit verbreitet war und was womöglich auch heute noch in Deutschland an der Tagesordnung ist.

Am Ende aber wollten sie damals eins: einen Jugendraum, den sie als solchen nutzen konnten. Die Stadt brauchte dafür allerdings noch etwas Zeit. Irgendwann bekam der Stern dann seinen Klub. Ob diese jungen Menschen hier dann davon Gebrauch machten, entzieht sich meiner Kenntnis. Ob man im Vorfeld durch einen Klub hätte forcieren können, dass manche die Bomber-Jacken und Martens nicht aus vermeintlich politischen Motiven anzuziehen gedachten, leider auch.


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